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Schwacher Euro : Die Angst vor einer starken Währung

EZB-Chef Mario Draghi: Mit seiner Geldpolitik sorgt er für eine Abwertung des Euro. Bild: dpa

Viele Zentralbanken wollen ihre eigene Währung abwerten, um auf dem Weltmarkt einen Vorteil zu haben. Doch es gibt auch Verlierer, und das sind vor allem die Verbraucher.

          Seit Dezember vergangenen Jahres haben mehr als zwanzig Zentralbanken ihre Geldpolitik gelockert. Das heißt, sie haben ihre meist ohnehin niedrigen Leitzinsen noch weiter gesenkt; mehrere Zentralbanken haben zudem Käufe von Staatsanleihen beschlossen. Die Bewegung, bei der auch die Europäische Zentralbank mitmacht, lässt sich in allen fünf Kontinenten beobachten und dürfte noch nicht an ihr Ende gelangt sein. Ein wichtiges Ziel dieser geldpolitischen Lockerungen besteht in der Abwertung der eigenen Währung am Devisenmarkt, um über eine Verbilligung der Ausfuhren von Gütern und Dienstleistungen Wettbewerbsvorteile im Außenhandel zu erzielen.

          Die Erfolgsaussichten einer Abwertung sind unsicher. Aber es lässt sich nicht bestreiten, dass sich in vielen Ländern heute eher Angst vor einer starken als vor einer schwachen Heimatwährung breitmacht. Sorge vor einer zu starken Währung lässt sich mittlerweile auch in den Vereinigten Staaten beobachten, deren Dollar in den vergangenen Monaten stark aufgewertet hat. Dort klagen exportorientierte Unternehmen immer lauter. Die Führung der amerikanischen Zentralbank, die Federal Reserve, hat zur Wochenmitte ihre Erwartungen für das Wirtschaftswachstum reduziert. Als einen Grund nannte die Vorsitzende Yellen die Stärke des Dollars.

          Verlierer der Abwertung sind die Verbraucher

          Die Abwertung einer Währung geht mit Verteilungswirkungen einher. Das lässt sich anhand des Euros zeigen, der seit Mai 2014 gegenüber dem Dollar mehr als ein Fünftel seines Wertes verloren hat. Die Abwertung bietet exportorientierten Unternehmen und international ausgerichteten Kapitalanlegern Chancen, aber sie benachteiligt Verbraucher. Vorteile haben Besitzer von Anlagen in fremden Ländern, deren Währungen aufwerten. Daher verkaufen seit Monaten große Kapitalanleger ihre Euro-Anleihen, um Dollar-Anleihen zu erwerben. Auf dem amerikanischen Kapitalmarkt locken nicht nur die etwas höheren Zinsen, sondern auch Wechselkursgewinne durch eine Aufwertung des Dollars.

          Umgekehrt verkaufen seit Wochen große Kapitalanleger amerikanische Aktien, um Aktien aus dem Euroraum zu erwerben. Diese Umschichtungen erklären zum großen Teil die Hausse am deutschen Aktienmarkt. Diese Kapitalanleger erwarten unter anderem steigende Gewinne bei europäischen Unternehmen, denen der schwache Euro im Export helfen soll. Gegen Wechselkursverluste aus einer Abwertung des Euros haben sie sich meist durch Termingeschäfte abgesichert.

          Zu den Verlierern der Abwertung zählen Verbraucher. Nicht nur wird ihr Urlaub in Ländern wie den Vereinigten Staaten oder der Schweiz teurer, auch für manche Importgüter, zum Beispiel für Kaffee, steigen die Preise. Die Wirkung der Abwertung des Euros wird derzeit kaschiert durch den großen Preisverfall des Rohöls, der dazu führt, dass trotz der schwächeren Währung die Preise für Benzin, Diesel und Heizöl heute niedriger sind als vor einem Jahr.

          Kein Konjunkturfeuerwerk zu erwarten

          Nicht nur die Verteilungswirkungen einer Abwertung sind bedenklich. In den vergangenen Jahrzehnten wurde die stimulierende Wirkung von Abwertungen für das Wirtschaftswachstum häufig überschätzt. Es bedarf gewöhnlich sehr starker und über viele Jahre wirkender Wechselkursänderungen, um spürbare wirtschaftliche Effekte zu erzielen – und diese müssen nicht positiv sein. Die Wettbewerbsfähigkeit einer Wirtschaft hängt von vielen Faktoren ab.

          Auf dem aktuellen Kursniveau liegt der Euro, der bei einem Kurs von 1,40 Dollar überbewertet war, fünf bis zehn Prozent unter jenem Kurs, den Fachleute auf der Basis wirtschaftlicher Daten für angemessen halten. Von dieser Unterbewertung sollte man kein Konjunkturfeuerwerk erwarten. Zwar werden derzeit von vielen Ökonomen die Aussichten für das diesjährige Wirtschaftswachstum im Euroraum zunehmend besser beurteilt. Doch dieser Optimismus gründet stärker auf dem gefallenen Ölpreis, der den Verbrauchern einen größeren finanziellen Spielraum lässt, als auf der schwächeren Währung.

          Das Streben nach Abwertung ist zumindest umstritten, selbst wenn es im Zug der Zeit liegt. Es bildet jedoch nur einen Bestandteil einer breiter angelegten wirtschaftspolitischen Strategie, deren Risiken und Nebenwirkungen nicht unterschätzt werden sollten. Regierungen und Zentralbanken bemühen sich schon jahrzehntelang, mit Hilfe einer expansiven Finanz- und Geldpolitik das Wirtschaftswachstum, das sich in den Industrienationen tendenziell schon lange verlangsamt, wieder zu beleben. Das Ergebnis sind Schuldenberge und eine zunehmende Maßlosigkeit in der Beeinflussung von Preisen an den Finanzmärkten.

          Denn nicht nur Wechselkurse bilden sich heute im Banne der Politik, sondern auch die Preise von Anleihen, Aktien, Immobilien und Rohstoffen. Wenn Finanzhäuser und andere Anleger als Folge verzerrter Preise Geschäfte betreiben, deren Risiken sie nicht mehr richtig beurteilen können, entsteht das Potential für eine schwere Finanzkrise. Die Kosten einer schweren Finanzkrise sind, wie die vergangenen Jahre gezeigt haben, nicht nur materieller Natur. Sie beschädigen das Vertrauen der Menschen in die Ordnung, in der sie leben.

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