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Zinssitzung : Die Fed gibt klare Signale für eine Leitzinserhöhung

Die Zentrale der amerikanischen Notenbank Federal Reserve in Washington Bild: Reuters

Aussagen der amerikanischen Zentralbank haben die Märkte auf dem falschen Fuß erwischt. Der Dollar steigt auf ein Zwischenhoch.

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          Eine baldige amerikanische Leitzinserhöhung erscheint deutlich wahrscheinlicher als bisher von den Finanzmärkten eingepreist. Das geht aus den Protokollen der jüngsten geldpolitischen Sitzung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) im April hervor. Sie zeigen, dass innerhalb der Fed deutlich offener und kontroverser über eine Leitzinserhöhung diskutiert wurde, als gemeinhin angenommen wurde.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Protokolle lassen eine hohe Bereitschaft mehrerer Zentralbanker erkennen, bei günstigen ökonomischen Kennziffern im Juni die im Dezember 2015 eingeleitete Normalisierung der Geldpolitik fortzusetzen. Eine Zinserhöhung sei womöglich angemessen, wenn die hereinkommenden Daten die Erwartung spiegeln, dass das Wachstum im zweiten Quartal deutlich zunehme, heißt es in den Protokollen.

          Ein solches Szenario wird nun angesichts der jüngsten volkswirtschaftlichen Daten wahrscheinlicher: Diese deuten eine Rückkehr der Inflation an und zeigen eine robuste Wirtschaftsentwicklung in den Vereinigten Staaten. Im April stiegen die Preise um 0,4 Prozent (oder 1,1 Prozent im Jahresvergleich) und damit so stark wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr.

          Dazu kommt, dass die amerikanische Volkswirtschaft nach einem schwachen ersten Quartal mit einem annualisierten Wachstum von 0,5 Prozent ersten Frühindikatoren zufolge seit Anfang April deutlich an Schwung gewonnen hat. Die Zentralbank von Atlanta prognostiziert 2,5 Prozent annualisiertes Wachstum fürs zweite Quartal. Die Stimmung der Konsumenten weist ebenfalls nach oben: Nach der jüngsten Umfrage der Universität Michigan ist sie so gut wie seit fast einem Jahr nicht mehr.

          Überraschende Wendung

          Die Finanzmärkte wurden offenkundig auf dem falschen Fuß erwischt von dieser Kombination an eher positiven Wirtschaftsnachrichten und der im Fed-Protokoll deutlich werdenden Entschlossenheit vieler Zentralbanker, den Kurs der Normalisierung fortzusetzen. Wenige Tage vor der Veröffentlichung der Fed-Protokolle hatten Börsenhändler die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinserhöhung im Juni bei vier Prozent gesehen, jetzt schätzen die Händler sie nach einem Bericht von Bloomberg auf 32 Prozent. Tim Duy, renommierter Fed-Beobachter und Ökonomieprofessor in Oregon, sagte, die Märkte seien zu selbstgefällig in ihrem Urteil gewesen, die wirtschaftliche Entwicklung erlaube keine Leitzinserhöhung im Juni.

          Aus dem Protokoll wird auch der Wunsch der Zentralbanker erkennbar, sich Spielraum zu verschaffen: Sie signalisieren die Möglichkeit jetzt schon, um die Märkte vor einer noch größeren Überraschung zu bewahren, wenn die Leitzinsen im Juni tatsächlich angehoben werden sollten. Regionale Zentralbank-Chefs hatten offenkundig ebenfalls mit dem Ziel, die Finanzmärkte einzuordnen, am Dienstag deutlich gemacht, die geldpolitischen Zügel könnten im Juni angezogen werden. Der Dollar stieg im Vergleich zu wichtigen Währungen auf ein Sieben-Wochen-Hoch. Europäische Aktien gaben am Donnerstag zunächst nach.

          Marktstrategen richten ihren Blick jetzt auf die nächsten wichtigen Statistik-Termine: Ende Mai revidiert die Regierung voraussichtlich die Wachstumszahlen für das erste Quartal nach oben, im frühen Juni kommen Arbeitsmarktzahlen, die einen Hinweis geben, ob die amerikanische Volkswirtschaft der angestrebten Vollbeschäftigung näher kommt, nachdem der Arbeitsmarkt zuletzt etwas an Schwung verloren zu haben schien. Fed-Chefin Janet Yellen könnte in zwei Reden noch vor der Sitzung Mitte Juni weiteren Aufschluss über den geldpolitischen Pfad geben.

          Einen Schatten wirft allerdings die Volksabstimmung in Großbritannien über den Verbleib in der Europäischen Union. Sollten die Briten einen Brexit befürworten, könnte das eine Flucht in sichere Werte wie den Dollar auslösen. Das Risiko eines solchen Szenarios könnte die Fed doch noch abhalten, die Leitzinsen schon im Juni anzuheben, wird spekuliert.

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