https://www.faz.net/-gv6-8ojrc

Ökonomie kurz erklärt : Die Chancen des Freihandels

Bild: BR24

Der Freihandel hat derzeit einen schweren Stand. Die Menschen sind der Anpassungen müde, die die Globalisierung auslöst. Was also ist am Freihandel so gut?

          TTIP, Ceta, TPP – die Regierungen der Welt wollen mehr Freihandel. Und nehmen dafür in Kauf, dass ihre Wähler auf die Straße gehen. Denn die fürchten, dass Wirtschaftskapitäne sich die Taschen voll machen – sie aber am Ende weniger Geld haben, schlechtere Waren bekommen oder arbeitslos werden.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Unter Volkswirten gilt etwas anderes: Freihandel nützt letztlich allen. Warum, hat der britische Ökonom David Ricardo schon vor zweihundert Jahren erklärt.

          Angenommen, England und Portugal stellen nur zwei Dinge her: Tuch und Wein. Portugal braucht für einen Ballen Tuch acht Arbeiter, England nur vier. Dafür braucht England für Wein acht Arbeiter, im Weinberg an der Algarve sind es nur vier. Jedes Land stellt nun für sich einen Ballen Tuch und ein Fass Wein her.

          Besser wird es mit Spezialisierung: Wenn die portugiesischen Weber in den Weinbau wechseln, kann das Land drei Fass Wein herstellen. Wenn man sich das teilt, hat jeder mehr, alles wird billiger, alle sind happy. Und die Engländer trinken besser und die Portugiesen sehen besser aus.

          Ein etwas ausgefeiltere Darstellung findet sich in der folgenden Tabelle:

          Freihandel unter gleich entwickelten Ländern
          Produktion bei Autarkie Produktion bei Freihandel
          England Portugal England Portugal
          Weber pro Ballen Tuch 4 8 4 8
          Winzer pro Fass Wein 8 4 8 4
          Gesamtzahl Weber 60 60 120 0
          Gesamtzahl Winzer 60 60 0 120
          Tuchproduktion 15 7,5 30 0
          Weinproduktion 7,5 15 0 30
          Gesamtproduktion 22,5 22,5 30 30
          Tuchexport - - 15 0
          Weinexport - - 0 15
          Tuchimport - - 0 7,5
          Weinimport - - 7,5 0,0
          Mehrproduktion 33%
          Quelle: FAZ.NET

                

          Freihandel bei ungleichen Partnern

          Was aber, wenn die Portugiesen alles billiger herstellen? Angenommen, Portugal braucht für Wein vier und für Tuch gar nur zwei Mann. England jedoch für Tuch drei und für Wein sogar zwölf. In England kostet der Ballen Tuch dann ein viertel Fass Wein, in Portugal ein halbes. Englisches Tuch ist für die Portugiesen weiter billiger.

          Wenn in England zuvor je sechzig Arbeiter zwanzig Ballen Tuch und fünf Fass Wein produziert haben, könnten die auch vierzig Ballen Tuch herstellen. Zwanzig Ballen könnte man nach Portugal exportieren.

          Freihandel unter unterschiedlich entwickelten Ländern
          Produktion bei Autarkie Produktion bei Freihandel
          England Portugal England Portugal
          Weber pro Ballen Tuch 3 2 3 2
          Winzer pro Fass Wein 12 4 12 4
          Gesamtzahl Weber 60 60 120 20
          Gesamtzahl Winzer 60 60 0 100
          Tuchproduktion 20 30 40 10
          Weinproduktion 5 15 0 25
          Gesamtproduktion 70 75
          Angebot Tuchexport - - 20 0
          Angebot Weinexport - - 0 10
          Nachfrage Tuchimport - - 0 20
          Nachfrage Weinimport - - 5 0
          Tuchüberschuss - - 0 0
          Weinüberschuss - - 0 5
          Quelle: FAZ.NET; Die Zahlen wurden so gewählt, weil sich leichter damit rechnen lässt.

          Dort hat man bislang dreißig Ballen Tuch hergestellt, braucht aber jetzt nur noch zehn. Vierzig Arbeiter könnten in den Weinbau wechseln und dort zehn Fass Wein produzieren.

          Diese zehn Fass könnte man dann für englisches Tuch hergeben. Die Portugiesen hätten dann aber nur so viel wie vorher. Umgekehrt wollen die Engländer nur handeln, wenn sie mehr bekommen als die fünf Fass Wein, die sie nun nicht mehr herstellen. Also trifft man sich in der Mitte. Beide haben mehr Wein als vorher, in Portugal ist Tuch billiger und die englische Tuchindustrie bekommt mehr. Alle haben gewonnen und sind wieder happy.

          Terms of Trade
          Tauschverhältnis 20 Tuch zu 5 Wein Tauschverhältnis 20 Tuch zu 10 Wein
          England Portugal England Portugal
          Tuch Autarkie 20 30 Tuch Autarkie 20 30
          Wein Autarkie 5 15 Wein Autarkie 5 15
          Tuch Freihandel 20 30 Tuch Freihandel 20 30
          Wein Freihandel 5 20 Wein Freihandel 10 15
          Gewinn an Tuch 0 0 Gewinn an Tuch 0 0
          Gewinn an Wein 0 5 Gewinn an Wein 5 0
          Nur Portugal gewinnt --> Kein Handel! Nur England gewinnt --> Kein Handel!
          Tauschverhältnis 20 Tuch zu 7 Wein
          England Portugal
          Tuch Autarkie 20 30
          Wein Autarkie 5 15
          Tuch Freihandel 20 30
          Wein Freihandel 7 18
          Gewinn an Tuch 0 0
          Gewinn an Wein 2 3
          Beide gewinnen --> Handel ist möglich
          Quelle: FAZ.NET; Die Zahlen wurden so gewählt, weil sich leichter damit rechnen lässt.

          Die Anpassung ist das Problem

          So weit, so schön. In der Wirklichkeit ist es nicht so einfach. Aus Webern werden so schnell keine Winzer und aus Weingütern Tuchfabriken. Je schneller die Umstellungen, desto schneller bringt der Freihandel Gewinn.

          Dieser Weg kann dann aber mit Arbeitslosigkeit und Insolvenzen verbunden sein. Theoretisch sind dies nur Übergangseffekte, praktisch sieht so mancher Tuchmacher und Winzer – und nicht nur die – seine Existenz bedroht. Je mehr Anpassungen diese Globalisierung erfordert, desto mehr kann sie Menschen überfordern.

          Andererseits ist der Zwang zur Anpassung da. Denn wenn sich England nicht auf den Handel mit Portugal einlässt, und der abgewiesene Partner einen anderen findet, so kaufen die Portugiesen das Tuch eben woanders und verkaufen ihren Wein auch dorthin.

          Das Modell zeigt auch, dass der Verzicht auf Handelsgewinne keine Lösung ist. Einmal angenommen, England sei autark. Nun aber wird wie 1764 die „Spinning Jenny“ erfunden und statt vier Webern (Beispiel 1) braucht man in England nur noch zwei für einen Ballen Tuch.

          Damit werden Weber arbeitslos und England steht eher vor einem noch größeren Anpassungsproblem, weil Mehrproduktion mangels (Auslands-)Nachfrage nicht absetzbar ist. Das zeigt auch, dass nicht die Globalisierung an sich die Ursache der Arbeitslosigkeit ist, sondern in beiden Fällen der technische Wandel.

          Er tritt nur in unterschiedlicher Form auf: Bei Freihandel kommt er von außen, bei Autarkie kann er von innen kommen. Will man diese Anpassungsprozesse vermeiden, muss man also neben dem Freihandel auch noch den technischen Fortschritt abschaffen.

          Natürlich fängt eine steigende Binnennachfrage einen Teil dieses Wandels auf. Doch das gilt ebenso für den Außenhandel. So geht etwa die portugiesische Tuchindustrie in Beispiel 2 nicht ganz zugrunde. Denn die Inlandsnachfrage ist größer als der Tuchimport. Dazu bietet der Weinexport neue Arbeitsplätze im Weinbau. Außenhandel bietet daher neben Anpassungslasten auch eine ganze Reihe von Chancen für die Zukunft.

          Weitere Themen

          Die größten Börsengänge Video-Seite öffnen

          Das sind die Top 10 : Die größten Börsengänge

          Uber wird bei seinem Börsengang etwas mehr als acht Milliarden Dollar erlösen – und kommt damit nicht unter die Top 10 der größten Börsengänge. Die ersten vier Plätze belegen Konzerne aus China; aus Deutschland ist ein Unternehmen dabei.

          Topmeldungen

          Nach Mays Ankündigung : Brexit-Opfer

          Das Brexit-Thema wurde May wie zuvor schon Cameron zum politischen Verhängnis – und es ist eine Last, die auch die kommende Regierung nicht einfach abschütteln kann. Die EU allerdings auch nicht.
          Erst der Anfang: Dem „Spiegel“ stehen grundlegende Neuerungen bevor.

          Bericht zu „Spiegel“-Skandal : „Ein verheerendes Bild“

          Fünf Monate nach dem Bekanntwerden seines Fälschungsskandals hat der „Spiegel“ den Abschlussbericht seiner internen Untersuchung vorgelegt. Er offenbart eine Verkettung missachteter Warnungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.