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Tiefster Stand seit zwei Jahren : Rohstoffpreise im freien Fall

Der Preis sinkt: Für Rio Tinto lohnt sich der Abbau von Eisenerz in der australischen Mine Pibara immer weniger Bild: Bloomberg

Der Preis für Rohöl ist auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren gefallen, Überkapazitäten drücken den Erzpreis. Analysten rufen nun das „Ende des Eisenzeitalters“ aus.

          Die Rohstoffpreise sind auf dem tiefsten Stand seit mehreren Jahren gefallen. Der Preis für Rohöl sank am Donnerstag auf ein Zweijahrestief bei knapp 97 Dollar je Barrel (159 Liter). Der 22 Rohstoffe umfassende Bloomberg Commodity Index, einer der wichtigsten Rohstoffindizes der Welt, ist auf dem niedrigsten Niveau seit Juni 2010. Der energielastige, 24 Rohstoffe abbildende S&P GSCI Index ist auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren gefallen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sowohl Energie- und Agrarrohstoffe als auch Industriemetalle befinden sich im Abwärtssog. So hat zum Beispiel der Preis für einen Barrel des Nordseeöls Brent seit Jahresanfang um etwa 13 Prozent nachgeben. Kupfer hat sich um 7 Prozent verbilligt, Mais und Sojabohnen jeweils um etwa 20 Prozent. Doch es gibt auch Ausnahmen: Wegen hoher Produktionsausfälle in Brasilien, dem größten Kaffeeproduzenten der Welt, stieg der Preis für die Bohnen seit Jahresanfang um mehr als 60 Prozent.

          Palladium verteuerte sich um 20 Prozent wegen andauernder Streiks im größten Förderland Südafrika. Grund für die auf breiter Front fallenden Preise sind Sorgen über die konjunkturelle Entwicklung in Europa und vor allem China. Zeichen, dass sich das chinesische Wirtschaftswachstum verlangsamen könnte, drückten in den vergangenen Tagen auf den Kupferpreis. Zudem belastet der starke Dollar die Rohstoffpreise, die am Weltmarkt in der amerikanischen Währung gehandelt werden.

          Stocken der Konjunktur

          Der Rohölpreis litt am Donnerstag vor allem darunter, dass die Internationale Energieagentur ihre Nachfrageprognose für das laufende sowie das kommende Jahr deutlich gesenkt hat. Unter dem Eindruck fallender Ölpreise hat Saudi-Arabien seine Produktion im August schon um 408.000 Barrel am Tag im Vergleich zum Vormonat gekürzt. Dadurch soll die Überversorgung abgebaut und die steigende Produktion aus Libyen und den Vereinigten Staaten ausgeglichen werden.

          Auch der Preis für Eisenerz ist in diesem Jahr unter dem Eindruck einer schwächeren Konjunktur in China um 40 Prozent gefallen. Die chinesische Stahlbranche ist der Hauptabnehmer von Erz aus Australien oder Brasilien. Geringere Bestellungen deuten deshalb nicht nur auf sinkende Margen der Bergwerkskonzerne hin, sondern auch auf ein Stocken der Konjunktur in Nordasien.

          „Der Preisverfall war dramatisch, aber der schwache Ausblick in China und das strukturelle Überangebot lassen eine Erholung unwahrscheinlich erscheinen“, warnt die Investmentbank Goldman Sachs nun in einer Studie mit dem griffigen Titel „Das Ende des Eisenzeitalters“. Die niedrigeren Preise für Erz und Stahl dürften die Nachfrage nicht spürbar ankurbeln. Stattdessen rücke der Zeitpunkt näher, an dem die Stahlproduktion in China ihren Höhepunkt erreiche.

          „Struktureller Abwärtstrend“

          Asiens größte Volkswirtschaft verbraucht fast 70 Prozent des weltweit exportierten Erzes. Die Analysten der Bank JP Morgan Chase teilen diese Einschätzung: Auch sie sehen Eisenerz in einem „strukturellen Abwärtstrend“. Und Alberto Calderon, Vorstand des Minen-Zulieferers Orica, glaubt, dass die Preise um weitere 15 Prozent fallen werden. „Die Mauer des überschüssigen Angebotes ist nicht zu übersehen. Irgendwann muss sich einmal jemand vorwagen und sagen, wir gehen alle zusammen auf einen Abgrund zu.“

          Im nächsten Jahr soll der Erzpreis nach Ansicht der Goldman-Analysten auf 80 Dollar je Tonne verharren, um dann auf 79 Dollar zu fallen. Für 2017 kürzten sie ihre Prognose von 85 auf 78 Dollar. Ihrer Ansicht nach wird sich die weltweite Erzhalde von derzeit 52 Millionen Tonnen auf 163 Millionen Tonnen bis zum nächsten Jahr schon mehr als verdreifachen. Im Jahr 2018 könnten dann schon 334 Millionen Tonnen auf Käufer warten. Mit solchen Einschätzungen stellen sie sich gegen die Industrie. Die nämlich steigert nicht nur die Fördermenge weiter dramatisch, sondern rechnet sogar mit höheren Preisen.

          Sie sollten zustande kommen, weil bei einem Preisniveau um die 80 Dollar je Tonne nur noch die Großunternehmen mit Gewinnen fördern können – so werde der Markt in den nächsten Monaten deutlich bereinigt werden, hoffen die Konzernvorstände. So rechnet der Vorstandsvorsitzende von Rio Tinto, Sam Walsh, damit, dass in diesem Jahr Produktionskapazitäten von 125 Millionen Tonnen stillgelegt werden. Zugleich hoffen die Förderer darauf, dass China seine schwächere Konjunktur noch einmal anheizen wird – dies würde rasch zu weiterer Bautätigkeit und damit zur stärkeren Nachfrage nach Stahl führen.

          Derzeit scheinen die Aktionäre freilich eher den kritischen Analysten Glauben zu schenken als den Prognosen der Vorstandschefs ihrer Unternehmen. Die Aktie des weltgrößten Erzlieferanten, der brasilianischen Vale, gab seit Jahresbeginn 23 Prozent nach. Die Nummer drei in Australien, Fortescue Metals Group, verlor 32 Prozent. Die beiden großen Bodenschatzkonglomerate ködern die Anteilseigner mit Aktienrückkäufen und dem Abtrennen wenig ertragreicher Geschäfte – Rio Tinto verlor gut 5 Prozent, Weltmarktführer BHP Billiton stagniert. Sie alle haben ihre Vorstände ausgetauscht und von unbändigem Wachstum auf Konsolidierung umgeschaltet. Allerdings wollen sie die begonnenen Projekte beim Erz fortsetzen.

          Die Schweizer Bank UBS hat berechnet, dass schon heute rund ein Viertel des derzeitigen weltweiten Angebotes ohne Gewinn gefördert wird. Die großen Produzenten aber setzen darauf, den längeren Atem zu haben. Denn sie kennen die Förderkosten genau: Während die Chinesen Förderpreise zwischen 75 und 145 Dollar je Tonne haben, schreibt Rio Tinto ab 45 Dollar je Tonne Gewinn, BHP Billiton braucht 50 Dollar je Tonne und Fortescue mindestens 74 Dollar. Damit läuft die Strategie der Weltkonzerne darauf hinaus, die chinesischen Bergwerke über fallende Preise aus dem Markt zu drängen.

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