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Technischer Fortschritt : Wer braucht noch Bargeld?

Immer mehr Rechnungen werden mit Giro- oder Kreditkarten beglichen, immer weniger mit Banknoten. Bild: dpa

Als Zahlungsmittel werden Banknoten immer mehr durch elektronisches Geld ersetzt. Ökonomen fordern, das Bargeld noch weiter zurück zu drängen. Wird es in Zukunft nur noch elektronisches Geld geben?

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          Miles Kimball ficht seit knapp zwei Jahren einen großen Kampf. Unermüdlich fordert er in seinem Blog im Internet dazu auf, den Gebrauch des Bargeldes im Wohle der Gesamtwirtschaft wenn nicht ganz zu verhindern, so aber doch zu verteuern. Zu glauben, der Mann werde nicht ernst genommen, wäre ein schwerer Irrtum. Im vergangenen Jahr hat er seine Ideen unter anderem in der amerikanischen Fed, der Bank of England, der Bank of Japan und der Banque de France vorgestellt. In den kommenden Wochen wird er nach eigenen Angaben in der Europäischen Zentralbank, der Deutschen Bundesbank, der Schweizerischen Nationalbank und der Banca d’Italia zu Gast sein. Da kommt nicht jeder hin.

          Miles Kimball ist Amerikaner, Wirtschaftsprofessor an der angesehenen, aber auch nicht elitären University of Michigan und nach eigenem Bekunden kein Mann der Extreme, sondern der politischen Mitte. Seine Idee, die Haltung von Bargeld künstlich zu verteuern, kommt in einer Zeit, in der technischer Fortschritt dazu führt, dass elektronische Zahlungen in vielen Ländern beliebter werden. Besonders in Skandinavien befindet sich das Bargeld auf dem Rückzug, so dass dort schon über sein vollständiges Verschwinden spekuliert wird. Die großen Banken aus dem Norden haben in den vergangenen Jahren die Zahl ihrer Kassenautomaten deutlich reduziert. In der neuen monetären Welt der Skandinavier dominieren Zahlungen per Kreditkarte, Internet und, besonders an Beliebtheit gewinnend, per Smartphone. In anderen Ländern, darunter Deutschland, steht Bargeld noch in einem höheren Ruf. Andererseits wird nach Schätzungen ein nennenswerter Anteil der Euro-Banknoten außerhalb der Europäischen Währungsunion verwendet so wie auch der größte Teil der auf Dollar lautenden Banknoten außerhalb der Vereinigten Staaten kursieren dürfte.

          Kimball geht es um die Bekämpfung der Wirtschaftskrise

          Dieses Bargeld wird keineswegs nur von Verbrechern genutzt, ist aber auch in den Reihen der organisierten Kriminalität beliebt, wie Funde von Sicherheitsbehörden zeigen. So wurden vor einigen Jahren in einer Villa in Mexiko im Zusammenhang mit Drogendelikten 205 Millionen Dollar in Banknoten entdeckt. Der bekannte amerikanische Ökonom Ken Rogoff schrieb dieser Tage in der „Financial Times“ aus der Sicht des Gesetzestreuen pointiert: „Papiergeld eignet sich nicht für eine Welt der Schwerkriminalität und der niedrigen Inflation.“ Rogoff geht es dabei vor allem um die Beseitigung der Banknoten mit hohen Nennwerten, die ein Normalbürger eher selten benutzt, und ihren Ersatz durch elektronisches Geld. Damit würden nach seiner Ansicht zwei Fliegen mit einer Klappe erledigt.

          Kimball geht es weniger um die Bekämpfung der Kriminalität als um die Bekämpfung der Wirtschaftskrise. Sein Vorschlag leitet sich aus einer in Deutschland wenig verbreiteten, in der angelsächsischen Welt aber nahezu überall gelehrten Wirtschaftstheorie ab. Sie besagt stark vereinfacht, dass eine Wirtschaftskrise erfolgreich durch eine expansive Geldpolitik bekämpft werden kann und dass es bei einer schweren Krise notwendig sein kann, negative Zinsen herbeizuführen. So erwägt die EZB die Einführung eines negativen Zinses, der schon auf der Sitzung des Zentralbankrats am kommenden Donnerstag beschlossen werden könnte. Allerdings handelte es sich in diesem Falle nur um einen negativen Zins auf Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB. Das ist ein Grund, warum sich viele Fachleute davon nicht viel versprechen und ein solches Instrument bisher nur sehr selten angewendet worden ist. Dänemark hatte in denn vergangenen Jahren einen solchen negativen Zins, der aber mittlerweile wieder abgeschafft worden ist.

          Veränderung des Bargeldumlaufs seit 2001

          Sehr viel wirksamer wäre vermutlich ein negativer Zins, wenn er auf die Konten von Privatpersonen und Unternehmen bei Geschäftsbanken angewendet werden könnte. Dann, so die Logik der vor allem in der angelsächsischen Welt verbreiteten Theorie, könnte es zu einer Wirtschaftsbelebung kommen, wenn die Privatpersonen ihre nunmehr unattraktiven Bankguthaben entweder für Konsumgüter verwenden oder in längerfristige Anlagen wie Anleihen oder Aktien transferieren, weil damit Investitionen von Unternehmen erleichtert würden.

          In unserer heutigen Welt besäßen Privatleute und Unternehmen im Falle negativer Zinsen auf ihren Bankkonten aber noch eine weitere Option: Sie könnten ihre Guthaben in Form von Bargeld abheben und das Bargeld im Safe, unter der Matratze oder anderswo sicher deponieren. Dass dies viele Menschen täten, gilt als sehr wahrscheinlich. Die Existenz des Bargeldes gilt unter vielen Ökonomen als der wesentliche Grund, warum negative Zinsen als geldpolitisches Instrument weitgehend ausfallen. Daher haben Zentralbanken wie die Fed oder die Bank of England ersatzweise zu Käufen von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren gegriffen, als sie ihre Leitzinsen bis nahe null Prozent gesenkt hatten.

          Zur Ermöglichung negativer Zinsen soll Bargeld nicht abgeschafft werden

          Kimball gibt sich mit dieser Argumentation nicht zufrieden. Sein Mantra lautet: „Die Nullzinsgrenze ist kein natürliches Phänomen, sondern eine politisch gewollte Grenze.“ Kimball will, um die Einführung negativer Zinsen zu ermöglichen, das Bargeld nicht abschaffen. Ein Grund besteht für ihn darin, dass es aus der Sicht des Einzelnen sinnvolle und dabei nicht-kriminelle Verwendungen von Bargeld geben mag, die der Staat nicht einfach verunmöglichen sollte. Dies wäre für den Amerikaner ein unstatthafter Eingriff in die Freiheit des Individuums.

          Wohl aber kann man aus seiner Sicht die Verwendung von Bargeld unattraktiv machen. Daher tritt er dafür ein, dass der Staat ausschließlich elektronisches Geld zum gesetzlichen Zahlungsmittel ernennt und Bargeld diesen Status nimmt. Nun wäre es möglich, einen Wechselkurs für den Umtausch von Bargeld in elektronisches Geld einzuführen. Dieser kann in normalen Zeiten bei Eins liegen – Bargeld wäre dann so viel wert wie Geld auf dem Konto. In Krisenzeiten, wenn nach Ansicht von Ökonomen wie Kimball negative Zinsen auf Bankkonten notwendig würden, wäre es möglich, das Bargeld gegenüber dem elektronischen Geld abzuwerten. Damit sollen Privatpersonen und Unternehmen dazu verleitet werden, ihre Guthaben nicht in Bargeld zu tauschen.

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