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Technischer Fortschritt : Wer braucht noch Bargeld?

Kimball geht es weniger um die Bekämpfung der Kriminalität als um die Bekämpfung der Wirtschaftskrise. Sein Vorschlag leitet sich aus einer in Deutschland wenig verbreiteten, in der angelsächsischen Welt aber nahezu überall gelehrten Wirtschaftstheorie ab. Sie besagt stark vereinfacht, dass eine Wirtschaftskrise erfolgreich durch eine expansive Geldpolitik bekämpft werden kann und dass es bei einer schweren Krise notwendig sein kann, negative Zinsen herbeizuführen. So erwägt die EZB die Einführung eines negativen Zinses, der schon auf der Sitzung des Zentralbankrats am kommenden Donnerstag beschlossen werden könnte. Allerdings handelte es sich in diesem Falle nur um einen negativen Zins auf Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB. Das ist ein Grund, warum sich viele Fachleute davon nicht viel versprechen und ein solches Instrument bisher nur sehr selten angewendet worden ist. Dänemark hatte in denn vergangenen Jahren einen solchen negativen Zins, der aber mittlerweile wieder abgeschafft worden ist.

Veränderung des Bargeldumlaufs seit 2001

Sehr viel wirksamer wäre vermutlich ein negativer Zins, wenn er auf die Konten von Privatpersonen und Unternehmen bei Geschäftsbanken angewendet werden könnte. Dann, so die Logik der vor allem in der angelsächsischen Welt verbreiteten Theorie, könnte es zu einer Wirtschaftsbelebung kommen, wenn die Privatpersonen ihre nunmehr unattraktiven Bankguthaben entweder für Konsumgüter verwenden oder in längerfristige Anlagen wie Anleihen oder Aktien transferieren, weil damit Investitionen von Unternehmen erleichtert würden.

In unserer heutigen Welt besäßen Privatleute und Unternehmen im Falle negativer Zinsen auf ihren Bankkonten aber noch eine weitere Option: Sie könnten ihre Guthaben in Form von Bargeld abheben und das Bargeld im Safe, unter der Matratze oder anderswo sicher deponieren. Dass dies viele Menschen täten, gilt als sehr wahrscheinlich. Die Existenz des Bargeldes gilt unter vielen Ökonomen als der wesentliche Grund, warum negative Zinsen als geldpolitisches Instrument weitgehend ausfallen. Daher haben Zentralbanken wie die Fed oder die Bank of England ersatzweise zu Käufen von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren gegriffen, als sie ihre Leitzinsen bis nahe null Prozent gesenkt hatten.

Zur Ermöglichung negativer Zinsen soll Bargeld nicht abgeschafft werden

Kimball gibt sich mit dieser Argumentation nicht zufrieden. Sein Mantra lautet: „Die Nullzinsgrenze ist kein natürliches Phänomen, sondern eine politisch gewollte Grenze.“ Kimball will, um die Einführung negativer Zinsen zu ermöglichen, das Bargeld nicht abschaffen. Ein Grund besteht für ihn darin, dass es aus der Sicht des Einzelnen sinnvolle und dabei nicht-kriminelle Verwendungen von Bargeld geben mag, die der Staat nicht einfach verunmöglichen sollte. Dies wäre für den Amerikaner ein unstatthafter Eingriff in die Freiheit des Individuums.

Wohl aber kann man aus seiner Sicht die Verwendung von Bargeld unattraktiv machen. Daher tritt er dafür ein, dass der Staat ausschließlich elektronisches Geld zum gesetzlichen Zahlungsmittel ernennt und Bargeld diesen Status nimmt. Nun wäre es möglich, einen Wechselkurs für den Umtausch von Bargeld in elektronisches Geld einzuführen. Dieser kann in normalen Zeiten bei Eins liegen – Bargeld wäre dann so viel wert wie Geld auf dem Konto. In Krisenzeiten, wenn nach Ansicht von Ökonomen wie Kimball negative Zinsen auf Bankkonten notwendig würden, wäre es möglich, das Bargeld gegenüber dem elektronischen Geld abzuwerten. Damit sollen Privatpersonen und Unternehmen dazu verleitet werden, ihre Guthaben nicht in Bargeld zu tauschen.

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