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Technische Analyse : Langsam verschaffen sich die Gold-Skeptiker Gehör

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Bild: dapd

Das glänzende Edelmetall dürfte weiter im Abwärtstrend bleiben.

          3 Min.

          Die Mehrheit liegt meistens schief. Letztlich ist es egal, ob man diese Erkenntnis beklagt oder als gottgegeben hinnimmt. Die Dinge sind so, wie sie sind. Vor diesem Hintergrund muss beispielsweise die positive Einschätzung eines Charts durch eine Mehrheit der Anleger notwendigerweise grundsätzlich nachdenklich machen.

          Die Wahrscheinlichkeit einer bereits begonnenen oder wenigstens in Kürze beginnenden oberen Trendwende kann dann schon sehr groß geworden sein. Gleiches gilt auch für einen Abwärtstrend. Wenn sich (fast) alle einig sind, dass jedes Licht am Ende des Tunnels nur das eines entgegenkommenden Zuges sein kann, dann könnten die Bären ihr Pulver bereits zu weiten Teilen verschossen haben. Wenn (fast) alle Investoren positiv gestimmt sind, fehlen einfach neue Käufer, um die Kurse weiter nach oben zu treiben und wenn (fast) alle beschlossen haben, dass der Untergang des Abendlandes besiegelt ist, dann dürften die meisten schon verkauft haben und der Markt „sauber“ sein.

          2013 das schlechteste Goldjahr überhaupt

          Zu Beginn des vergangenen Jahres übertrumpften diejenigen Anleger, Analysten, Investoren, auch Kommentatoren und Moderatoren, die von einer Fortsetzung der Goldhausse ausgingen, die Skeptiker und ausgewiesenen Pessimisten wie mich wenigstens um das Fünffache, wenn nicht sogar im Verhältnis acht oder gar zehn zu eins. Die Vorstellung, dass Gold nachhaltig und signifikant fallen könnte, wurde in aller Regel als absurd, widersinnig oder unter den Gold-Ultras geradezu als Häresie empfunden. Nahezu alle waren ausreichend, wenn nicht sogar über jedes normale Maß hinaus in Gold investiert. Der Wert der Feinunze durfte schon deshalb nicht fallen. Es spricht Bände, dass gerade 2013 mit einem Minus von 27 Prozent das schlechteste Goldjahr überhaupt war.

          Dieses Jahr hat nicht nur in den Depots, Tresoren und unter den Kopfkissen tiefe Spuren hinterlassen, sondern auch in den Köpfen. Die Zahl der zurückhaltenden Kommentierungen hat deutlich zu- und die der vorbehaltlos positiven Einschätzungen klar abgenommen. Die Schlangen vor den Goldverkaufsstellen sind ebenso Geschichte wie die Zeiten des vorbehaltlosen Optimismus. Momentan scheint ein Patt zwischen Bären und Bullen zu herrschen. Aber reicht das schon für eine Trendwende aus? Nein! Eine untere Wende wird erst dann wahrscheinlich, wenn auch die eingefleischten Goldjünger von ihrem Fetisch ablassen und beispielsweise beginnen, über das Ende aller Krisen und ein Engagement in Aktien nachzudenken.

          Der abgebildete Chart zeigt die Wertentwicklung der Feinunze Gold in den letzten zehn Jahren. Gut zu sehen ist der Bruch des langfristigen Aufwärtstrends bei 1540 Dollar (roter Kreis) und der vorausgehende und nachfolgende Kursrutsch. Mittlerweile testet die Feinunze seit mehreren Wochen ein zweites Mal die Unterstützungszone zwischen 1190 und 1210 Dollar. Die Vermutung liegt deshalb schon nahe, dass sich gerade ein „doppelter Boden“ ausbilden könnte.

          Trendwende nicht in Sicht

          Völlig von der Hand zu weisen ist eine solche Einschätzung nicht. Das Mindest-Baisseziel kann als erreicht gelten, die Stimmung hat sich klar verschlechtert, und manch ein mittelfristig orientierter Indikator der technischen Analyse räumt Gold nun wieder bis zu einem gewissen Grad nennenswerten Spielraum nach oben ein. Ja - Gold könnte von dem aktuellen Niveau aus wieder 100 oder auch 200 Dollar zulegen.

          Aber ob die gegenwärtigen Rahmenbedingungen auch für eine Trendwende nach oben ausreichen, muss unverändert stark in Zweifel gezogen werden. Vieles von dem, was untere Trendwenden im Regelfall auszeichnet, wie beispielsweise ein markanter Sellout, nachlassende Dynamik im Abwärtstrend wie auch die damit oft verbundenen sogenannten positiven Divergenzen wesentlicher Indikatoren können bislang nicht beobachtet werden. Aber mehr und mehr zeichnet sich ab, dass die Feinunze Gold sich derzeit in einer Elliott 4 (grüne Zahlen im Chart) und damit in der Konsolidierungsphase befindet, die dem letzten Abwärtsschub vorausgeht. Typischerweise folgt einer fünfteiligen Wellenstruktur nach unten wenigstens eine dreiteilige markante Gegenbewegung nach oben.

          Zusammengefasst rechne ich deshalb damit, dass die Feinunze Gold nach der Fortsetzung der aktuellen Erholungsphase wieder signifikant zurückkommen, die bisherigen Baissetiefs unterbieten und möglicherweise sogar unter 1000 Dollar fallen wird. Sollte es dann zu nachhaltigen „Steigt“-Signalen kommen, wären diese wohl der Auftakt zu einer lang anhaltenden Gegenbewegung nach oben.

          Es könnte demnach sein, dass die Goldenthusiasten den schlimmsten Teil der Baisse hinter sich haben. Aber gerade in diesem letzten Satz ist der Konjunktiv sehr bewusst gewählt: Abwärtstrends haben oft ihre ganz eigenen Gesetze. Nichts ist derzeit unwahrscheinlicher als eine echte, langfristig angelegte Renaissance des gelben Metalls mit Kursen, die auch nur in die Nähe der bisherigen historischen Bestmarken von 1900 Dollar vordringen.

          Der Verfasser ist Leiter der Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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