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Opec-Jahrestagung : Bröckelt die Front gegen Amerikas Ölindustrie?

Keine Kursänderung in Sicht: Der saudische Ölminister Al-Naimi vor einem Hotel in Wien Bild: AP

Die Opec hat den Ölpreis seit 2014 tief gedrückt. Sie steht kurz davor, die amerikanische Fracking-Konkurrenz in die Knie zu zwingen. Jetzt beginnt die Front immer stärker zu bröckeln. Der Ölpreis steigt vorsichtig.

          Öl und Gas, könnte man meinen, sind keine knappen Güter. Beides ist reichlich vorhanden, aber niemand hat im Moment das Geld, die Rohstoffe zu fördern. In der Adria etwa wurden Vorkommen entdeckt, die die Anrainer ausbeuten wollen, um unabhängiger von Russland zu werden.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Doch angesichts der mickrigen Öl- und Gaspreise lohnen sich die Investitionen nicht. Die Welt schaut deshalb in dieser Woche nicht nur auf den Klimagipfel in Paris, sondern auch auf die Jahrestagung der Organisation erdölexportierender Länder Opec in Wien. Vor einem Jahr entschied das Kartell an gleicher Stelle, die tägliche Förderquote von 30 Millionen Fass (je 159 Liter) beizubehalten, anstatt sie zu drosseln.

          Da weniger Öl gebraucht als gefördert wird, ist der Preis seitdem auf ein Rekordtief gerutscht. In der vergangenen Woche kostete ein Fass Öl aus dem sogenannten Opec-Korb gerade einmal 38 Dollar – eine Halbierung innerhalb eines Jahres. Seit Ende 2013, als es noch 109 Dollar waren, beträgt der Rückgang fast zwei Drittel.

          Die Baisse setzt der Opec zu, entspringt aber dem Plan ihrer dominierenden Mitglieder. Unter Führung Saudi-Arabiens hoffen sie, dass der Preisverfall die Konkurrenz außerhalb der Gruppe in die Enge treiben wird. Sobald die Wettbewerber aufgeben oder marginalisiert worden sind, so das Kalkül, könnte die Opec den Preis wieder anziehen und die aufgelaufenen Verluste ausgleichen.

          Spekulationen um Tagungsinhalte

          Am Donnerstag macht der Ölpreis einen Teil der Verluste des Vortages wieder wett. Spekulationen auf ein Eingreifen Saudi-Arabiens werden als Erklärung bemüht. So hat der Branchendienst "Energy Intelligence" berichtet, die Regierung in Riad wolle eine Kürzung der Förderung um eine Million Barrel pro Tag vorschlagen. Dabei sollten nicht nur die Opec-Mitglieder Iran und Irak, sondern auch Nicht-Opec-Länder wie Russland, Mexiko oder Kasachstan mit einbezogen werden.

          Doch kaum ein Fachmann erwartet, dass sich auf der Sitzung am Freitag an dieser Taktik etwas ändert. Im Gegenteil könnte die Quote noch leicht steigen, auf 31 oder 32 Millionen Fass, weil Indonesien nach sieben Jahren Abwesenheit in den Kreis zurückkehrt. Auch Iran meldet Ansprüche an. Da der Westen nach der Einigung im Atomstreit seine Sanktionen aufheben will, möchte das Land mehr Öl und Gas ausführen. Schon mit Jahresbeginn plant Teheran eine Ausweitung um 500.000 Fass am Tag.

          Warum auch sollte die Opec ihren Vorstoß, die Gegner am Ölmarkt auszuhungern, ausgerechnet in dem Moment ändern, wo er zu greifen beginnt? Angesichts der purzelnden Preise ist selbst in Amerika die Goldgräberstimmung verflogen. Dort ist die sogenannte hydraulische Frakturierung perfektioniert worden, die es ermöglicht, in Gesteinen eingeschlossenes Gas und Öl zu fördern. Das als Revolution gefeierte Fracking hat den Energiemarkt aufgemischt und die Vereinigten Staaten zum wichtigsten Ölförderer hinter Russland und Saudi-Arabien gemacht. Nicht zuletzt sorgte die massive Angebotsausweitung auch dafür, die Macht der Opec zu beschneiden. Weil aber die Preise am Boden liegen, geht das Geschäft für immer weniger amerikanische Anbieter auf.

          „Die Förderung von Schieferöl schrumpft, Anlagen werden abgebaut, Unternehmen schreiben Verluste“, sagt Hannes Loacker, der Rohstofffachmann bei Raiffeisen Research in Wien. „Und das ist erst der Anfang der Marktbereinigung.“ Tatsächlich sind die Investitionen der Branche in den vergangenen zwölf Monaten um 200 Milliarden Dollar oder 15 bis 20 Prozent gefallen. Mitte des Jahres förderten die Vereinigten Staaten noch 9,6 Millionen Fass am Tag, etwa 12 Prozent der Weltproduktion. Jetzt sind es 9,1 Millionen.

          Saudi-Arabien ist noch nicht am Ziel

          Seit einem Jahr ist dort die Zahl der Bohranlagen von 1600 auf 550 gesunken, selbst große Konzerne wie Exxon-Mobil oder Shell schreiben in Amerika rote Zahlen. Die Versuche, den Ölsand in Kanada und Alaska zu Geld zu machen, haben die Unternehmen nach erfolglosen Milliardenausgaben auf Eis gelegt. „Bei einem Ölpreis von 100 Dollar kann man auch einmal danebenliegen, nicht aber bei 40 Dollar“, weiß Loacker. „So hoch sind schon die operativen Kosten.“

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