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Neue Geschäftsfelder : Stromvertrag von der Tankstelle

Shell setzt auf Direktvertrieb, Energieberatungen an den Tankstellen und die starke Marke. Bild: dpa

Zwischen Digitalisierung, Discount und Direktmarketing: Klassische Energieversorger müssen sich etwas ausdenken, um im Wettbewerb zu bestehen. Dabei kommen sie bisweilen auf innovative Ansätze.

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          Vielen Stromkunden in Deutschland geht es derzeit ähnlich: Sie denken über einen Wechsel ihres Anbieters nach. Denn zum Jahreswechsel müssen Verbraucher bei ihren bestehenden Tarifen mit Strompreiserhöhungen von mehreren Prozent rechnen. Grund sind die höheren Netzentgelte und eine nun weiter steigende Umlage im Zuge des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) für Solar-, Wind- und Biogasanlagen, mit der die Energiewende finanziert werden soll. Zugleich wird die Wechselsaison von Vergleichsportalen befeuert, die bei jedem Vertragsabschluss mitverdienen. Auch konkurrieren immer neue Stromanbieter mit den etablierten Versorgern. Fast 1200 Stromlieferanten gibt es in Deutschland. „Die zunehmende Digitalisierung bietet Energieanbietern neue Geschäftsmöglichkeiten“, sagt Maik Neubauer, Geschäftsführer von First Utility in Hamburg. Die Gesellschaft ist über die Marke Shell Privatenergie eng mit dem Ölkonzern verbunden.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seit einem Jahr werden wie zuvor schon in Großbritannien auch in Deutschland Strom und Gas unter dem Shell-Label angeboten. Die mehr als 2000 Tankstellen im Lande werden jetzt für den Vertrieb genutzt. Energieberater sollen Autofahrer auf die verschiedenen Stromtarife aufmerksam machen. Zudem verfügt First Utility über die Adressen der Tankkartenbesitzer und wirbt über die Shell-Seite im Internet. Wer als Autofahrer für 99 Euro im Jahr einen längerfristigen Vertrag bucht, der Premiumkraftstoff zum Preis des Standardsprits garantiert, für den übernimmt First Utility die Einmalzahlung - wenn gleichzeitig Strom oder Gas abgenommen werden. „Die immer noch relativ niedrige Wechselquote in Deutschland erfordert kontinuierliche Aufklärung beim Endverbraucher, dass ein Versorgerwechsel heute sehr einfach, unbürokratisch und sicher ist“, sagt Neubauer. Er war zuvor im Vorstand der europäischen Strombörse EEX in Leipzig.

          Nun setzt auch der Internetkonzern United Internet auf den Energiemarkt. Das Unternehmen mit Marken wie 1&1, Gmx.de oder Web.de will seinen Kunden, die die E-Mail-Dienste nutzen, von sofort an über die elektronischen Postfächer auch Strom verkaufen. Die neue Marke 1&1 Energy braucht dafür keine eigenen Kraftwerke und keine Übertragungsnetze, sondern kauft einfach den Strom an der Leipziger EEX-Börse ein und setzt dann auf seine massive Vertriebskraft.

          Viel Verbraucher wechseln nicht gern

          „Der Energiemarkt wird mehr und mehr von der Digitalisierung geprägt. Das passt zu uns als Digitalanbieter. Und die Streckung einer Digitalmarke ist deutlich einfacher als die Digitalisierung einer klassischen Marke“, sagt Jan Oetjen. Er sieht sich gegenüber klassischen Energieversorgern und Stadtwerken überhaupt nicht im Nachteil. Oetjen ist der für das Stromgeschäft zuständige Geschäftsführer von Web.de. Mit dem Digitalvertrieb habe United Internet schon bei vielen Produkten Erfahrungen, wie bei der Vermarktung der Mobilfunkprodukte über Web.de und GMX. Oetjen spricht von einem Zugang in Deutschland zu 30 Millionen Kunden, die auf direktem Weg mit dem Stromangebot angesprochen werden könnten. „Das sind gute Startvoraussetzungen, um auch an die Mehrzahl der bisher eher wechsel-unwilligen Kunden heranzukommen.“

          Es ist ein spezieller, ausbaufähiger Markt. Von den 45 Millionen Stromtarifkunden in Deutschland wechselt etwa nur jeder zehnte im Jahr den Anbieter. 70 Prozent aller Verbraucher haben noch nie einen Versorger getauscht - und zahlen in der Grundversorgung meist viel zu viel. So sprechen die Wechselportale mit massiver Werbung die Verbraucher an und drücken die Preise. Was gut für den Kunden ist, bringt den Unternehmen meist wenig, die sich auf den Preiskampf auf einem Vergleichsportal einlassen. Internetvermittler wie Verivox oder Check 24 kassieren für jeden Vertragsabschluss bis zu 80 Euro vom Anbieter.

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