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Steigende Weizenpreise : Amerikas Dürre gefährdet die Weltwirtschaft

Bild: dapd

Die steigenden Preise für Weizen und Soja machen Lebensmittel teurer, treiben die Inflation und gefährden das Wachstum in den Schwellenländern. Weil das Viehfutter zu teuer wird, schlachten die Amerikaner massenhaft Rinder.

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          Die schlimmste Hitzewelle in den Vereinigten Staaten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1895 könnte sich auch auf die Lebensmittelpreise auswirken. Davon geht zumindest Thomas Glauben aus, Professor für Agrar- und Ernährungsökonomik an der Uni Halle. „Natürlich werden sich steigende Agrarpreise früher oder später auch auf die Lebensmittel auswirken“, sagt der Ökonom.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Besonders die Preise auf Weizen, Mais und Soja zogen in den vergangenen Wochen stark an und verteuerten sich um bis zu 60 Prozent. Ein Scheffel (etwa 36,2 Liter) Weizen verteuerte sich beispielsweise auf über 8,60 Dollar, ein Scheffel Mais kostete fast 8 Dollar. Nach der Rally verbilligten sich die Agrarrohstoffe in den vergangenen Tagen um etwa 3 Prozent. Trotzdem schätzen die Analysten von der Commerzbank, dass es dieses Mal keine Blase wie 2008 geben wird. Der damalige Preisanstieg basierte zu einem großen Teil auf Spekulation, der momentane dagegen auf den ungünstigen Witterungsbedingungen. Daher rechnet die Commerzbank mit einem andauernd hohen Niveau von 8,80 Dollar je Scheffel Weizen und 7,80 Dollar für einen Scheffel Mais.

          Rinder werden notgeschlachtet, denn ihr Futter ist zu teuer

          Die hohen Agrarpreise führen zu teils kuriosen Entwicklungen: In den Vereinigten Staaten werden Rinder teilweise notgeschlachtet, da sie dann nicht mit teuren Futter genährt werden müssen. Das führt kurzfristig zu sinkenden Fleischpreisen: Der Preis für Mastvieh ist seit dem Beginn der Agrarpreisrally Mitte Juni um etwa 15 Prozent gesunken.

          Die Viehpreise sind jüngst gefallen. Bilderstrecke

          Aktuell kostet ein Pfund 1,36 Dollar, im Juni waren es noch mehr als 1,60 Dollar. Pro Rind werden momentan etwa 200 Dollar Verlust erwirtschaftet. Langfristig könnte das dann auch für Verbraucher teuer werden. „Die Fleischpreise sind in Amerika trotz des Preisturzes für Mastvieh auf einem sehr hohen Niveau“, sagt Michaela Kuhl, Agrarrohstoffanalystin bei der Commerzbank.

          Und sie könnten noch weiter steigen. Der Chef des drittgrößten Hühnchenproduzenten Sanderson Farms sagte kürzlich der Nachrichtenagentur Reuters: „Der höhere Getreidepreis wird über die Zeit zu steigenden Geflügelpreisen führen“. Sollten die Preise bis Herbst so hoch bleiben, werde man das dann auch im Handel spüren. Dem stimmt auch Bernhard Allgäuer, Analyst bei der VP Bank zu: „In der Regel ziehen die Lebensmittelpreise für die Konsumenten drei Monate nach den Agrarpreisen an“.

          Lebensmittelpreise treiben Inflation

          Die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen Jahren schon über der durchschnittlichen Inflation gestiegen und stellen einen wichtigen Grund für höhere Inflation dar. Laut statistischem Bundesamt sind die Preise für Nahrungsmittel seit 2005 um 20 Prozent gestiegen, während andere Verbrauchspreise sich nur um 12 Prozent verteuerten. „Das hat in Deutschland keine massiven Auswirkungen auf den Geldbeutel wie etwa in Entwicklungsländern“, sagt Ökonom Glauben. Lediglich 10,3 Prozent des verfügbaren Einkommens werden laut Statistischem Bundesamt hierzulande für Nahrungsmittel verwendet, Tendenz sinkend. So waren es vor 50 Jahren noch mehr als 40 Prozent. Außerdem herrsche hier starke Konkurrenz im Einzelhandel, so dass die höheren Rohstoffpreise nicht einfach weiter gegeben werden können.

          Auch anderswo könnten Verbraucher demnächst tiefer in die Tasche greifen müssen: Bei Benzin. Ethanol, der größtenteils aus Mais gewonnen wird, hat sich seit Mitte Juni ebenfalls verteuert. Die steigenden Maispreise führen dazu, dass sich der Preis seit Mitte Juni um 25 Prozent auf 2,52 Dollar je Gallone verteuert hat.

          Schwellenländern droht Armut und Nahrungsmittelknappheit

          Anders sieht die Lage in den Schwellenländern aus, in denen ein höher Anteil vom Einkommen für Nahrungsmittel verwendet wird. In China ist es etwa ein Drittel, in afrikanischen Ländern bis zu 60 Prozent. Noch ist die Lage ruhig: In Asien und Afrika werden zum einen andere Grundnahrungsmittel wie Reis benutzt. Dort gibt es noch die Aussicht auf eine gute Ernte, auch wenn das wichtige Anbauland Indien ebenfalls über zu wenig Regen klagt. Bisher hat aber ein Anstieg der Getreidepreise in der Regel zu einem Anstieg der Preise anderer Getreidesorten geführt. Einerseits, da die Sorten miteinander substituiert werden und andererseits, da in den Markt dann Spekulanten einsteigen. So stellt die Citibank in einer Studie fest, dass steigende Weizen- und Sojabohnenpreise zwei bis drei Monate später zu steigenden Reispreisen führt.

          Wenn mehr Geld für Grundnahrungsmittel ausgegeben werden muss, kann weniger Geld für andere Konsumgüter ausgegeben werden. Das kann dann auch das Wirtschaftwachstum verlangsamen. In Ländern, in denen ein Großteil des Gehalts für Nahrungsmittel ausgegeben wird, steigt dann auch die Inflation stark: So hat Vladimir Kolychev von der Société Générale für Russland ausgerechnet, dass „ein Anstieg der Getreidepreise um 20 bis 25 Prozent die Inflationsrate in den kommenden zwölf Monaten um 1 bis 1,5 Prozent erhöht.“ Die VP Bank rechnet damit, dass die Inflation in den Schwellenländern voll durchschlagen könnte, wenn die Agrarpreise auf dem Niveau bleiben. Um die Inflation einzudämmen müsste die Leitbank dann die Zinsen erhöhen, was der Wirtschaft in den Schwellenländern schaden könnte.

          Das birgt neben den wirtschaftlichen Gefahren auch erheblichen sozialen Sprengstoff: „200 Millionen Menschen sind allein bei einer der letzten Phasen hoher Agrarpreise 2008 weltweit in die Armut gerutscht“, sagt Ökonom Glauben. Auch die Proteste des Arabischen Frühlings waren in einigen Ländern zum Teil auf rasant steigende Grundnahrungsmittelpreise zurück zu führen.

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