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Steigende Ölpreise : Die Politik und das Meer

  • -Aktualisiert am

Offshore-Ölplattform vor der angolanischen Küste Bild: AFP

Die Eskalation im Nahen Osten und die besseren Arbeitsmarktdaten aus Amerika lassen den Ölpreis steigen. Anleger können von dem Auf und Ab profitieren.

          Der Ölpreis ist diese Woche nach dem israelischen Luftangriff auf Ziele in der syrischen Hauptstadt Damaskus auf den höchsten Stand seit fast einem Monat gestiegen. Der Preis für die Nordsee-Sorte Brent kletterte zeitweise über die Marke von 105 Dollar je Fass, der Preis von West Texas Intermediate (WTI) auf 95 Dollar. Das in Amerika meistgehandelte Referenzöl WTI ist damit seit gut einem Monat um etwa 10 Prozent gestiegen, Brent um 6 Prozent.

          Händler nannten vor allem die Furcht vor einer Ausweitung des Bürgerkriegs in Syrien als Grund. „Die zunehmenden geopolitischen Spannungen führen dazu, dass der Ölpreis mit einem Risikoaufschlag gehandelt wird“, sagte Ölberater Victor Shum vom Branchendienst IHS. „Die Furcht besteht darin, dass der Angriff Israels zu einer stärkeren Beteiligung anderer Länder im Syrien-Konflikt führt.“ Deshalb sei der Ölpreis weiter gestiegen, nachdem die überraschend guten amerikanischen Arbeitsmarktdaten den Rohstoff verteuert hätten.

          Auch die Ankündigung der EZB, den Leitzins auf 0,5 Prozent zu senken, wirkte unterstützend für den Preis, der in der Folge um 3 Dollar zulegte. Die Investmentbank Goldman Sachs erwartet jedoch, dass sich die hohe Preisdifferenz zwischen Brent und WTI verringert. Die Analysten prognostizieren einen weiteren Anstieg des WTI-Preises, da die Rohölvorräte in Cushing, dem Auslieferungszentrum der Nymex für WTI-Rohöl, ihrer Ansicht nach zurückgehen dürften.

          Erhöhte Rohölproduktion

          Beim Brent-Preis sieht es anders aus: „Aufgrund der komfortablen Angebotssituation rechnen wir damit, dass der Preis sich bald wieder in Richtung der 100-Dollar-Marke bewegen wird“, sagt Kathrin Goretzki von Unicredit. Wie aus Bloomberg-Daten hervorgeht, haben die Opec-Staaten ihre Rohölproduktion im April um 194 000 Barrel auf 30,9 Millionen Barrel am Tag gesteigert. Gleichzeitig berichtet die amerikanische Energiebehörde von weiteren Zuwächsen der Ölförderung in den Vereinigten Staaten, vor allem durch die schnelle Entwicklung der Produktion von unkonventionellem Öl.

          Auch Russland hat seine Produktion erhöht: Mit 10,5 Millionen Barrel am Tag im April nähert sich die Produktion der Rekordfördermenge von 11,5 Millionen aus Sowjetzeiten an, die 1987 erreicht wurde. All dies ließe einen weiteren Anstieg der bereits hohen Lagerbestände erwarten - denn die Nachfrageerwartungen blieben moderat, sagt Goretzki. Die Ölpreise haben mittlerweile schon wieder ein bisschen nachgegeben. Ein Barrel Brent-Öl kostete am Freitag etwa 103,96 Dollar.

          Das waren 51 Cent weniger als am Donnerstag. Hierbei könnte es sich um Gewinnmitnahmen spekulativer Finanzanleger handeln. Diese haben in der Woche zum 30. April ihre Netto-Long-Positionen erstmals seit vier Wochen wieder um 13 000 auf 108 000 Kontrakte ausgeweitet und damit zum vorherigen Preisanstieg beigetragen. Zum Vergleich: Im Sommer 2012 gab es lediglich 38 000 Kontrakte auf steigende Preise.

          Das Auf und Ab gewohnt

          Anleger sind das Auf und Ab am Ölmarkt gewohnt. Seit Anfang 2011 pendelt der Preis zwischen 120 Dollar je Barrel und etwa 90 Dollar. Die 200-Tage-Linie, ein Indikator für den Durchschnittspreis, pendelt daher auch seit 2011 um die 107-Dollar-Marke. Der Grund ist, dass die Opec oft intervenierte und das Angebot verknappt, wenn der Preis zu stark sinkt. Fällt er etwa unter 100 Dollar, können viele Opec-Länder ihre Staatsausgaben nicht mit den Öleinnahmen gegenfinanzieren.

          Anleger können nicht nur auf fallende und steigende Preise setzen, sondern auch auf den Preisunterschied zwischen WTI- und Brent-Öl. So gibt es „WTI long/Brent short“-Zertifikate. Damit setzen Investoren auf einen steigenden WTI-Preis und einen gleichzeitig sinkenden Brent-Preis - also eine Verringerung des Spreads zwischen beiden Erdölen. Bei einer Hebelung, wie sie zum Beispiel in einem Zertifikat der DZ Bank vorgesehen ist, können Investoren ihre Gewinne vervielfachen. Anleger können aber auch genauso gut auf einen wieder größer werdenden Spread setzen.

          Neben diesen kurz- bis mittelfristigen Schwankungen, spielen langfristige Überlegungen eine Rolle. So wird die Ölförderung im Meer wichtiger. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass 45 Prozent der noch nicht ausgebeuteten konventionellen Öllagerstätten auf See liegen. Ein Viertel davon befinde sich in mehr als 400 Meter Wassertiefe.

          Neben dem Golf von Mexiko sind die Gewässer vor den Küsten von Brasilien und Westafrika die wichtigsten Zentren der Tiefseeölförderung. Am Donnerstag kündigte Shell an, im Golf von Mexiko eine Ölquelle in fast drei Kilometer Wassertiefe anzuzapfen. Trotz der Kosten und Risiken setzen auch andere Unternehmen auf weit von der Küste entfernte Projekte. Auch Exxon plant ein Projekt im Golf von Mexiko zu erschließen.

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