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Negativzins in der Schweiz : Großanleger wollen ins Bargeld flüchten

Nur Bares ist Wahres: Anleger halten Frankennoten lieber im Tresor als auf der Bank. Bild: Reuters

Schweizer Pensionskassen würden wegen der Negativzinsen gerne Bargeld in Milliardenbeträgen horten. Das geht der Nationalbank gegen den Strich, doch tun kann sie wenig.

          Es ist nicht so, dass Thomas Jordan kein Verständnis hätte für den Ärger der Großanleger in der Schweiz. Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) will verhindern, dass der ohnehin überbewertete Franken noch stärker wird. Daher verlangt er von Banken, die über gewisse Freibeträge hinaus Geld auf den SNB-Girokonten parken, einen Strafzins von 0,75 Prozent.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          So soll der sichere Hafen Schweiz an Anziehungskraft verlieren und der Aufwertungsdruck vermindert werden. Auf der jüngsten Hauptversammlung der SNB gab Jordan unumwunden zu, dass seine Politik auch Schattenseiten hat: Für Investoren, und hier insbesondere für Pensionskassen, sei das Zinsumfeld sehr anspruchsvoll, sagte der Notenbank-Präsident.

          In der Tat. Den Pensionskassen, die in dem dreisäuligen System der Altersvorsorge in der Schweiz eine tragende Rolle spielen, gehen die Negativzinsen enorm gegen den Strich. Sie haben ein Vermögen von insgesamt 730 Milliarden Franken zu verwalten. Davon werden 5 bis 6 Prozent liquide vorgehalten, unter anderem, um die Renten auszahlen zu können. In absoluten Zahlen sind das mehr als 40 Milliarden Franken – das ist nach Lesart der Pensionskassen die Summe, die mit Negativzinsen belastet werden könnte.

          Lagerung günstiger als Negativzinsen

          Kein Pappenstiel. „Daher prüfen einzelne Pensionskassen die Möglichkeit, das Geld ihrer Versicherten vor dem Zugriff der Nationalbank zu schützen“, sagt Hanspeter Konrad, Direktor des Schweizerischen Pensionskassenverbands (Asip). Gegenüber dieser Zeitung benennt er offen, wie der Negativzins möglicherweise umgangen werden könnte: durch die Flucht ins Bargeld.

          Rein organisatorisch und technisch ist es kein Problem, größere Mengen Bargeld zu horten. Dafür gibt es Dienstleister, die Hochsicherheitstresore besitzen, in denen Kunden Gold, Silber oder eben auch Bargeld lagern können. Einer von diesen Anbietern ist die Swiss Gold Safe AG. Das Unternehmen aus dem Kanton Uri erlebt infolge der Negativzinsen gerade einen ungeahnten Nachfrageschub: „Wir haben zahlreiche Anfragen von institutionellen Anlegern aus der Schweiz. Vor allem Pensionskassen und Versicherer zeigen großes Interesse an der Einlagerung von Bargeld“, sagt Swiss-Gold-Sprecher Ludwig Karl.

          Nach seinen Angaben rechnet sich das Ganze: „Die Kosten für die Lagerung großer Bargeldbeträge liegen bei rund einem Drittel der Negativzinsen.“ Demnach wären für zwei- bis dreistellige Millionenbeträge Lagergebühren von knapp 0,3 Prozent fällig. Darin ist die Vollversicherung der Gelder (unter anderem gegen Diebstahl und Brand) enthalten. Die Transportkosten kommen noch dazu, diese fallen aber offenbar nicht stark ins Gewicht.

          Bargeld-Depots nicht im Interesse der Schweiz

          Gleichwohl geht Verbandschef Konrad nicht davon aus, dass derzeit schon viele Pensionskassen Bargeld horten. Das deckt sich mit dem Eingeständnis von Swiss Gold, dass zwar viele Anfragen, aber bisher kaum konkrete Aufträge für die Bargeldlagerung eingegangen seien. Was ist der Grund? „Es gibt da noch Hürden zu nehmen, die jenseits unseres Einflussbereichs liegen. Die Nationalbank ist sehr restriktiv bei der Ausgabe von Bargeld“, sagt der Sprecher Ludwig Karl.

          Behindert oder verweigert die Schweizer Notenbank die Bargeldausgabe? Der SNB-Präsident Jordan hat bereits offen davor gewarnt, die Negativzinsen zu umgehen. Denn dies diene nicht dem allgemeinen Interesse der Schweiz und laufe den Absichten der Geldpolitik zuwider. Aber kann Jordan dem Kunden einer Bank, und sei es ein Pensionsfonds, der Milliarden verwaltet, den Wunsch verweigern, sein eigenes Geld nicht mehr auf einem Konto, sondern in bar zu halten? „Nein“, sagt Hanspeter Konrad vom Pensionskassenverband, „unseres Erachtens besteht dafür keine Rechtsgrundlage“.

          Sollte die Bargeldhortung nach Prüfung aller Vor- und Nachteile zielführender sein, als Negativzinsen zu akzeptieren, sollte die SNB eine solche Maßnahme nicht blockieren, argumentiert Konrad. Auch für Peter Viktor Kunz, Wirtschaftsrechtsprofessor an der Universität Bern, ist die Sache klar: „Die SNB ist rechtlich nicht dazu befugt, eine Bargeldhortung zu verhindern.“ Aus einem anonymisierten Schreiben einer Bank, das im Schweizer Fernsehen gezeigt wurde, lassen sich trotzdem Hürden erkennen, mit denen der Bargeldbezug behindert werden soll.

          Befreiung vom Bankgeheimnis ist nötig

          In diesem Brief weist die Bank ihren Kunden, eine Pensionskasse, die eine Milliarde Franken in bar bunkern will, darauf hin, dass für die Bargeldbereitstellung Kosten von 0,075 Prozent berechnet werden müssten. Außerdem müsse man der SNB den Namen des Kunden nennen. Die Bank verlangt für die Transaktion also die Befreiung vom Bankgeheimnis.

          Die SNB hat mit diesen beiden Punkten nach eigener Aussage nichts zu tun: Weder verlange man eine Gebühr für die Bargeldausgabe, noch habe man das Recht, zu wissen, um welchen Kunden es sich handele. Das bedeutet, dass die Bank selbst diese „Giftpillen“ verabreicht. Dahinter steckt ein einfaches geschäftliches Kalkül: Die Bank fürchtet offenbar, dass Kundengelder, die erst einmal in einem Tresor weggeschlossen sind, später nicht wieder zu ihr zurückkommen.

          Der SNB kommt diese Haltung natürlich zupass. Sie hat den Banken nach eigener Aussage selbst empfohlen, „mit Bargeldnachfragen in ausserordentlichem Umfang, die nicht für Zahlungszwecke benötigt werden, restriktiv umzugehen“. Und tatsächlich habe es zuletzt nur „einige wenige Anfragen nach außerordentlichen Bargeldbezügen“ gegeben, beteuert ein Sprecher der Nationalbank.

          Verantwortlich für die Bargeldversorgung

          Der Wirtschaftsrechtsprofessor Kunz bezweifelt indes, dass es wirklich nur so wenige Anfragen gab. „Die SNB will die Debatte nicht anfeuern“, sagt er zur Begründung. Außerdem warteten viele Pensionskassen einfach noch ab. Die SNB habe ja betont, dass es sich bei den Negativzinsen nur um eine vorübergehende Maßnahme handle. Daher sei noch unklar, ob sich eine große Bargeldtransaktion wirklich lohne. „Wenn die Negativzinsen aber bis zum Ende dieses Jahres nicht verschwunden sind, wird die Bargeldhortung erheblich zunehmen“, sagt Kunz voraus.

          Laut dem Schweizer Bundesgesetz über die Währung und die Zahlungsmittel ist die SNB für die Ausgabe von Banknoten und Münzen zuständig. Dabei lohnt der Blick auf Artikel 7 dieses Gesetzes: „Die Nationalbank kann zur Gewährleistung der Bargeldversorgung Vorschriften über die Art und Weise, den Ort und die Zeit von Noteneinlieferungen und Notenbezügen erlassen.“ Gemäß dieser Formulierung könnte die SNB auf Zeit spielen und Anträge auf Bargeldbezug in eine lange Prüfschleife schicken.

          Um die Auszahlung zu verzögern, könnte sie auf drohende Engpässe in der allgemeinen Bargeldversorgung verweisen. Schließlich ist die Schweiz ein vergleichsweise kleiner Währungsraum; dort sind aktuell nur Banknoten im Wert von 67 Milliarden Franken im Umlauf. Wenn plötzlich 30 oder 40 Milliarden Franken gebunkert werden sollten, brauchte man wohl schnell Nachschub. Doch woher nehmen? Das zuständige Unternehmen Orell Füssli ist wegen des Drucks der neuen Schweizer Banknotenserie derzeit bis an die Oberkante ausgelastet.

          Der Wirtschaftsrechtler Kunz glaubt nicht, dass die SNB auf derlei Ausreden oder Folterinstrumente zurückgreift. Das wäre aus seiner Sicht schlicht unprofessionell. Einem großen „Run“ aufs Bargeld könne im Ernstfall nur mit einer Notverordnung der Regierung ein Riegel vorgeschoben werden.

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