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Schottlands Referendum : Auch Ölinvestoren kalt erwischt

Eine britische Ölplattform rund 100 Meilen vor der Küste von Aberdeen Bild: AFP

Plötzlich erscheint Schottlands Unabhängigkeit durch ein „Yes“ im Volksentscheid möglich. Was passiert neben dem Pfund denn mit den britischen Ölreserven?

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          Am Montag haben die Kurse des britischen Pfundes am Devisenmarkt fast hörbar „Rumms“ gemacht. Schon am Sonntag waren Sterling-Anleger unsanft aus dem Schlaf geweckt worden: Eine Meinungsumfrage prognostizierte erstmals eine Mehrheit für die schottische Unabhängigkeit in der Volksabstimmung am 18. September. Mit einem „Yes“ der Schotten rechnete am Devisenmarkt bislang so gut wie niemand. „Umso mächtiger wäre die Wirkung eines positiven Referendums auf das Pfund“, sagen Analysten der französischen Bank Société Générale. Und Simon Derrick, Chefmarktstratege der Bank oft New York Mellon, befürchtet „einen gefährlichen Monat für das Pfund“.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor dem Wochenende hatte unter Marktteilnehmern noch große Gelassenheit geherrscht. Die Kursausschläge des Pfunds zum Dollar waren in den vergangenen Monaten so gering, dass die gemessene Volatilität auf mehrjährige Tiefstände gefallen war. Am Montag dann wertete das Pfund zum Dollar kräftig um 1,5 Prozent ab auf 1,6103 Dollar - den tiefsten Kurs seit November 2013. Auch zu allen anderen wichtigen Währungen sackte das Pfund deutlich ab. Zum Euro hielt sich die britische Währung noch einigermaßen wacker und gab lediglich um 0,5 Prozent auf 0,803 Pfund je Euro nach. Der Euro steht selbst unter starkem Abwertungsdruck. Als die Europäische Zentralbank am Donnerstag eine Ausweitung ihrer Geldmenge ankündigte, rutschte der Euro auf weniger als 1,30 Dollar. Am Montag zahlten Anleger nur noch 1,2940 Dollar für einen Euro.

          Im Gegensatz zum Euro hat das Pfund in diesem Jahr aufgewertet. Dies liegt daran, dass die drittgrößte europäische Volkswirtschaft kräftig wächst und Anleger eine erste Leitzinserhöhung auf der Insel wenn nicht noch in diesem dann spätestens im nächsten Halbjahr erwarten. Doch nun lastet die wachsende Unsicherheit über die Zukunft der 307 Jahre alten britischen Währungsunion auf dem Pfund. „Bei einer Mehrheit für die Unabhängigkeit Schottlands käme es zu einer Verfassungskrise“, befürchtet die französische Bank Société Générale. Und der Vorstandsvorsitzende der größten britischen Bank HBSC warnt Schottland davor, eine Kapitalflucht aus Großbritannien auszulösen. „Die Währungsunion ist der Schlüssel für Schottlands ökonomischen Erfolg und seine finanzielle Stabilität“, sagte HSBC-Chef Douglas Flint am Montag der britischen Zeitung „The Telegraph“.

          Bild: F.A.Z.

          Britische Analysten treiben plötzlich viele offene Fragen um, die sich stellen, wenn Schottland mit seinen 5 Millionen Einwohnern wie von den Separatisten geplant im März 2016 Großbritannien verlassen würde: Darf Schottland dann entgegen den gegenwärtigen Aussagen englischer Politiker das Pfund behalten, oder kommt das schottische Pfund oder der Beitritt zum Euro? Was passiert mit den riesigen schottischen Banken, die sich bislang von der englischen Notenbank unbegrenzt Geld leihen können? Diese Frage trieb am Montag am Aktienmarkt schon einige um. Der Kurs der Royal Bank of Scotland fiel um 2 Prozent, der britische Aktienindex FTSE 100 („Footsie“) lediglich um 0,7 Prozent.

          Wie werden die britischen Schulden aufgeteilt?

          Darüber hinaus stellen sich weitere Fragen: Wie werden nach einem schottischen Austritt aus Großbritannien die britischen Schulden aufgeteilt? Und was wird aus dem Nordseeöl? Mehr als 90 Prozent der britischen Öl- und Gasvorkommen liegen in schottischen Gewässern. Der Wert der Ölreserven vor Schottland ist 2013 auf mehr als 4 Billionen Pfund geschätzt worden. Großbritannien nimmt jährlich zwischen 4 und 7 Milliarden Pfund an Steuern auf Öl ein. Schon träumen die schottischen Separatisten davon, mit Öleinnahmen einen Pensionsfonds nach dem riesigen norwegischem Vorbild aufzubauen. Aber müsste Schottland dann nicht auch die Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe für viele Kilometer an Pipelines übernehmen, die zu entsorgen sind, wenn die Ölfelder eines Tages leer gepumpt sind? Dies ist nur ein Vorgeschmack auf die Verhandlungen, die vermutlich hektisch zu führen wären, wenn die Schotten am 18. September mehrheitlich mit „Ja“ stimmen sollten.

          Bild: F.A.Z.

          Am Montag rutschte der Preis für Öl der Nordseesorte Brent erstmals seit Juni 2013 auf weniger als 100 Dollar je Barrel (159 Liter). Trotz vieler Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine ist der Ölpreis seit Wochen auf Talfahrt, weil das Angebot weiterhin reichlich ist. Offenbar schreckt die Marktteilnehmer auf dem Ölmarkt auch nicht die Aussicht auf ein Gezerre um die britischen Ölreserven.

          Auf dem Devisenmarkt dagegen werden dem Pfund schwere Wochen vorhergesagt. Simon Derrick von der Bank of New York Mellon vergleicht die Lage mit 1992 und 2007. Vor zwölf Jahren wertete das Pfund in drei Monaten um 16 Prozent zum Dollar ab, nachdem Großbritannien das europäische System fester Währungskurse verlassen musste. Und nach dem Zusammenbruch der Hypothekenbank Northern Rock im September 2007 ging es für das Pfund sogar elf Monate um insgesamt 29 Prozent abwärts. Diesmal könne es ähnlich lange dauern, bis es neue Gleichgewichtskurse finde. „Viele Anleger müssen sich jetzt gegen das Risiko absichern, dass Schottland die britische Währungsunion verlässt“, erklärt Derrick.

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