https://www.faz.net/-gv6-z7aw

Sachwerte : Der Zauber der bunten Steine

Bild: Harry Taylor (c) Dorling Kinders

Turmalin, Spinell oder Spessartin: Lange hatten Schmuckkäufer nur Augen für Diamanten. Inzwischen sind bunte Steine aus Übersee gefragt wie nie. Und oft ganz schön teuer.

          4 Min.

          Früher gab es in der Welt der Schönen und Reichen eine ganz einfache Regel. Diamanten trug die vornehme Dame erst nach Sonnenuntergang. Farbige Edelsteine dagegen - Smaragde, Saphire oder Rubine - waren der Schmuck des Tages. „Das hat sich gewandelt“, sagt Marc Stabernack, Geschäftsführer des Juweliergeschäfts Friedrich an der Frankfurter Goethestraße, eines der ersten Häuser der Stadt.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bestes Beispiel war die Hochzeit von William und Kate vor gut einer Woche: Die Großmutter des Bräutigams, immerhin die englische Königin Elisabeth II., trug eine auffällige Diamantbrosche - und das zur Mittagszeit.

          Von Rubinen und Smaragden zu Spessartinen und Turmalinen

          Umgekehrt könne man heute farbige Edelsteine zu nahezu jedem Anlass tragen, sagt der Frankfurter Juwelier. Diese neue Lockerheit habe das Edelsteingeschäft beflügelt. Zumal die Auswahl unter unzähligen Farben einem verbreiteten Wunsch nach mehr Individualität entgegenkomme: „Wer Schmuck aus farbigen Edelsteinen elegant mit seiner Garderobe abstimmt, der kann Stil beweisen.“

          Der Grüne zur Geburt Bild: Dorling Kindersley

          Sicher ist: Es ist ein Phänomen. Farbedelsteine sind begehrt und teuer geworden. Edelsteinhändler berichten von 20 Prozent Preissteigerung innerhalb von drei Jahren - mit extremen Ausreißern bei besonders begehrten Exemplaren.

          Zugleich ist die Palette der für Schmuck verwendeten Steine breiter geworden. Klassiker wie Rubin, Smaragd oder Saphir sind immer noch gefragt. „Wenn Klarheit und Herkunft stimmen, können sie bis zu 5000 Dollar je Karat kosten“, sagt Stabernack. Im Trend seien aber auch Granatvariationen, vom grünen Tsavorit bis zum orangeroten Spessartin. Auch die Nachfrage nach Turmalinen, die es in mehr als 50 Farbnuancen gibt, sei groß. „Turmaline aus der Raraiba-Mine in Brasilien erreichen in Topqualität leicht einen Preis von 6000 Dollar je Karat.“

          Drehscheibe Idar-Oberstein

          Gefunden werden die Rohedelsteine heute meistens in Übersee. Aus Brasilien kommen viele, aber auch aus Asien, Afrika und Nordamerika. Geschliffen aber werden hochwertige Edelsteine heute wie in alter Zeit in einem kleinen Örtchen am Rande des Hunsrück in Rheinland-Pfalz - in Idar-Oberstein. „Europas Zentrum für Farbedelsteine“ nennt Jörg Lindemann, Geschäftsführer des Bundesverbands der Edelstein- und Diamantindustrie, die 30 000-Einwohner-Stadt: Rund 2500 Menschen sind dort in 450 Betrieben mit der Edelstein- und Schmuckverarbeitung beschäftigt.

          Nicht nur mittelständische Juweliere wie Friedrich aus Frankfurt beziehen ihre besten Steine von dort. Auch Stars wie Tiffany, Cartier und Bulgari. In der Regel allerdings, ohne auf die Herkunft aus der Kleinstadt in Rheinland-Pfalz hinzuweisen: Der Kunde erfährt nichts von der Hunsrück-Vergangenheit seines Luxusschmucks.

          „Hier in Idar-Oberstein ziehen die Afrikaner mit Tüten voller Rohedelsteine von Haus zu Haus“, erzählt Bernd Willi Ripp, Chef der Edelsteinschleiferei Groh und Ripp, einer der ersten Adressen im Ort. Einen Teil der Rohware fürs Schleifen beziehe man bei diesen fahrenden Händlern. Die Geschäftsleute aus Idar-Oberstein seien aber auch laufend in aller Welt unterwegs, um an den Minenstandorten das Rohmaterial zu sichten. Einige hatten auch selbst schon Minen in Übersee gekauft - damit allerdings keine sehr guten Erfahrungen gemacht: „Da wird man nur beschissen.“

          Der Schliff gibt erst den Schliff

          In den Schleifereien erfahren die Edelsteine dann einen gewaltigen Wertzuwachs - das Geschäft ist so margenträchtig, dass es sich trotz der hohen Lohnkosten in Deutschland lohnt. „Ein Fachmann erkennt sofort, ob ein Stein in Afrika oder Asien geschliffen wurde oder in Idar-Oberstein“, sagt Rainer Pauly, dessen Firma Edelsteine zu hochwertigem Schmuck verarbeitet. Ketten und Colliers können bei ihm locker 6000 Euro kosten, aber auch mal 200.000 Euro. Wo es dafür einen Markt gibt? „Hannelore Elsner trägt Schmuck von uns“, sagt Pauly. „Auch Loki Schmidt gehörte zu unseren Kunden.“

          Beim Edelsteinschleifen selbst ist vieles noch Handarbeit - nur für die Vorarbeiten werden computergestützte CNC-Maschinen eingesetzt. Der „Lapidär“, so heißt der Edelsteinschleifer, hält die Steine, die mit Kitt an einem Stab befestigt werden, an eine waagerecht laufenden Metallscheibe. Den Winkel, in dem er den Stab an die Scheibe hält, bestimmt er mit einem Brett mit schrägen Löchern. Eine uralte Technik - aber sie sorgt für eine hohe Schliffgüte und ein unverwechselbares Aussehen. Edelsteinexperte Ripp sagt: „Aus jedem Stein das Beste herauszuholen - das ist die große Kunst.“

          Zu den wichtigsten Schliffen gehört etwa der glatte Schliff Cabochon (aus dem Französischen für „Nagelkopf“), bei dem die Unterseite flach und die Oberseite nach außen gewölbt ist. Und als Gegenstück der Facettenschliff, der durch eine Vielzahl kleiner glattpolierter Flächen geprägt ist - der Facetten.

          Wertbeständige Anlage

          Auch die geschliffenen Edelsteine, so schön sie aussehen mögen, sind allerdings noch Rohmaterial. Es gibt zwar Geldanleger, die lose Edelsteine kaufen und in den Tresor legen. „Eine Anlage in Edelsteinen ist zumindest immer wertbeständig“, sagt Dieter Hahn, der Chef einer traditionsreichen Edelsteinschleiferei. „Das ist in Zeiten wie diesen doch schon viel.“ Die meisten Edelsteine aber werden anschließend zu Schmuckstücken verarbeitet.

          Einzelnen besonders schönen Stücken steht allerdings auch noch eine größere Karriere bevor. Manfred Wild, Edelstein-Künstler in Idar-Oberstein, macht aus den bunten Steinen hochkarätiges Spielzeug für Millionäre. Eine Märklin-Eisenbahn aus Gold und Edelsteinen etwa, die unlängst für eine Viertelmillion Euro an arabische Scheichs verkauft wurde. Oder ein funktionstüchtiges Karussell aus mehr als 4000 Edelsteinen und Goldteilen, das an den Hof von Brunei ging. Und auch das edelsteinbesetzte Kunstobjekt, das Queen Elizabeth zum 80. Geburtstag bekam, stammte von ihm.

          Damit sind die bunten Steine dann wieder dort, wo sie in der Geschichte so oft waren: bei den Monarchen. Vermutlich macht das auch einen Teil jener Faszination von farbigen Edelsteinen aus, die so groß ist, dass sie Menschen für ein Steinchen so viel Geld ausgeben lässt wie für einen Jaguar oder eine respektable Villa: dass man damit in die Fußstapfen der Könige treten kann, die in einer längst vergangenen Zeit einmal diese Welt beherrscht haben.

          Weitere Themen

          Fernsehgeräte vom Discounter nicht zu empfehlen

          Im Test : Fernsehgeräte vom Discounter nicht zu empfehlen

          Die Verbraucher müssten bei diesen meist kleineren Geräten Abstriche in der Bild- und Tonqualität in Kauf nehmen, sagt Stiftung Warentest. Die Schwäche offenbart sich unter anderem bei schnellen Bewegungen wie beim Sport. Aber das ist längst nicht alles.

          Topmeldungen

          Showtime für Ola  Källenius, 51: Am Donnerstag präsentiert er sein elektrisches Spitzenmodell: „So etwas hat die Welt noch nicht gesehen.“

          Elektro-S-Klasse von Mercedes : Der Tesla-Jäger

          Der Daimler-Chef Ola Källenius verkauft fünfmal so viele Autos wie Elon Musk. Trotzdem ist Tesla das Siebenfache wert. Jetzt bläst der Schwede zum Angriff.
          Hier wurde die Notbremse schon gezogen: Passanten am 14. April in der Münchener Innenstadt

          Infektionsschutzgesetz : Hitzige Debatte in Koalition über Notbremse

          In den Fraktionen von Union und SPD wird die Bundes-Notbremse bis in die Details diskutiert. Manche wollen Sport im Freien sicherstellen, andere fragen nach Sonderregelungen für Kinderschuhgeschäfte.

          Champions League : Das sind die Gründe für das Bayern-Aus

          In der anstrengenden Corona-Saison fehlte dem FC Bayern in den entscheidenden Spielen gegen Paris Saint-Germain die Qualität. Trainer Hansi Flick bemängelt das schon länger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.