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Rubel im Abwärtstaumel : Ursachen und Folgen der Währungskrise

  • Aktualisiert am

Am Dienstag war ein Euro zeitweise 100 Rubel wert. Bild: dpa

Die Rubel-Krise sorgt innerhalb und außerhalb Russlands für viel Nervosität. Die Russen halten ihre Währung aktuell für deutlich unterbewertet. Aber wie schlimm ist die Lage wirklich?

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          Der russische Rubel stürzt ins Bodenlose. Daran hat auch eine radikale Anhebung des Leitzinses durch die russische Notenbank nichts geändert. Auch an den russischen Aktien- und Anleihemärkten machte sich zeitweise Panik breit. Trotz unterschiedlicher Ursachen erinnert die Situation an die schwere Rubelkrise im Jahr 1998.

          Was sind die Hauptgründe für die Talfahrt des Rubel?

          Belastet wird der Rubel vor allem durch den Einbruch der Rohölpreise. Mittlerweile beträgt der Rückgang seit dem Sommer rund 45 Prozent. Energie ist das wichtigste Exportprodukt Russlands. Die Sanktionen des Westens wegen des Ukraine-Konflikts haben die russische Wirtschaft zusätzlich hart getroffen. Das russische Einfuhrverbot für Lebensmittel aus der Europäischen Union (EU) treibt zudem die Preise in Russland nach oben. Die höhere Inflation schwächt die Währung zusätzlich.

          Wie hart ist die russische Wirtschaft betroffen?

          Unabhängig vom Ölpreisverfall hat die russische Wirtschaft bereits in den vergangenen Jahren an Dynamik verloren. Die angestrebte Modernisierung machte Experten zufolge kaum Fortschritte. Für das kommende Jahr befürchtet die russische Notenbank eine Rezession und spricht gar von einem möglichen Einbruch der Wirtschaft um bis zu 4,5 Prozent.

          Wie wirkt sich der Rubelverfall in Russland aus?

          Importierte Waren werden durch den rapide fallenden Wechselkurs immer teurer. Die steigende Inflationsrate belastet die russischen Verbraucher. Auch werden Investitionen von ausländischen Unternehmen in Russland immer unattraktiver. Die Kapitalflucht hat zuletzt deutlich zugenommen. Bei Krediten russischer Unternehmen, die in anderen Währungen aufgelegt wurden, wird die Rückzahlung teurer. Vor allem die Banken haben hohe Auslandsschulden. Hinzu kommen die höheren Zinsen, sie sind Gift für die Konjunktur.

          Kann man die Lage mit der Russlandkrise 1998 vergleichen?

          Vor 16 Jahren konnte die russische Regierung den künstlich gesetzten Rubelkurs nicht länger verteidigen und musste nach der folgenden, starken Abwertung der Währung die Rückzahlung ausländischer Schulden aussetzen. Am 26. August 1998 fiel der Rubel-Kurs im Verhältnis zum Dollar an einem Tag um 26,59 Prozent. Auch damals belastete ein niedriger Rohölpreis die russische Wirtschaft.

          Im Unterschied zu heute war Russland jedoch hoch verschuldet und hatte Defizite im Außenhandel. Das Verhältnis zum Westen war jedoch deutlich besser als heute, und der Internationale Währungsfonds (IWF) gewährte Hilfskredite. Dank der wachsenden Rohstoffexporte hatte sich die russische Wirtschaft ab dem Jahr 2000 wieder erholt.

          Droht Russland der Staatsbankrott?

          Die Notenbank verfügte Anfang Dezember über Devisenreserven im Wert von noch 416 Milliarden Dollar. Zwar sind sie seitdem weiter gesunken, Zahlungsausfälle erscheinen aber zunächst unwahrscheinlich. Die Staatsverschuldung liegt im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt mit 13 Prozent im internationalen Vergleich sehr niedrig. In den Vereinigten Staaten liegt der Schuldenstand bei 108 Prozent. Durch den Verfall des Rubel sind die Risikoaufschläge für russische Anleihen jedoch gestiegen, und die Refinanzierung des Staates wird teurer.

          Wie abhängig ist Russland vom Ölpreis?

          Der Staatshaushalt wird zu einem großen Teil von den Einnahmen der Erdölkonzerne wie Gazprom und Rosneft bestritten. Die fallenden Erdölpreise mindern hier die Einnahmen. Ökonomen vermuten, dass Russland langfristig einen Rohölpreis von 100 Dollar je Barrel braucht, um einen ausgeglichenen Haushalt zu behalten.

          Kann die Notenbank durch Zinserhöhungen die Währung stabilisieren?

          Die drastische Zinserhöhung durch die russische Notenbank, die am späten Montagabend die Zinsen um 6,5 Prozentpunkte auf 17 Prozent anhob, hat die Talfahrt am Dienstag nur kurzzeitig gebremst. Bereits zuvor waren Interventionen am Devisenmarkt verpufft. Selbst die russische Notenbankchefin Elvira Nabiullina erwartet nicht, dass der Kurs kurzzeitig von der Zinserhöhung beeinflusst wird.

          Was kann Russland jetzt noch tun?

          Am Mittwoch begann auch das Finanzministerium damit, einen Teil seiner Devisenreserven zu verkaufen. Dies stützte den Rubelkurs vorübergehend. „Der Druck der Märkte könnte die russische Notenbank zu einer weiteren Leitzinserhöhung veranlassen“, erwartet Commerzbank-Volkswirt Simon Quijano-Evans. Zudem dürfte die Notenbank weiter am Devisenmarkt intervenieren, um die Währung zu stabilisieren. „Auch die Zentralbanken in Westeuropa sollten ein großes Interesse daran haben, dass sich die Turbulenzen im Rubel beruhigen, da das europäische Bankensystem stark in Russland engagiert ist“, schreibt Quijano-Evans.

          Hat der Rubelverfall auch gute Seiten?

          Der schwächere Rubel mildert die negative Wirkung der sinkenden Ölpreise ab. Da Rohöl in Dollar gehandelt wird, erhalten die russischen Rohstoffexporteure mehr Rubel für ein Barrel Rohöl.

          Wir verhalten sich die Russen - gibt es Panik?

          Die Unsicherheit ist zwar groß, aber die Russen reagieren bisher vergleichsweise gelassen - wohl auch mit Blick auf die Reserven des Landes. Auch weil durch die Rohstoffverkäufe weiter Geld ins Land fließt, gilt die Lage für eine Krise als noch ziemlich komfortabel. Teilweise horteten Russen Lebensmittel, weil sie einen weiteren Preisanstieg befürchten. Und es gibt weniger Westreisen - rund 16 Prozent weniger Russen haben etwa deutsche Visa beantragt im Vergleich zu den vorigen Neujahresferien.

          Der Rubelkurs ist auch deshalb im Dezember so unter Druck, weil viele Unternehmen traditionell zum Jahresende Auslandsschulden begleichen müssen. Es handelt sich um etwa 30 Milliarden Dollar (24 Milliarden Euro). Der Bedarf an Devisen ist deshalb jetzt gerade sehr hoch. Schon im Januar erwarten Experten einen massiven Rückgang der Nachfrage.

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