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Rohstoffmarkt : Der tiefe Fall des Ölpreises

Erstmals seit Oktober 2010 fiel der Preis der Nordseesorte Brent unter die Marke von 80 Dollar je Barrel Bild: dpa

Das schwarze Gold wird immer billiger. Schieferölfirmen macht das ebenso zu schaffen wie den Multis. Kann sich die Opec zu Produktionskürzungen durchringen?

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          Nach Wochen wilder Spekulationen darüber, wie Saudi-Arabien auf den niedrigen Ölpreis reagiert, hat der saudische Ölminister sein Schweigen gebrochen - und kaum etwas gesagt. Vermutungen, Saudi-Arabien liefere sich einen Preiskrieg mit anderen Ländern, hat er eine Absage erteilt. Man setze sich gemeinsam mit anderen Förderern im Interesse der Produzenten, Konsumenten und der gesamten Ölbranche dafür ein, Preisstabilität zu garantieren, sagte Al-Naimi.

          Judith Lembke
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Den Verfall des Ölpreises konnten seine Worte nicht stoppen: Zum ersten Mal seit Oktober 2010 fiel der Preis der Nordseesorte Brent unter die Marke von 80 Dollar je Barrel (159 Liter). Seit seinem Jahreshoch im Juni ist er um 30 Prozent gefallen. Mit Spannung wird nun die nächste Sitzung der erdölexportierenden Länder (Opec) am 27. November in Wien erwartet. Dort könnte entschieden werden, ob die Opec ihre Produktionsquoten kürzt, um den Ölpreis zu stabilisieren.

          In den vergangenen Wochen war jedoch gemutmaßt worden, dass Saudi-Arabien genau den entgegengesetzten Weg beschreiten wolle: dem Preisverfall weiter tatenlos zusehen, um die amerikanischen Konkurrenten ins Abseits zu drängen. Da die Ölgewinnung aus Schieferöl in den Vereinigten Staaten kostenintensiver ist als die Produktion zum Beispiel in Saudi-Arabien, brauchen die Amerikaner einen höheren Ölpreis, damit sich die Investitionen rentieren. Obwohl sich Schieferölförderer wie Chesapeake oder EOG diese Woche noch zuversichtlich zeigten, dank Kostensenkungen auch bei niedrigeren Preisen bestehen zu können, zeichnen Marktbeobachter ein weniger positives Bild. In einer aktuellen Studie schreiben die Analysten von Barclays, etwa die Hälfte der Schieferölprojekte sei im kommenden Jahr in Frage gestellt, sollte der Ölpreis auf 70 Dollar oder weniger fallen und dort verharren.

          Allerdings weist der Energieanalyst Steffen Bukold von Energycomment darauf hin, dass genau diese schnelle Anpassung der Förderung auf den Ölpreis im Falle der Schieferölproduktion auch möglich sei - im Gegensatz zum Beispiel zur Ölgewinnung in der Tiefsee, die nicht so schnell hoch- und wieder herunterzufahren sei. „Mit den Schieferölförderern sind neben Saudi-Arabien neue Swing-Produzenten am Markt aufgetaucht“, sagt Bukold. Darunter versteht man Förderer, die ihr Angebot den Marktgegebenheiten schnell anpassen können.

          Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt davor, aufgrund des Schieferölbooms in den Vereinigten Staaten die künftigen Herausforderungen für die Energieversorgung aus dem Blick zu verlieren. Zwar herrsche im Moment ein Überangebot am Markt. Das Blatt könne sich jedoch schon bald wenden. Sollte der Preis bei 80 Dollar verharren, könnten die Investitionen in Schieferöl 2015 um ein Zehntel sinken.

          Der Preissturz am Ölmarkt macht auch den großen Energiekonzernen zu schaffen: Seit dem Spätsommer sind die Aktienkurse von Branchengrößen wie Exxon Mobil, Shell und BP abgeschmiert. Der deutlich niedrigere Ölpreis kostet die Konzerne Milliarden. In den vergangenen Jahren waren die Unternehmen Preise von deutlich mehr als 100 Dollar je Barrel gewohnt - die starke Korrektur hat deshalb auch die Ölmanager auf dem falschen Fuß erwischt. Dabei haben sich die Ölkonzerne im dritten Quartal nicht schlecht geschlagen: Insgesamt betrachtet verdienten sie mehr als von Analysten prognostiziert. Exxon-Mobil, Shell und Chevron konnten ihren Quartalsgewinn im Vorjahresvergleich sogar steigern. Im Fördergeschäft („Upstream“) ließen die niedrigeren Preise zwar die Ergebnisse zusammenschmelzen, doch Gewinnsteigerungen bei Raffinerien und Tankstellen („Downstream“) machten diese Einbußen mehr als wett.

          Allerdings ist der Ölpreis seit Ende September weiter gefallen. Die Analysten von JP Morgan warnen, dass beim Nordseeöl der Sorte Brent im ersten Quartal 2015 Preise von unter 70 Dollar je Fass möglich seien. Die Botschaft für Aktieninvestoren sei deshalb eindeutig, sagt Fred Lucas, Experte für die Ölindustrie bei der amerikanischen Großbank: „Halten Sie Abstand von dieser Branche, in drei Monaten wird sie noch billiger sein, und es ist noch nicht zu spät, um jetzt noch zu verkaufen.“

          Das neue Mantra der Branche lautete schon vor dem Ölpreisverfall, mit Investitionen stärker maßzuhalten als in vergangenen Jahren. Aus Sicht der Börse hatten sich zu viele teure Großprojekte als Flops erwiesen. Der Abschwung am Ölmarkt sorgt nun für noch mehr Druck der Investoren auf die Ölmanager, das Geld zusammenzuhalten - denn institutionelle Anleger kaufen Aktien großer Ölgesellschaften in erster Linie, weil diese zuverlässige Dividendenzahlungen versprechen.

          Am härtesten hat der Ölpreisrutsch den Aktienkurs von BP getroffen. Die Notierung liegt um rund 11 Prozent niedriger als zu Jahresbeginn. Zwei Sonderfaktoren machen den Briten zu schaffen: Einerseits ist BP mit 20 Prozent am russischen Ölriesen Rosneft beteiligt - ein Engagement, das viele Anleger angesichts von Ukraine-Krise und dem Rubelverfall zunehmend nervös macht. Andererseits drohen BP nach einem neuen Gerichtsurteil weitere milliardenschwere Zahlungen für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko vor vier Jahren. Auch die Ungewissheit darüber zehrt am Aktienkurs.

          Börsenliebling ist derzeit dagegen Shell. Der seit Jahresanfang amtierende Vorstandschef Ben von Beurden hat ein weitreichendes Restrukturierungsprogramm aufgelegt, schon bevor der Ölpreisverfall im Sommer einsetzte. Milliardenschwere Beteiligungen werden verkauft - und die Veräußerungserlöse sichern die Ausschüttungen, nach denen die Anleger lechzen. Damit ist Shell aus der Sicht des Finanzmarkts für den Abschwung am Ölmarkt vergleichsweise gut gerüstet. Der Aktienkurs notiert trotz Einbußen in den vergangenen Monaten noch immer um knapp 9 Prozent höher als zu Jahresbeginn.

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