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Rohstoffe : Stabiler Goldpreis trotz größerer Lust am Risiko

Goldschmuck Bild: REUTERS

Als die Panik wegen der Finanzkrise besonders groß war, haben Anleger Gold vor allem als Absicherung gekauft. Nun könnte die bessere Konjunktur zu weiter steigender Schmucknachfrage führen und den Goldpreis treiben. Außerdem ist Gold als Inflationsschutz gefragt.

          Als die Panik wegen der Finanzkrise besonders groß war und ein Zusammenbruch des weltweiten Bankensystems auf einmal möglich schien, haben Anleger Gold vor allem als Absicherung gekauft. Wer sich physisches Edelmetall zulegte, kaufte es in Form von Münzen oder Barren, um mit dem Schatz im Tresor auf bessere Zeiten zu warten. Die scheinen nun angebrochen zu sein: Die Frühindikatoren bleiben positiv, die Hausse an den Aktienmärkten ist ungebrochen, und das Statistische Bundesamt wartete am Donnerstag mit der positiven Nachricht auf, die deutsche Wirtschaft sei im zweiten Quartal überraschend um 0,3 Prozent im Vergleich zum ersten Vierteljahr gewachsen.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nach Ansicht von Analysten ist es nun nur noch eine Frage der Zeit, bis als Reaktion auf die verbesserten Konjunkturaussichten auch Schmuck wieder stärker nachgefragt wird. "Wir rechnen damit, dass sich die Schmucknachfrage im September erholt und für steigende Preise sorgen wird", schreibt Axel Herlinghaus, Rohstoffanalyst der DZ Bank. Das käme einem Paradigmenwechsel gleich, der den Goldmarkt wieder in seine gewohnten Bahnen führen könnte: Normalerweise macht die Nachfrage der Schmuckindustrie 70 Prozent der Goldnachfrage aus. Zu Beginn des Jahres, als die Konjunkturaussichten trübe waren und viele Konsumenten sich scheuten, Geld für Luxusartikel auszugeben, wurde die ausbleibende Nachfrage der Schmuckindustrie von der Investmentnachfrage nach Gold überkompensiert. Mit Gold hinterlegte börsengehandelte Schuldverschreibungen, sogenannte Gold-ETFs, verzeichneten Rekordzuflüsse und hoben den Preis für das gelbe Edelmetall Mitte Februar kurzzeitig auf mehr als 1000 Dollar je Feinunze. Doch seit einigen Wochen fließt aus den Gold-ETFs wieder mehr Geld ab, als hineingesteckt wird, und auch die Lieferzeiten für Goldmünzen und kleine Barren, die zeitweilig mehrere Wochen betrugen, sind zusammengeschmolzen.

          Zu den konjunkturellen Impulsen für die Schmucknachfrage gesellen sich ab September auch saisonale: Im Herbst ist in Indien Hochzeitssaison, dann verzeichnen die Juweliere im größten Gold-Absatzmarkt der Welt Rekordverkäufe. Und in den westlichen Ländern rüstet sich die Schmuckbranche für das Weihnachtsgeschäft.

          Es gibt jedoch auch noch andere Faktoren, die dafür sorgen, dass sich der Goldpreis trotz des gestiegenen Risikoappetits der Anleger seit Anfang des Monats meist oberhalb des Niveaus von 950 Dollar hält. Vor allem die Schwäche der amerikanischen Währung beflügelt das gelbe Edelmetall. Seit Anfang April hat der Goldpreis die Bewegungen des Euro-Dollar-Wechselkurses sehr genau nachgebildet. Nachdem die amerikanische Notenbank am Mittwochabend bekräftigt hat, die Zinsen bis auf weiteres auf dem niedrigen Stand belassen zu wollen, legte der Goldpreis schlagartig von 950 auf auf 965 Dollar je Feinunze zu.

          "Gold verhält sich im Moment nicht wie ein sicherer Hafen, sondern bewegt sich eher im Einklang mit riskanten Anlageformen wie Aktien oder Rohöl. Ansonsten müsste der Goldpreis weitaus tiefer stehen", heißt es in einem Marktkommentar der Commerzbank. Die Rohstoffanalysten sehen die Entwicklung des Goldpreises kurzfristig auch nicht ganz so positiv wie ihre Kollegen von der DZ Bank: Sie prognostizieren einen Rückgang, wenn die spekulativen Long-Positionen an den Terminmärkten, die sich im Moment auf einem hohen Niveau befinden, liquidiert würden. Im Moment wirke dem jedoch noch der starke Dollar entgegen. Auch Thorsten Proettel, Rohstoffanalyst der Landesbank Baden-Württemberg, ist der Ansicht, für den Goldpreis gebe es im Moment mehr Potential nach unten als nach oben. Axel Herlinghaus hält jedoch dagegen, dass die allmählich anziehende Inflationserwartung verhindern könnte, dass sich die Goldinvestoren von ihren Beständen trennen. "Der Markt geht davon aus, dass sich die extrem hohe Liquidität in Verbindung mit anziehenden Rohstoffpreisen in eine steigende Inflation übersetzt", schreibt der Analyst.

          Auch die Commerzbank sieht ab Herbst weiteres Aufwärtspotential für den Goldpreis und prognostiziert einen abermaligen Anlauf auf die 1000-Dollar-Marke. Die Analysten nennen die Funktion von Gold als Inflationsschutz als Hauptgrund für ihre optimistische Pro-gnose. Langfristig spreche auch das steigende Kaufinteresse der Zentralbanken in den Schwellen- und Entwicklungsländern für einen stabilen Goldpreis. Vor allem China will weiter Edelmetall kaufen, um seine Devisenreserven zu diversifizieren. In den vergangenen sechs Jahren hat das Land seine Goldreserven von 454 Tonnen auf 1054 Tonnen aufgestockt.

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