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Rohstoffe : Rekordpreis für Öl ist nicht in Sicht

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Die Preise für Benzin und Heizöl steigen Bild: dpa

Rohöl kostet wieder mehr als 100 Dollar. Das führt zu steigenden Preisen für Benzin und Heizöl. Doch Analysten erwarten keine Rekordpreise wie im Jahr 2008. Auch der Chef der Internationalen Energieagentur warnte davor, die Situation überzubewerten.

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          Der Anstieg des Rohölpreises über die Marke von 100 Dollar je Barrel wird für Verbraucher hierzulande zu höheren Kosten führen. „Die Benzinpreise und die Heizölpreise werden steigen“, sagt Olivier Jakob, Ölexperte des unabhängigen Researchhauses Petromatrix. Seiner Einschätzung nach werde der Ölpreis allerdings nicht so stark zulegen wie noch im Sommer 2008, als Rohöl fast 150 Dollar gekostet hat.

          Am Montagabend war der Preis für Nordseeöl der Sorte Brent zum ersten Mal seit Oktober 2008 über die Marke von 100 Dollar je Barrel (159 Liter) geklettert. Am Dienstag hielt sich der BrentPreis über 101,37 Dollar. Für die amerikanische Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) mussten 91,54 Dollar bezahlt werden.

          Hintergrund dieses Preisanstiegs sind kurzfristige Lieferschwierigkeiten für Brent in Zeiten hoher Nachfrage. Auch das gestiegene Interesse von Finanzinvestoren an Öl treibt die Preise. Hinzu kommen die Proteste in Ägypten. Die Sorge ist, dass Öllieferungen durch den Suez-Kanal unterbrochen werden, und es in wichtigen Ölförderländer in der Region ebenfalls zu politischen Unruhen kommt.

          Deutschland erhält sein Öl aus verschiedenen Quellen

          Bei Brent-Rohöl handelt es sich um eine Klassifizierung von Ölsorten, die ursprünglich von Shell aus dem Ölfeld mit dem Namen Brent (benannt nach Brent-Graugänsen) in der Nordsee gefördert wurden und heute am Ölmarkt als Referenzpreis dienten. Zwei Drittel des globalen Rohölhandels werden mit Referenz zu Brent bewertet, und zwar auch das in Afrika und im Nahen Osten geförderte Öl. Die Sorte WTI gilt als Referenzwert in den Vereinigten Staaten. Ihre Notierung schwankte bis September 2010 lediglich um bis zu 3 Dollar um den Brent-Preis.

          Deutschland erhält sein Öl aus verschiedenen Quellen: aus der Nordsee, aus Russland, aber auch aus anderen Regionen wie Westafrika. Dazu zählen nicht nur Ölsorten wie Brent, sondern auch Marken wie Urals aus Russland. WTI gehört nicht dazu. Die Zusammensetzung der Rohölimporte nach Deutschland ändert sich jeden Monat. „Entscheidend ist, dass sich die Preise anderer Ölsorten an Brent orientieren“, sagt Steffen Bukold, Ölexperte von Energycomment. Auch Bukold rechnet mit erhöhten Preisen für Benzin und Heizöl, „falls der Dollar-Kurs nicht stark fällt“. Europäische Verbraucher profitieren von einem schwächeren Dollar-Kurs zum Euro, weil Öl in Dollar gehandelt wird.

          Unterdessen ist die Preisdifferenz zwischen Brent und WTI von ihrem Rekord von 11 Dollar je Barrel wieder auf 9 Dollar gesunken, liegt damit aber immer noch extrem hoch. Es gibt zahlreiche Gründe dafür, warum die Sorte WTI mit einem so hohen Preisabschlag zu Brent gehandelt wird: Unter anderem gibt es einen Angebotsüberhang kanadischen Öls im amerikanischen Pipeline- und Lagersystem. „WTI ist preislich so abwegig, dass es kaum noch als Referenz angewendet werden kann. Die jetzige Situation kann überhaupt nicht mehr als ausgeglichen angesehen werden“, kritisieren die Analysten von Barclays Capital. Wie viele Marktteilnehmer in der Londoner City halten es die Ölexperten von Barclays für extrem unwahrscheinlich, dass der Suez-Kanal oder gar die wichtige Sumed Pipeline Ägyptens geschlossen werden könnten. Und selbst wenn: Früher hat die Schließung des Kanals in politischen Krisen gravierende Auswirkungen auf den Ölmarkt gehabt. „Heute jedoch hat sich das Zentrum der globalen Energienachfrage nach Asien verschoben, wo sie aus Asien, Afrika und dem Nahen Osten weitgehend gedeckt wird“, sagen die Analysten. „Eine Schließung des Kanals wäre daher nicht so negativ, wie dies in den fünfziger und sechziger Jahren der Fall war.“

          Teilnehmer an den Terminmärkten lassen sich nicht davon abhalten, sich abzusichern

          Auch der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Nobuo Tanaka, warnte am Dienstag davor, die Situation überzubewerten. Es gebe an den internationalen Ölmärkten trotz der Unruhen in Ägypten noch keine Notlage, sagte Tanaka. Nur wenn es tatsächlich zu Lieferschwierigkeiten kommen sollte, müssten IEA und die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) reagieren.

          Teilnehmer an den Terminmärkten lassen sich derweil nicht davon abhalten, sich abzusichern. „Allein die Tatsache, dass es zu Störungen kommen könnte, veranlasst Händler, Öl-Futures zu kaufen“, sagt Angus Campbell von dem Handelshaus Capital Spreads. „Sollte sich in Ägypten schnell eine Lösung herauskristallisieren, könnte es daher zu plötzlichen Eindeckungen am Markt und einer Preiskorrektur nach unten kommen; aber solange die Unruhen andauern, wird der Ölpreis auf erhöhtem Niveau notieren.“

          Die Märkte haben sich während der Finanzkrise und der Schuldenkrise im Euro-Raum an Krisen und „politische Börsen“ gewöhnt, könnten also relativ schnell wieder zur Tagesordnung übergehen. Dennoch: Bei JP Morgan heißt es, dass viele Regierungen in Nordafrika und im Nahen Osten versuchen werden, ihre Erträge aus der Ölförderung zu maximieren, um haushaltspolitischen Spielraum zu haben, Energie- und Nahrungsmittelpreise zu subventionieren und damit sozialen Frieden zu bezahlen. Dies könnte ein Grund sein, warum der Ölpreis noch in diesem Jahr deutlich über die Marke von 100 Dollar je Barrel hinausschießen könnte, sagen Analysten von JP Morgan.

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