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Rohstoffe : Iran-Krise hält Ölbranche in Atem

  • -Aktualisiert am

Öltanker auf der Wasserstraße von Hormus Bild: dpa

Rohstoffhändler erwarten auf Dauer hohe Ölpreise. Die Preisschwankungen erschweren die Kalkulation für die Lieferungen.

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          Nach Einschätzung führender Rohstoffhändler wird der Preis für Rohöl weiterhin hoch bleiben und über der Marke von 100 Dollar je Barrel (159 Liter) rangieren. Pierre Barbé, der das Ölhandelsgeschäft des französischen Total-Konzerns leitet, sagte während einer Rohstoffkonferenz in Lausanne: „Ich glaube nicht, dass es eine starke Korrektur nach unten gibt.“ Auch bei dem weltweit führenden Rohstoffhändler Glencore heißt es, dass der Preis um die Marke von 100 Dollar verharren sollte.

          Seit Mitte März sind die Ölpreise unter Druck geraten. Dies hat die Hoffnung der Verbraucher beflügelt, dass die Preise weiter nachgeben werden und die Energiekosten sinken. Rohöl der Sorte Brent kostete am Mittwoch 119 Dollar je Barrel. Schlechtere Konjunkturdaten auf der Welt sowie die europäische Schuldenkrise inklusive der Aussicht auf eine geringere Ölnachfrage haben die Ölpreise gedrückt. Zudem hat sich die Versorgungslage auf dem Ölmarkt etwas verbessert, das Angebot wuchs zuletzt schneller als die Nachfrage, berichtete die Internationale Energieagentur (IEA).

          Höhe Ölnachfrage aus Asien und Spekulation treibt Ölpreis

          Dabei war der Brent-Preis zuvor stetig gestiegen – bis auf 128 Dollar im März. Die Gründe für die Verteuerung waren die Iran-Krise, eine hohe Ölnachfrage aus Asien sowie das Interesse von Finanzanlegern, die auf steigende Preise setzten. Die Rekordpreise an den Tankstellen hatten daher die Debatte um eine Öffnung der strategischen Ölreserven angetrieben, allen voran in Ländern wie den Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien.

          Kursverlauf

          Rohstoffhändler prognostizieren, dass sich die Angebotssituation am Ölmarkt doch nicht so schnell verbessern wird. Ian Taylor, Vorstandschef des weltgrößten Ölhändlers Vitol, argumentiert, dass es kurzfristig nicht gelinge, durch das größere Ölangebot die Preise zu drücken.

          Erhebliche Preisschwankungen am Ölmarkt

          Einer der wichtigsten Akteure im Handel mit Rohstoffen ist der Schweizer Glencore-Konzern. Alex Beard, der das Ölgeschäft bei Glencore leitet, rechnet langfristig mit einem Ölpreis in Höhe von 95 bis 100 Dollar. Die Preisschwankungen dürften nach unten auf 85 Dollar und nach oben auf 130 Dollar begrenzt sein, so Beard. Zudem sei kurzfristig mit erheblichen Preisschwankungen am Ölmarkt zu rechnen, besonders mit Blick auf die geopolitischen Unsicherheiten.

          Daniel Jaeggi, Mitgründer von Mercuria Energy Group aus Genf, einem der größten Rohstoffhändler auf der Welt, sagte dieser Zeitung, dass die größte Herausforderung am Ölmarkt derzeit die Unsicherheit wegen der Iran-Krise und das anstehende Ölembargo sei. Wegen des Atomstreits mit dem Westen gilt ab Juli ein EU-Importstopp für iranisches Öl. „Wir leben in einer Welt, in der die gesamtwirtschaftliche Lage für Europa nicht gut aussieht“, sagt Jaeggi. „Die Angst vor Ölpreisen von 150 Dollar, wie wir sie im Jahr 2008 erlebt haben, hat damit zu tun, dass die Erholung der europäischen Wirtschaft deutlich beeinträchtigt wäre, wenn die Preise so hoch steigen sollten.“ Zwar deute die gesamtwirtschaftliche Lage nicht auf Ölpreise von 150 Dollar hin. Doch „die Eine-Million-Dollar-Frage ist, wie hoch der Risikoaufschlag im Ölpreis wegen der Situation in Iran ist“, sagt Jaeggi. Sollte sich die Lage in Iran verschärfen, werde der Risikoaufschlag noch zunehmen.

          2004 kostete Öl noch 30 Dollar je Barrel

          In der Regel favorisieren Rohstoffhändler Preisschwankungen. Dann können sie mit ihren Handelsgeschäften hervorragende Erträge erzielen. Doch Jaeggi spielt die Bedeutung dieses Zusammenhangs herunter: Er sagt, die hohe Volatilität bringe vielmehr Nachteile für das Geschäft: „Wir besitzen den Rohstoff Öl physisch, wir transportieren das Öl auf Schiffen und müssen die Ladung versichern.“ Wenn die Preise stark schwankten, sei es viel schwieriger, die Risiken solcher Lieferungen zu bewältigen – die Gefahr nehme zu, Fehler zu machen. „Wenn sich der Ölpreis um 5 Dollar am Tag verändert und es gibt Fehler im Handelsgeschäft, die nicht an demselben Tag entdeckt werden, erhöht sich die Gefahr für die gesamte Transaktion.“ Als Rohstoffhändler, der Öl kaufe und verschiffe, seien Preise ideal, die nicht so stark schwankten – zumal steigende Ölpreise auch höhere Finanzierungskosten mit sich bringen würden.

          Jaeggi rechnet vor: Im Jahr 2004, als Öl noch 30 Dollar je Barrel kostete, habe eine Öltanker-Lieferung rund 80 Millionen Dollar gekostet, die es zu finanzieren galt. Heute seien es für dieselbe Menge 200 Millionen Dollar. „Und das in Zeiten, in denen Banken weniger Risiken eingehen wollen und der Zugang zu Kapital eingeschränkt ist.“ Rohstoffhändler wie von Mercuria präferierten daher Ölpreise, die „weder zu hoch noch zu tief sind und auch nicht viel schwanken“.

          Mit Blick auf ein relativ hohes Ölpreisniveau gibt es allerdings auch skeptische Stimmen in der Branche: Torbjörn Törnqvist, der seit mehr als 30 Jahren im Ölgeschäft tätig ist und als Vorstandschef den Rohstoffhändler Gunvor Group führt, ist anderer Meinung als viele seiner Wettstreiter: Viele Akteure in der Ölindustrie unterschätzten, dass es immer noch die Möglichkeit gebe, weiteres Öl zu fördern und auf den Markt zu bringen – und daher die Preise wegen des höheren Angebots auch wieder nachgeben könnten.

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