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Rohstoffe : Der Welt droht eine Weizenknappheit

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Trockenheit mindert Getreideernte Bild: picture-alliance/ dpa

An den Märkten für Nahrungs- und für Futtergetreide herrscht in diesen Wochen Verwirrung. Trotz fundamental hausseträchtiger Bedingungen - internationale Vorräte in der Nähe des historischen Tiefs - sind die Preise stark gefallen.

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          An den Märkten für Nahrungs- und für Futtergetreide herrscht in diesen Wochen große Verwirrung. Trotz fundamental hausseträchtiger Bedingungen sind die Preise stark gefallen. Zudem ignoriert der Weizenmarkt besonders in Kansas City saisonale Einflüsse, die klar für anziehende Notierungen sprechen. Futtergetreide im allgemeinen und Mais im besonderen unterliegen zwar noch eine Weile dem jahreszeitlich bedingten Druck, doch meinen viele Analysten, dieser Druck müßte eigentlich von der Aussicht auf Knappheit in der neuen Saison 2006/07 (Oktober/September) mehr als aufgewogen werden.

          Als einzige überzeugende Erklärung für den als eklatant bezeichneten Widerspruch zwischen den überschaubaren fundamentalen Gegebenheiten und dem Verhalten der Getreidemärkte vermögen Fachleute technische Einflüsse zu nennen. Gemeint sind massive Liquidationen spekulativer Kaufengagements, verbunden mit neu eingegangenen Baissepositionen aus dem gleichen Lager. Anzumerken bleibt, daß hier die Termin- und die Hedge-Fonds dominieren. Sie operieren überwiegend nach Trendfolgemethoden unterschiedlicher Ausgestaltung, und da die Tendenz an den Getreidemärkten eindeutig nach unten weist, kann angenommen werden, daß sie weit überwiegend die Verkaufs- oder Baisseseite bevorzugen.

          Wird der Markt von Trendfolgesystemen getrieben?

          Grundsätzlich stellen Analysten mit Hinweis auf den am 11. August erschienenen monatlichen "Erntebericht" des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums (USDA) fest, daß bei Weizen, Reis und Futtergetreide am Ende der jeweiligen Saison 2006/07 extrem geringe Weltvorräte zu erwarten sind. Im Verhältnis zum geschätzten Verbrauch dürfte sie auf Werte sinken, die sich auf historischen Tiefs oder wenigstens in deren Nähe bewegen. Auf jeden Fall aber würden Werte erreicht, die im Bereich der 1996/97 verzeichneten liegen dürften, heißt es. Seinerzeit kostete Weizen in Kansas City in der Spitze mehr als 7 Dollar je Bushel (27,2 Kilogramm), heute hingegen nur etwa 4,50 Dollar. Mais notierte in Chicago damals bei gut 5,50 Dollar je Bushel (25,4 Kilogramm), während sein Preis derzeit bei etwa 2,20 Dollar liegt.

          Das USDA schätzt die Weltproduktion von Weizen 2006/07 (Juli/Juni) nach dem Stand vom 1. August auf 598 Millionen Tonnen. Im Juli wurde noch ein Ertrag von 605,21 Millionen Tonnen vorausgesagt. In der vergangenen Saison sollen 618,48 Millionen Tonnen erzeugt worden sein, während 2004/05 der Rekord von 628,85 Millionen Tonnen eingebracht wurde. Das Ministerium erwartet, daß der Weltverbrauch 2006/07 gegenüber der vergangenen Saison von 624,21 Millionen Tonnen auf 615,27 Millionen Tonnen sinkt. Daraus errechnet das USDA einen Rückgang des Weltbestands an Weizen in der laufenden Saison von 145,69 Millionen Tonnen auf 128,42 Millionen Tonnen.

          Der Internationale Getreiderat (IGC) hat die Weltproduktion von Weizen 2006/07 nach dem Stand vom 26. Juli auf 596 Millionen Tonnen geschätzt. Den Verbrauch setzt er mit 611 Millionen Tonnen an. Er sagt voraus, daß der Weltbestand an diesem wichtigsten Nahrungsgetreide in der laufenden Saison von 133 Millionen Tonnen auf 118 Millionen Tonnen schrumpft.

          Verbrauchsstatistik geschönt?

          Fachleute werfen beiden Institutionen vor, auf der Verbrauchsseite statistisch zu manipulieren, um eine noch einigermaßen ausgewogene Bilanz ausweisen zu können. Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und der bei Futtergetreide vorgezeichneten Knappheit sei schwer nachvollziehbar, wie der Weizenverbrauch um - wie das USDA annimmt - rund 9 Millionen Tonnen sinken könne. Der IGC geht sogar von einem Rückgang um 11 Millionen Tonnen aus.

          Fachleute erwarten, daß beide Quellen Ende August beziehungsweise Anfang September stark revidierte Produktionszahlen vorlegen werden. Begründet wird diese These vor allem mit weiteren witterungsbedingten Ausfällen bei den Ernten in Europa. Aber auch in China sollen teils wegen Dürre und teils wegen Überschwemmungen erhebliche Einbußen entstanden sein. Daneben seien geringere Ertragsprognosen für Kanada und Australien vorstellbar, heißt es. Zudem heben Fachleute immer wieder hervor, es werde zuwenig beachtet, daß Reis das knappste Getreide überhaupt sei. Obgleich das USDA im Juli anhand offizieller Zahlen aus Peking die Vorräte in China deutlich nach oben revidiert hat, bleibt die Weltbilanz für Reis wegen der extrem geringen Vorräte in hohem Maße angespannt.

          Mit Blick auf die künftige Weizenproduktion bezweifeln Analysten, daß die herrschenden Preise ausreichen, um angemessene Anreize zu einer deutlich höheren Weltproduktion 2007/08 zu geben. Ihr Hauptargument lautet, die Kosten der Erzeuger für den Input (Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz, Treibstoffe, Energie für das Trocknen des Getreides) liefen ihnen wegen des im Jahresvergleich deutlich erhöhten Ölpreises davon und neutralisierten die nominal gestiegenen Erlöse für das Getreide wenigstens zu einem großen Teil. Vor diesem Hintergrund könne die Welt in der Saison 2006/07 vielleicht gerade noch einmal um eine akute Weizenknappheit herumkommen, doch drohten 2007/08 ernste Schwierigkeiten besonders bei hochwertigem Weizen.

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