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Rohstoffe : Der Kampf Saudi-Arabiens um die neue Ölwelt

Saudi Aramco beteiligt sich auch an dieser Raffinerie in Ulsan. Bild: Getty

Der niedrige Ölpreis fordert Saudi-Arabien zum Umdenken auf: Das Land möchte weg von der Rolle des einfachen Exporteurs. Eine neue Strategie soll die Gewinne sprudeln lassen.

          3 Min.

          Die niedrigen Ölpreise haben Energiekonzerne auf der ganzen Welt dazu gezwungen, Arbeitsplätze zu streichen und Ausgaben zu kürzen. Alle Energiekonzerne? Mitnichten. Besonders das mutmaßlich größte Unternehmen der Welt, Saudi Aramco, hat langfristige Ziele. Der Ölkonzern, dessen Wert auf mehr als 1000 Milliarden Dollar geschätzt wird, ist komplett durch Saudi-Arabien verstaatlicht und kann somit auf etwa 750 Milliarden Dollar zugreifen.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bei einem aktuellen Ölpreis von 58 Dollar je Barrel der Sorte Brent fährt Aramco nun voll auf Angriff. Laut „Financial Times“ nutzt der Ölriese die niedrigen Ölpreise, um die eigene Haushaltsdisziplin zu schärfen. So soll der Vorstandsvorsitzende Khalid Al Falih darauf gedrungen haben, bessere Angebote von Dienstleistern und sonstigen Vertragspartnern einzuholen, um die Ausgaben zu kürzen. Die Kapitalkosten wollte man sogar um 20 Prozent reduzieren.

          Milliardeninvestitionen in neue Öl- und Gasquellen

          Doch nicht nur an der Ausgabenseite tut sich etwas, sondern auch an der Einnahmenseite. Denn der Konzern gräbt rasant neue Bohrlöcher. Deren Zahl sprang seit Juni um 15 Prozent nach oben auf 125, wie Baker Hughes angibt – und das, obwohl sich der Ölpreis seitdem halbiert hat. Der saudische Ölminister Ali Al Naimi sagte zuletzt, das Land produziere mehr als 10 Millionen Barrel am Tag. Noch in der zweiten Hälfte des Jahres 2014 sollen es etwa 9,7 Millionen gewesen sein. Laut Rystad Energie wurden gleichzeitig die Investitionen um 5 bis 10 Prozent im Jahr 2015 hochgeschraubt. Das ist beachtlich, weltweit sind die Investitionen um 20 Prozent reduziert worden, in den Golf-Staaten immerhin noch um etwa 5 Prozent. Konkret wurden zum Beispiel 10 Milliarden Dollar für unkonventionelle Gasquellen bereitgestellt, die investiert werden sollen. Al Falih sagte noch im Januar, für Öl sollen pro Jahr weitere 30 bis 50 Milliarden Dollar bereitgestellt werden.

          Doch wohin mit dem ganzen Öl, wenn im Moment weniger nachgefragt wird? Saudi-Arabien wendet sich nun China zu. So reiste Al Falih zuletzt nach Peking, um die Chinesen zu bezirzen, mehr saudisches Öl zu importieren – und so die Konkurrenz in dem wichtigen asiatischen Markt zu erhöhen. „Egal, was passiert: Saudi Aramco wird der größte und verlässlichste Energielieferant auf dem Planeten bleiben, und damit auch der Sicherheitsgurt, auf den sich China verlassen kann“, sagte Al Falih im März.

          Damit ist das langfristige Ziel klar: Marktanteile. Saudi-Arabien gibt kurzfristige Gewinne auf, um langfristig seinen Konkurrenten Marktanteile abzunehmen. Indem die Produktion nicht gekürzt wird, zwingt es all jene Produzenten, die Öl teuer fördern, ihre Produktion einzudämmen. Auch wenn in den Vereinigten Staaten die Produktion noch stabil ist, so ist doch die Anzahl der Bohrlöcher regelrecht eingebrochen. Aktuell wird lediglich noch an 760 Stellen gefördert, im Oktober waren es mehr als 1600 Bohrlöcher. Damit hat sich die Zahl mehr als halbiert und befindet sich auf einem Vier-Jahres-Tief.

          Doch der niedrige Ölpreis zwingt auch allen Bemühungen von Saudi-Arabien zum Trotz zum Umdenken. Denn die Saudis verbrauchen auch selbst mehr Öl. Es gibt immer mehr Klimaanlagen in dem Land, und diese verbrauchen eine Menge Strom, um die Gebäude kühl zu halten. Neben der steigenden Binnennachfrage durch Klimaanlagen wird auch mehr durch höhere saudische Raffineriekapazitäten nachgefragt. Im Inland werden neue Verarbeitungszentren gebaut, im Ausland neue gegründet, oder man beteiligt sich dort an diesen, so zum Beispiel in den Vereinigten Staaten und Südkorea.

          Einfacher Transport von Öl schlägt Gas

          Hier schließt sich der Kreis mit den höheren Gas- und Ölinvestitionen. Denn Saudi-Arabien muss bei niedrigeren Ölpreisen seine Einnahmen optimieren. Ölkraftwerke sind – verglichen mit Gaskraftwerken – ineffizienter und damit teurer für das Land. Dagegen lässt sich Gas schlechter exportieren: Das Gas müsste über ein noch zu bauendes Pipeline-Netz sehr weit und damit teuer transportiert werden. Mit Flüssiggas ist es noch teurer: Unter hohem Energieaufwand muss es zuerst vom Gaszustand in den flüssigen umgewandelt werden. Außerdem gibt es bei weitem nicht genug Abnehmer, da auch diese Extra-Terminals benötigen. Öl kann dagegen einfach exportiert werden. Daher ist die Rechnung einfach: Anstatt das Öl teuer zu verbrennen, wird es lukrativ exportiert. Stattdessen wird günstigeres Gas für die Stromerzeugung eingesetzt.

          Die neuen Raffinerien sollen außerdem dazu beitragen, Saudi-Arabiens Energiesektor auf breitere Beine zu stellen: Denn statt nur einfaches Rohöl zu exportieren, können dann auch petrochemische Erzeugnisse auf den Weltmarkt gebracht werden.

          Damit entfernt sich das Land immer weiter von seiner lange gepflegten und gehegten Rolle als einfacher Erdölexporteur. „Saudi-Arabien ist auf dem Weg, dem Club der großen Ölprodukte-Exporteure beizutreten“, schreibt daher auch die Internationale Energieagentur in einem Fünf-Jahres-Ausblick.

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