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Rohstoff-Zertifikate : Die Forwardkurve macht den Unterschied

  • Aktualisiert am

Orangensaft befindet sich in einer Backwardation-Situation Bild: AP

Contango, Backwardation, Rollgewinne - wer in Rohstoffe investiert, braucht ein paar Vokabeln mehr als bei Aktien. Außerdem reicht der normale Chart nicht aus: Ein Blick auf die Forwardkurve muss sein.

          3 Min.

          Rohstoffe als Geldanlage sind alles andere als einfach. Die Gewinne eines Open-End-Zertifikats können größer sein als die des Kontrakts, auf den sie sich beziehen, aber auch kleiner. Das gleiche gilt für Verluste.

          Zu erklären ist das mit Rollgewinnen und Rollverlusten. Sie können entstehen, wenn eine Position vor Fälligkeit des aktuellen Kontraktes verkauft und das Geld in einen neuen Terminkontrakt investiert wird. Ohne dieses „Rollen“ hätte der Anleger vielleicht Hunderte Kilo Kupfer im Keller liegen oder ein paar magere Schweine im Hof. Doch das will er in der Regel nicht - er möchte ja kein Kupfer oder Schwein kaufen, sondern nur an deren Preisentwicklung teilhaben.

          Rollgewinn oder Rollverlust?

          Ob es zu einem Rollgewinn oder -verlust kommt, liegt an der Form der Forwardkurve. Ist der kommende Kontrakt teurer als der aktuelle, steigt die Kurve also, spricht man von Contango. Beim Rollen entstehen hier Rollverluste, denn das Geld aus den alten Kontrakten reicht nur für weniger neue Kontrakte.

          Die Futures notieren beim Rollen unter dem jeweiligen physischen Rohstoffpreis. Rohstoffe können dadurch über Futures mit Rabatt gekauft werden. Bis zum nächsten Rolltermin nähert sich der Future dem aktuellen Rohstoffpreis an

          Auch der umgekehrte Fall ist denkbar: Der nächste Future ist billiger als der aktuelle, die Fachwelt spricht von Backwardation. Die Forwardkurve fällt also, und der Investor erzielt Rollerträge.

          Contango und Backwardation

          Bei Orangensaft zum Beispiel zeigt die Forwardkurve eine klassische Backwardation-Situation: Das Pfund Orangensaft zur Lieferung im März kostet mehr als zwei Dollar, für die Lieferung im September werden weniger als zwei Dollar verlangt. Beim Rollen in den nächsten Kontrakt kann der Anleger einen Gewinn erwarten. Ein Open-End-Zertifikat sollte sich daher besser entwickeln als der Orangensaft-Spotpreis.

          Bei Weizen dagegen steigt die Forwardkurve bis März 2008 an. Hier muss der Anleger wegen der Contango-Situation Verluste einkalkulieren, auch wenn der Weizenpreis seitwärts gehen sollte. Allerdings muss er wissen, dass sich das Aussehen der Forwardkurve zum nächsten Rolltermin wieder geändert haben kann.

          Forwardkurven im Internet

          Für Anleger bietet die Forwardkurve trotzdem wichtige Informationen darüber, wie sich ihr Investment entwickeln könnte. Doch anders als die Kursbilder der Rohstoffe lassen sich die Forwardkurven nicht auf zahlreichen Finanzwebsites mit wenigen Klicks abrufen. Mindestens teilweise Abhilfe schafft Goldman Sachs. Unter www.goldman-sachs.de zeigt die Investmentbank für verschiedene Open-End-Zertifikate die Forwardkurven des entsprechenden Basiswertes (Suche über Isin oder Schlüsselwort, dann auf „Basiswert“ klicken).

          Doch nicht zu jedem Zertifikat findet sich auf dieser Website eine Forwardkurve: Bei den Open-End-Zertifikaten auf Erdgas (Isin DE000GS0CCE5), Orangensaft (DE000GS0CC32), Mais (DE000GS0CC65) oder Weizen (DE000GS0CC40) gab es am Montagnachmittag die entsprechenden Informationen, bei Kupfer (DE000GS0HH81) oder Zink (DE000GS0HH40) dagegen nicht.

          Partizipationsrate ändert sich

          Einen weiteren Punkt müssen Anleger beim Roll-Over beachten: Um die Preisdifferenzen zwischen den Kontrakten auszugleichen, kann sich bei Open-End-Zertifikaten auf Rohstoffe die Partizipationsrate am jeweiligen Terminkontrakt ändern. Vom Preis des Basiswertes lässt sich dann nicht mehr eins zu eins auf die Entwicklung des Zertifikates schließen.

          ABN Amro nennt in einer Broschüre ein Beispiel, wie sich das Rollen auf die Partizipationsrate auswirken kann: Ziel eines Roll-Overs sei der Erhalt des Wertes des Open-End-Zertifikats unmittelbar vor und nach dem Rollen. „In unserem hypothetischen Beispiel erhalten die Anleger beim Verkauf des November-Futures 62,91 Dollar. Der nächstfällige Kontrakt kostet 63,61 Dollar. Entsprechend erhalten Anleger beim Roll-Over für 62,91 Dollar nur einen Anteil von 98,90 Prozent am nächstfälligen Kontrakt.“ Voraussetzung hierfür sei, dass die Partizipationsrate vor dem Rollen 100 Prozent betrug. „Der Wert des Zertifikats beträgt damit unmittelbar und nach dem Roll-Over 62,91 Dollar.“

          Das Spiel lässt sich umgehen

          Für Anleger ist Backwardation natürlich angenehmer als Contango, denn die Rollgewinne können die Rendite ihres Investments wesentlich verbessern (siehe ABN-Amro-Grafiken in der Bilderstrecke). Allerdings kann sich der Verlauf der Forwardkurve ändern - „sichere“ Wetten sind auch bei Rohstoffen nicht zu finden. Außerdem gibt es Rohstoffe, zum Beispiel Erdgas, deren Forwardkurve typische saisonale Muster aufweisen: Terminkontrakte mit Verfallterminen im Winter sind verständlicherweise teurer als Sommerkontrakte. Backwardation und Contango wechseln sich hier munter ab.

          Investoren können das Spiel mit Backwardation und Contango übrigens auch umgehen: Sie können auf Zertifikate mit einer festen Laufzeit setzen, die bei Fälligkeit den Kurs des Basiswertes auszahlen.

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