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Rohstoff-Investments : Zweischneidig

  • -Aktualisiert am

Rohstoffpreise sinken zu Unrecht, Rohstoffaktien zu Recht. Bild: REUTERS

Seit 2008 haben die Preise für Industriemetalle, Edelmetalle und auch Agrarrohstoffe nur eine Richtung gekannt: nach oben. Rohstoffpreise sinken jedoch aktuell zu Unrecht, Rohstoffaktien zu Recht.

          Anleger schichten um

          Die vergangenen zwölf Monate indes waren für den globalen Rohstoffmarkt eher ein schlechtes Jahr. Zwar liegt Erdgas mit 48 Prozent im Plus, und auch Palladium konnte mit etwa 12 Prozent seit März 2012 zulegen. Gold jedoch ist fast 6 Prozent im Minus, Aluminium mit 12 Prozent, WTI-Rohöl mit 13 Prozent, Silber mit 12 Prozent. Die Preise für Zucker oder Kaffee sind gar um mehr als ein Viertel eingebrochen.

          Eugen Weinberg ist nicht nur überrascht. Der Leiter der Rohstoffanalyse der Commerzbank rätselt gar, warum fast alle Rohstoffpreise gesunken sind, obwohl Indikatoren, die eigentlich für steigende Preise sprechen, sich deutlich verbessert hätten. Die Zentralbanken hätten ihre Politik des billigen Geldes fortgesetzt, die Wirtschaftsdaten in der Welt hätten sich positiv entwickelt, der Risikoappetit der Investoren, die im Niedrigzinsumfeld auf der Suche nach höheren Renditen sind, sei teilweise zurückgekehrt. Und dennoch habe es wenig Unterstützung für den Rohstoffmarkt gegeben. „Teilweise schichten die Anleger aus Rohstoffen in Aktien um oder steigen komplett aus nach dem enttäuschenden Verlauf der Rohstoffpreise im letzten Jahr“, mutmaßt Weinberg. Als mögliche weitere Gründe sieht der Analyst die neue Stärke des Dollars, in dem viele Rohstoffgeschäfte abgewickelt werden, Chinas immer noch nicht auf Hochtouren laufende Wirtschaft und dass sich Investoren in großem Stil aus dem Markt verabschiedet hätten.

          Nachholbedarf bei Industriemetallen

          Wirklich nachvollziehbar sind diese Gründe für Weinberg dennoch nicht. „Aus heutiger Sicht sind die Rohstoffe angesichts der Konjunkturbelebung und des günstigen Geldes niedrig bewertet“, findet er. Daher seien die Einstiegsbedingungen nun gut. Denn seiner Meinung nach seien viele Risiken schon eingepreist. Deswegen sieht Weinberg in diesem Jahr noch erheblichen Nachholbedarf bei Industriemetallen wie Kupfer oder Zink und Rohstoffen, die für die Energiegewinnung genutzt werden.

          Etwa 10 bis 15 Prozent würden die Preise für diese Rohstoffklassen steigen, schätzt Weinberg. Bei Öl rechnet er mit einem freiwilligen Produktionsengpass der Opec-Länder. Saudi-Arabien etwa habe in der jüngeren Vergangenheit seine Staatsausgaben um 15 Prozent im Jahr ausgeweitet. Das Land brauche heute einen Ölpreis von mehr als 80 Dollar, um seine Staatsausgaben zu finanzieren. Wenn die Staatsausgaben in diesem Tempo weiterwüchsen, würde Saudi-Arabien in fünf Jahren einen Ölpreis von rund 150 Dollar brauchen.

          Gold mit Potenzial?

          Auch für Gold sieht Weinberg Potential. Zwar werde sich kurzfristig am momentanen Preis, rund um 1600 Dollar je Feinunze, nichts ändern. Spekulanten, die nur kurzfristig am Anstieg des Goldpreises interessiert seien, hätten sich zurückgezogen. Auch aus Indexfonds seien größere Summen abgeflossen. Dennoch ist sich der Banker fast sicher, dass die Investoren den Wert des Golds wiederentdecken würden. Probleme, wie die globale Schuldenkrise oder ein eventueller Währungskrieg seien noch nicht gelöst. Ende des Jahres erwartet er einen Preis von 1900 Dollar.

          Ein Trend, der auf den ersten Blick vielleicht überraschend scheint, ist für Eugen Weinberg indes weniger rätselhaft. Obwohl die Aktienmärkte neue Höchststände erklimmen, haben sich die Aktien von Rohstoffunternehmen zuletzt schlecht geschlagen. Solche Titel zählen an der Börse zu den eher risikoreicheren Anlagen. Es sind zyklische Aktien, die stark auf die Entwicklung der Weltwirtschaft und die Nachfrage nach Rohstoffen reagieren. Die Aktie von BHP Billiton verlor seit Anfang dieses Jahres rund 7 Prozent, Anglo American sogar 11 Prozent.

          Anderes Chance-Risiko-Profil

          Die lange Rohstoffhausse habe Neugründungen von Unternehmen nach sich gezogen und bereits im Markt aktive hätten weitere Gebiete erschlossen und neue Minen eröffnet, sagt Weinberg. Nun litten sie unter einer Überproduktion, weil die Nachfrage zuletzt deutlich zurückgegangen sei. Außerdem könnten die Unternehmen nur geringe Margen aufweisen, weil die Kosten deutlich gestiegen seien. „Der Druck auf die Produzenten ist enorm. Die steigenden Löhne, Regierungsabgaben und eine starke Konkurrenz machen Probleme.“

          Rohstoffaktien hätten ein ganz anderes Chance-Risiko-Profil als Rohstoffe und seien nicht unbedingt unterbewertet. „Die zahlreichen Schwierigkeiten der Minenproduzenten sind ein Segen für die Rohstoffpreise, weil sich das Angebot verteuert“, meint Weinberg. Wenn man als Anleger in Rohstoffaktien investieren möchte, sollte man sich lieber Dienstleistungsunternehmen oder Zulieferer heraussuchen als Produzenten. Diese seien nicht von den niedrigen Margen betroffen, da sie ihren Sitz meist nicht in Krisenländern hätten, nicht enteignet würden und auch von der steigenden Nachfrage, die Weinberg erwartet, profitieren.

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