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Opec-Staaten gegen Industrienationen : Der Konflikt um das Rohöl verschärft sich

  • -Aktualisiert am

Öltanks in Hamburg Bild: dpa

Industrieländer und Opec-Staaten gehen auf Konfrontationskurs. Nach der Ankündigung, die Ölreserven anzuzapfen, sinken die Preise - vorerst. Autofahrer versprechen sich davon sinkende Benzinpreise.

          Die Spannungen zwischen den erdölexportierenden Ländern (Opec) und den wichtigsten Ölverbrauchern auf der Welt nehmen zu: Nachdem die Internationale Energieagentur (IEA) angekündigt hat, ihre strategischen Ölreserven anzuzapfen, hat sich der Streit um den wichtigsten börsengehandelten Rohstoff verschärft. Nach Einschätzung von Branchenkennern wird sich dies fortsetzen: „Das ist der erste Ausläufer einer politischen Konfrontation zwischen Ölexporteuren und den Importländern vor dem Hintergrund einer immer knapperen Ölversorgung in den kommenden Jahren“, sagt Steffen Bukold, Leiter des unabhängigen Forschungsbüros Energycomment.

          Ab der kommenden Woche werden die 28 IEA-Mitgliedsländer über 30 Tage hinweg bis zu zwei Millionen Barrel (je 159 Liter) Rohöl am Tag aus ihren strategischen Reserven an den Markt bringen. Eigentlich sind diese Vorräte für Notfälle gedacht. Auch Deutschland wird insgesamt bis zu 4 Millionen Barrel anbieten. Die IEA begründete ihre Aktion mit Lieferengpässen, die entstanden sind, nachdem das ölreiche Libyen nach Ausbruch des Bürgerkrieges als wichtiger Lieferant fast komplett ausgefallen ist. Vor dem Krieg lieferte Libyen jeden Tag rund 1,6 Millionen Barrel Öl – vor allem nach Europa.

          Ölpreise erheblich unter Druck

          Nach der IEA-Ankündigung gerieten die Ölpreise erheblich unter Druck. Nachdem sie am Donnerstag schon um bis zu 7 Prozent sanken, war auch am Freitag die Nervosität am Ölmarkt groß. Nordseeöl der Sorte Brent kostete 107 Dollar, für amerikanisches Öl der Marke West Texas Intermediate (WTI) musste 91 Dollar bezahlt werden. Ende April kostete Brent noch 125 Dollar. Die Entscheidung der IEA ist ungewöhnlich. Denn erst zweimal seit ihrer Gründung im Jahr 1974 griff sie auf die Notreserven zurück: Dies war im Golfkrieg 1990/1991 der Fall, ebenso nach dem Katrina-Hurrikan 2005.

          Dass die IEA nun eine Knappheit im Ölmarkt wegen der Libyenkrise anführt, erstaunt viele Ölexperten, denn die Lieferausfälle sind schon seit vier Monaten bekannt. „Der Markt hat gezeigt, dass er mit dem Libyen-Ausfall gut zurechtgekommen ist“, urteilen die Fachleute des Analyseunternehmens JBC Energy. Und bei der Commerzbank heißt es: „Der Zeitpunkt der Maßnahme lässt vermuten, dass dies die Reaktion auf die fehlende Bereitschaft der Opec war, ihre Förderquoten zu erhöhen. Zum anderen aber dürfte die Freigabe das Ziel haben, den Ölmarkt und die Ölpreise kurzfristig zu beruhigen.“

          Libyen-Argument „erscheint mehr eine Ausrede zu sein“

          Hintergrund ist, dass sich das Ölkartell bei seinem Treffen am 8. Juni nicht auf eine Förderquoten-Erhöhung einigen konnte. Während Anbieter wie Saudi-Arabien für eine Erhöhung plädierten, waren Länder wie Iran und Venezuela dagegen. Zuvor hatte die IEA mehrmals die Opec aufgefordert, mehr Öl zu fördern und damit zu verhindern, dass hohe Energiekosten den Wirtschaftsaufschwung gefährden. Das Libyen-Argument „erscheint mehr eine Ausrede zu sein als der wirkliche Grund“, so die Analysten von JBC Energy.

          Hinzu kommt, dass es derzeit keine Knappheit an Öl auf der Welt gibt. Außerdem waren die Ölpreise in den vergangenen Wochen schon deutlich gesunken. Im Vergleich zur Situation anch dem Golfkrieg und nach dem Katrina-Hurrikan ist die Lage alles andere als dramatisch. Die IEA-Entscheidung könnte sich sogar „als Bumerang erweisen“, heißt es bei der Commerzbank: „Denn jetzt ist es fraglich, ob sich Saudi-Arabien an seine Zusage gebunden fühlt, die Ölproduktion kurzfristig auf 10 Millionen Barrel pro Tag auszuweiten.“ Immerhin: Experte Bukold argumentiert, dass die IEA nun wieder als ölpolitischer Akteur auf der Bildfläche erscheine.

          Entlastung für Autofahrer hält sich in Grenzen

          Nachdem es einen so starken Rückgang der Ölpreise gegeben hat, versprechen sich Autofahrer sinkende Benzinpreise. Am Freitag gaben die Benzinpreise etwas nach. Allerdings hält sich die Entlastung für die Autofahrer in Grenzen, wie vorläufige Zahlen des ADAC zeigen: So war Super E10 am Freitag rund einen Cent billiger als am Vortag. Bei Diesel seien keine Veränderungen festzustellen gewesen. Zuletzt hatte das Kartellamt die Preispolitik der Tankstellenbetreiber kritisiert, den Konzernen aber keine verbotenen Absprachen nachweisen können.

          „Ich glaube nicht, dass es dauerhaft sinkende Öl- und Benzinpreise geben wird“, sagt Bukold von Energycomment. Denn nur wenige Länder könnten ihre Förderung in den kommenden Jahren nennenswert steigern. „Zudem zeigt das Beispiel Saudi-Arabien, dass Ölstaaten auf immer höhere Öleinnahmen angewiesen sind, um sich innenpolitisch durch finanzielle Geschenke an die Bevölkerung zu stabilisieren.“

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