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Opec : Saudi-Arabien will Sondersitzung einberufen

Der Ölpreis hält sich auf hohem Niveau Bild: REUTERS

Die amerikanischen Autofahrer müssen erstmals im Landesdurchschnitt 4 Dollar für eine Gallone (3,8 Liter) Benzin bezahlen. Die Preise für Rohöl bewegen sich nahe den historischen Höchstständen. Wie soll das weitergehen? Saudi-Arabien will jetzt eine Sondersitzung der OPEC mit ihren Abnehmern einberufen.

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          Der Preis für ein Barrel (159 Liter) amerikanisches Leichtöl der Sorte WTI hat sich am Montag bei 137 Dollar stabilisiert. Damit blieb der Preis nur wenig unter seinem historischen Höchststand von 139,12 Dollar, den er am vergangenen Freitag im New Yorker Handel erreicht hatte. Saudi-Arabien will nun eine Sondersitzung der in der OPEC zusammengeschlossenen Erdöl exportierenden Länder und von Abnehmerländern einberufen, um über den rasanten Preisanstieg zu diskutieren. Informationsminister Ijad Madani sagte am Montag, das Königreich wolle zusammen mit der OPEC die „Verfügbarkeit von Öllieferungen jetzt und in der Zukunft“ garantieren.

          Gerald Braunberger
          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Nach einer Kabinettssitzung wurde mitgeteilt, Saudi-Arabien wolle dazu beitragen, „ungerechtfertigte und unnatürliche“ Preiserhöhungen zu kontrollieren. Madani sagte, der jetzige Ölpreis sei nicht gerechtfertigt. Nach Ansicht von Branchenexperten haben die meisten Mitglieder der Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC) kaum noch Kapazitäten, ihre Produktion nennenswert auszuweiten - mit Ausnahme Saudi-Arabiens. Die Nummer eins unter den Ölproduzenten fördert derzeit 9,4 Millionen Barrel pro Tag und hat der Einschätzung zufolge die Fähigkeit, diese Leistung um rund zwei Millionen Barrel zu erhöhen.

          Die Autofahrer in Deutschland bekommen das teure Öl weiter deutlich zu spüren. Ein Liter Super kostete am Montag nach Informationen aus der Mineralölbranche im Schnitt 1,49 Euro, für Diesel wurden etwa 1,47 Euro je Liter fällig.

          „Verwirrende Logik“

          Die neuerliche Dollar-Schwäche nach schwachen Zahlen vom amerikanischen Arbeitsmarkt sowie Drohungen des israelischen Premierministers Ehud Olmert in Richtung des großen Ölproduzenten Iran hatten den Preis für die Leichtölsorte WTI am Freitag um mehr als 10 Dollar steigen lassen. Die Investmentbank Morgan Stanley sah daneben auch spekulative Kräfte am Wirken: "Die Sorge über ein Nachlassen der Ölnachfrage in den Vereinigten Staaten hatte zuvor vermutlich bedeutende Leerverkäufe und die Auflösung spekulativer Haussepositionen zum Ergebnis. Die Schnelligkeit und die Stärke des Kursauftriebs am Freitag legt die Vermutung nahe, dass ein großer Teil der Hausse auf die Schließung dieser offenen Positionen zurückging", heißt es in einem Bericht.

          "Die Logik am Ölmarkt kann manchmal so verwirrend sein", schreibt die Commerzbank. Eine Abkühlung der amerikanischen Konjunktur werde am Markt als positiv für den Ölpreis bewertet, weil sie den Dollar schwächen könnte. Vergessen werde die niedrigere Ölnachfrage wegen einer schwachen Konjunktur: "Letztlich sind die Vereinigten Staaten die Nation mit dem mit Abstand größten Ölverbrauch der Welt und für rund ein Viertel der Nachfrage verantwortlich." Die Commerzbank hält in den kommenden Wochen einen Ölpreis von 150 Dollar für möglich, betrachtete dies aber als eine "extrem spekulative Übertreibung".

          Eine Vielzahl Begründungen für einen hohen Ölpreises sieht Alessandro Giraudo, der Chef-Volkswirt des Pariser Brokerhauses Viel & Tradition. Auf Giraudos langer Liste stehen neben einem schwachen Dollar die hohe Nachfrage von Schwellenländern - wobei China seine Lager vor den Olympischen Spielen besonders aufgefüllt habe -, die hohe Subventionierung von Ölprodukten in vielen Ländern, die eine unverändert starke Nachfrage nach Rohöl trotz des steigenden Preises zur Folge habe sowie eine kräftige Nachfrage der amerikanischen Regierung, die seit Monaten ihre strategische Ölreserve auffülle. Giraudo nennt daneben eine starke Nachfrage nach erstklassigem Öl wie (WTI) als Folge von Umweltregulierungen, einen Fall der Produktion in Russland und in der Nordsee zwischen Januar und Mai 2008 sowie politische Spannungen in Venezuela, Nigeria, Iran und dem Irak. Daneben hätten Chemiekonzerne und Fluggesellschaften Terminkäufe zur Absicherung vorgenommen, währenddessen die Ölkonzerne auf dem Terminmarkt sich in Erwartung weiter steigender Preise mit Verkäufen zurückhielten. Schließlich erwähnt Giraudo Spekulationen von Finanzinvestoren, deren Engagements er auf 500 Milliarden Dollar für alle Warenmärkte veranschlagt.

          Frankreich will Gewinne der Ölkonzerne abgreifen

          Die amerikanischen Autofahrer müssen erstmals im Landesdurchschnitt 4 Dollar für eine Gallone (3,8 Liter) Normalbenzin bezahlen. Nach Angaben des Automobilclubs AAA kletterte der Benzinpreis auf diese Marke, nachdem am Freitag der Ölpreis auf ein Rekordniveau gestiegen war. Seit Februar hat sich Benzin damit um rund einen Dollar je Gallone verteuert. Amerikaner geben damit inzwischen im Durchschnitt rund vier Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Kraftstoff aus. Das ist zwar immer noch etwas weniger als zu Beginn der achtziger Jahre, als es einmal 4,5 Prozent waren; doch es ist deutlich mehr als jene 1,9 Prozent, die vor zehn Jahren berechnet wurden.

          Frankreich will einen Teil der Gewinne des Ölkonzerns Total abgreifen, um die sozialen Folgen der Ölpreissteigerungen abzufedern. Der einzige große französische Mineralölkonzern solle zur Finanzierung eines Heizölkostenzuschusses für die sozial Schwachen herangezogen werden, forderten mehrere Regierungspolitiker. Total-Chef Christophe de Margerie hatte schon in der vergangenen Woche seine Bereitschaft dazu signalisiert. Total hat bereits im vergangenen Jahr der Finanzierung eines Heizölkostenzuschusses in Höhe von 140 Millionen Euro zugestimmt. Dies ermöglichte der Regierung, die Subvention je Haushalt im Januar auf 150 Euro im Jahr zu verdoppeln. Präsident Nicolas Sarkozy sagte im Mai, dass der Zuschuss bald auf bis zu 200 Euro erhöht werden könnte.

          161 verschiedene Ölsorten

          Rohöl ist kein homogenes Produkt; vielmehr werden 161 verschiedene Sorten gehandelt. Unterscheidungsmerkmale sind das Gewicht sowie der Gehalt an Schwefel und Säuren. Die Qualität einer Sorte ist umso höher, je leichter das Öl ist und je weniger Schwefel und Säuren es enthält. Die wichtigsten Sorten sind:

          West Texas Intermediate (WTI) : WTI ist das Öl mit der höchsten Qualität und gleichzeitig von den bedeutenden Sorten das teuerste. Es ist leicht und arm an Schwefel sowie Säuren. Seine Tagesproduktion beträgt 20 Millionen Barrel; allerdings ist es schwer, größere neue Quellen dieser Sorte zu finden. WTI wird vor allem in Nordamerika gefördert sowie unter anderem in Venezuela, Nigeria, Saudi-Arabien und China.

          Brent: Die zweitwichtigste Ölsorte entstammt 15 Feldern aus der Nordsee und ist qualitativ nur wenig schlechter als WTI. Der Preis für Brent dient als Richtgröße für Öllieferungen aus anderen europäischen Ländern, aus Afrika und den Mittleren Osten in Richtung Westen. Ein Barrel Brent ist gewöhnlich wenige Dollar billiger als WTI.

          Dubai Crude: Auch diese Sorte ist ein Leichtöl, allerdings enthält sie mehr Säure als WTI oder Brent. Sie dient als Richtgröße für Öllieferungen aus dem Persischen Golf nach Asien.

          OPEC Reference Basket : Hierbei handelt es sich um einen gewichteten Durchschnittspreis von elf verschiedenen Sorten aus unterschiedlichen Mitgliedsländern der OPEC.

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