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Ölproduktion : Auf Ölsuche in ganz Afrika

  • -Aktualisiert am

Afrikas Ölboom: Pipelines für das „schwarze Gold” im nigerianischen Busch Bild: ASSOCIATED PRESS

Öl, so scheint es, findet man inzwischen auf dem ganzen Kontinent. Die Transportbedingungen sind allerdings schwierig. Fündig werden auch kleinere Unternehmen. Ihre Aktienkurse profitieren davon.

          6 Min.

          Sierra Leone war bislang vor allem durch einen unglaublich brutalen Bürgerkrieg bekannt und durch seine „Blutdiamanten“. Künftig aber wird das kleine westafrikanische Land noch in einem ganz anderen Zusammenhang genannt werden: Sierra Leone ist einer der neuen Ölproduzenten auf dem afrikanischen Kontinent.

          Gerald Braunberger
          (gb.), Herausgeber

          „Venus“ heißt das Ölfeld, das von einem Konsortium aus der amerikanischen Firma Anadarko Petroleum, der britischen Tullow Oil, der spanischen Repsol und dem australischen Unternehmen Woodside vor der Küste entdeckt wurde und angeblich Reserven von bis zu 200 Millionen Barrel Öl beinhalten könnte. Ein Barrel umfasst 159 Liter. Dass die Aktienkurse der beteiligten Unternehmen nach dem Fund sprunghaft anstiegen, hatte aber noch einen anderen Grund: „Venus“ liegt nur 1100 Kilometer von einem der größten Tiefwasservorkommen Afrikas entfernt, dem Jubilee-Feld vor der ghanaischen Küste, dessen Vorkommen auf zwei Milliarden Barrel geschätzt werden.

          Die größten Vorkommen liegen im Süden des Golfes von Guinea

          Zwischen „Venus“ und „Jubilee“ besteht offenbar ein Zusammenhang, nämlich ein aktives Ölfeld, das sich vom Atlantik in den Golf von Guinea hineinzieht und die Fantasien sowohl der Ölsucher beflügelt als auch der unverhofft zu hohen Einnahmen gekommenen afrikanischen Regierungen. Zwischen den beiden Feldern etwa liegen Liberia und die Elfenbeinküste, die ebenfalls über Ölvorkommen verfügen. In Ghana wird für kommendes Jahr mit einem Förderungsbeginn gerechnet. Die Regierung in Accra überlegt gegenwärtig, ihre Territorialgewässer auf 200 Seemeilen auszudehnen, weil hinter dem Horizont noch mehr Öl vermutet wird.

          Bild: F.A.Z.

          Öl, so scheint es, findet man inzwischen auf dem ganzen Kontinent. Zwar liegen die größten Vorkommen immer noch im Süden des Golfes von Guinea und damit im Hoheitsgebiet von bekannten Förderländern wie Nigeria, Angola, Kongo-Brazzaville, Gabun und Äquatorialguinea. Mittlerweile aber zählen auch Nationen wie Ghana, Sierra Leone, Liberia, Côte d'Ivoire und nicht zuletzt Uganda zum Club afrikanischer Ölnationen.

          Es herrscht Goldgräberstimmung

          Afrika produziert gegenwärtig knapp 13 Prozent der weltweiten Ölproduktion. In den kommenden Jahren aber wird damit gerechnet, dass alleine der Schwarze Kontinent für mindestens ein Drittel des Wachstums in dieser Industrie verantwortlich sein wird. Mit anderen Worten: Es herrscht Goldgräberstimmung.

          Abgesehen vom westafrikanischen Golf von Guinea, wird auch in Ost- und Zentralafrika nach Öl und Gas gesucht. Nach Angaben von Black Marlin Energy, einem in Dubai ansässigen Zulieferer für die Ölindustrie, stehen mehr als 500 Millionen Dollar für Probebohrungen alleine in Ostafrika zur Verfügung. Knapp 600 Bohrungen seien zwischen Eritrea und Moçambique niedergelassen worden. Das nimmt sich zwar bescheiden aus gegen die geschätzten 20.000 Probebohrungen in Westafrika. Gleichwohl ist die Trefferquote ähnlich hoch.

          Gasfelder in Äthiopien und Tansania entdeckt

          Die jetzt in Sierra Leone erfolgreiche Tullow Oil hatte zuvor zusammen mit der kanadischen Heritage Oil im Albertsee an der Grenze zwischen Kongo-Kinshasa und Uganda Öl gefunden. Alleine auf ugandischer Seite des Albertsees sollen die nachgewiesenen Reserven laut Tullow zwischen 600 und 700 Millionen Barrel liegen. Auf der anderen Seite des Ufers wird ähnlich viel vermutet. Auch dafür hat Tullow mit Heritage die Konzession.

          Zudem wird gegenwärtig in Madagaskar nach Öl gebohrt, vor den Seychellen und in Kenia. In Moçambique werden ebenfalls große Vorräte vermutet. Eine besonders mutige Firma, die australische Range Resources, hat sich Konzessionen in der halbautonomen somalischen Region Puntland gesichert und mitten in der Piratenhochburg Bosasso ein Büro eröffnet. Gerüchten zufolge sollen vor der Küste Somalias riesige Ölfelder liegen. In Tansania wiederum wurden ebenso Gasfelder entdeckt wie in Äthiopien. Alleine dort sollen die Reserven 100 Millionen Kubikmeter betragen.

          Immense Herausforderungen beim Transport

          Die Gasfunde wiederum haben die Ölsuche befeuert. Dass sich die Fundstätten in der Region Ogaden befinden, in der sich die äthiopische Armee seit Jahr und Tag einen Abnutzungskrieg mit einer aus Somaliern bestehenden Rebellengruppe liefert, scheint kein Hindernis zu sein. Im vergangenen Jahr kamen bei einem Überfall auf ein Lager von Ölsuchern 74 Menschen ums Leben, darunter zahlreiche chinesische Arbeiter. Abstand von der gefährlichen Arbeit aber hat keine der beteiligten Firmen, darunter die schwedische Lundin Petroleum, genommen.

          Doch die entlegenen Fundstellen stellen die Unternehmen vor immense Herausforderungen beim Transport. Sudan fördert bescheidene 490.000 Barrel täglich, weil die Transportkapazitäten entweder nicht vorhanden oder schlicht zu teuer sind angesichts des gegenwärtigen Ölpreises. Damit relativieren sich auch die Funde im Albertsee. Die von Tullow für die kommenden Jahre prognostizierte Fördermenge von 100.000 bis 150.000 Barrel täglich hängt davon ab, ob der Ölpreis beständig über 80 Dollar je Barrel bleiben wird. Nur dann wäre eine 1800 Kilometer lange und vermutlich 1,5 Milliarden Dollar teure Pipeline von Uganda bis in den kenianischen Seehafen Mombasa wirtschaftlich sinnvoll. Der ugandische Markt allein ist zu klein für solche Mengen. Vorerst, so Tullow, wolle man 6000 Barrel täglich fördern und diese zu Kerosin verarbeiten, das zum Kochen benutzt wird.

          Die Euphorie über den Geldsegen mischt sich mit Skepsis

          Dort, wo Öl weitaus leichter zu fördern und zu transportieren ist wie etwa vor der ghanaischen Küste, rechnen sich die Regierungen die Zukunft ebenfalls mit allzu optimistischen Prognosen schön. Nach Schätzungen der südafrikanischen Standard Bank könnte das gegenwärtige ghanaische Wirtschaftswachstum durch die Öleinnahmen von durchschnittlich 5 Prozent auf über 20 Prozent steigen - vorausgesetzt, der Ölpreis liegt beständig bei mehr als 100 Dollar für ein Fass. Das tut er bisher allerdings nur selten. Der ehemalige ghanaische Außenminister Nana Akufo-Addo rechnet trotzdem mit Einnahmen von 15 Milliarden Dollar in den ersten fünf Jahren der Förderung - viel Geld für ein Land, dessen größte Einnahmequelle bislang die Entwicklungshilfe war.

          Das ist ein Grund, warum sich in die Euphorie über den Geldsegen Skepsis mischt, ob die Einnahmen den durchweg bitterarmen Bevölkerungen zugutekommen werden. Alleine in Nigeria, dem nach Angola zweitgrößten Förderer des Kontinents, sollen über die Jahre mehr als 400 Milliarden Dollar aus Öleinkünften unterschlagen worden sein. In Kongo-Brazzaville, Gabun, Äquatorialguinea und Angola fällt der Befund ähnlich aus. Und ob sich die wohlgemeinten Ratschläge an die neuen Ölnationen durchsetzen werden, das Geld in „Zukunftsfonds“ nach dem Vorbild Norwegens zu investieren, um auch künftigen Generationen Wohlstand zu sichern, bleibt fraglich. Tschad ist dafür ein beredtes Beispiel.

          Das Londoner Konto existiert nicht mehr

          Dort hatte die Weltbank eine knapp vier Milliarden Dollar teure Pipeline aus den Ölfeldern im Süden des Landes quer durch Kamerun bis an den Atlantik finanziert. Dafür verpflichtete sich die tschadische Regierung, die Öleinnahmen auf ein Konto in London einzuzahlen, das der gemeinsamen Kontrolle unterlag. 10 Prozent der Einnahmen sollten in einem „Zukunftsfonds“ angelegt werden, vier Fünftel der restlichen Einnahmen sollte Tschad nach dem Willen der Weltbank für Infrastruktur und Bildung ausgeben. Doch Präsident Idriss Déby stand der Sinn mehr nach Kalaschnikow statt nach Lehrbuch. Das Londoner Konto existiert nicht mehr. Dafür hat die tschadische Armee jetzt neue Waffen.

          An der Ölsuche in Afrika beteiligen sich nicht nur die etablierten großen Ölkonzerne, sondern auch mittlere und kleinere, von den internationalen Konzernen unabhängige Unternehmen. Zu diesen Unternehmen zählt die in Irland niedergelassene Tullow Oil, die sowohl in Sierra Leone wie in Uganda „fündig“ wurde. Der Kurs der hauptsächlich in London, aber wie die nachfolgenden Unternehmen auch in Deutschland im Freiverkehr gehandelten Aktie ist daraufhin kräftig gestiegen.

          Kursziel für die Aktie von 1150 auf 1500 Pence heraufgesetzt

          Die Analysten der schweizerischen Großbank UBS haben ihr Kursziel für die Aktie von 1180 auf 1330 Pence (aktueller Kurs: 1199 Pence) erhöht und ihre Kaufempfehlung bekräftigt. Das Londoner Maklerhaus Panmure Gordon hat ebenfalls seine Kaufempfehlung für Tullow Oil bestätigt und das Unternehmen als einen seiner Favoriten unter den konzernunabhängigen Ölförderern bezeichnet und ihr Kursziel für die Aktie von 1150 auf 1500 Pence heraufgesetzt.

          „Wir glauben, dass bei einer konservativen Einschätzung der Reserven Tullow über Aktiva im Werte von annähernd 850 Pence je Aktie besitzt“, heißt es in einer Analyse von Panmure Gordon. „Die gegenwärtige Suche könnte bedeutsame Reserven und damit Wert hinzufügen.“ Neue Ölquellen dürften in den kommenden Monaten den Unternehmenswert um höchstens 2000 Pence steigern. Wenn man sehr konservativ annehme, dass sich aber nur rund ein Drittel dieser Quellen rentabel ausbeuten ließen, komme man zu einem fairen Wert der Aktie von annähernd 1500 Pence. Tullow ist derzeit in 22 Ländern auf vier Kontinenten tätig und kommt auf einen Börsenwert von rund 11 Milliarden Euro.

          „Gut positioniert mit einem langfristigen Produktionswachstum“

          Etwa den doppelten Börsenwert erzielt Woodside Petroleum, der größte börsennotierte australische Förderer von Öl und Gas. Woodside ist auf fünf Kontinenten tätig und zählt zu dem Konsortium, das im Meer vor Sierra Leone Öl entdeckte. Ölförderung in Afrika und im Mittleren Osten hat sich das mit einem Börsenwert von 1,7 Milliarden Euro deutlich kleinere Unternehmen Heritage Oil auf seine Fahnen geschrieben. Heritage hat angekündigt, sich mit dem etwa gleich großen türkischen Ölförderer Genel Energy International zusammenschließen zu wollen. Das Londoner Maklerhaus Cazenove hat sich kürzlich positiv zu der Aktie von Heritage Oil geäußert.

          Kräftig zugelegt hat auch der Kurs der texanischen Anadarko Petroleum, deren Börsenwert nunmehr rund 22 Milliarden Euro beträgt. Das Wertpapierhaus RBC Capital Markets sieht in dem westafrikanischen Ölfund eine Bestätigung seiner Ansicht, dass Anadarko „gut positioniert mit einem langfristigen Produktionswachstum und einem sinnvollen Bestand an Förderprojekten“ sei. Die Aktie gehört dem S & P-500-Aktienindex an.

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