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Förderländer leiden : Ölpreisverfall bedroht Russland und Venezuela

Ölraffinerie in Rjasan, Russland Bild: dpa

Die Energieagentur warnt vor sozialer Instabilität in den Förderländern. Dabei dürfte der Ölpreis weiter fallen – und andere Rohstoffpreise gleich mit.

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          Der niedrige Ölpreis birgt nach Ansicht der Internationalen Energieagentur (IEA) große Risiken für die erdölproduzierenden Staaten. Länder wie Russland und Venezuela seien durch die ausbleibenden Einnahmen hart getroffen, es drohten „soziale Instabilität oder finanzielle Schwierigkeiten, wenn die Produzenten bei der Rückzahlung von Schulden Schwierigkeiten bekommen“, heißt es in einem am Freitag veröffentlichten Bericht. Zum Wochenende sind die Ölpreise weiter gefallen. Sowohl Rohöl der Nordseesorte Brent als auch texanisches Leichtöl (WTI) fielen auf die tiefsten Stände seit fünf Jahren. Ein Fass (159 Liter) WTI kostet mittlerweile weniger als 60 Dollar, Brent kostet nur noch knapp 63 Dollar. Seit Juni ist der Ölpreis um mehr als 40 eingebrochen.

          Judith Lembke
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Preisverfall dürfte auch noch weiter anhalten. Denn die Ölnachfrage werde nach Einschätzung der IEA, die die Industriestaaten in Energiefragen berät, langsamer wachsen als zuvor angenommen. Das Wachstum wird nun nur noch auf 900.000 Fass täglich geschätzt – 230.000 Fass weniger als zuletzt angenommen.

          Dahingegen dürfte das Angebot aus Ländern, die nicht zur Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) gehören, stärker ansteigen als vergangenes Mal veranschlagt. Bei diesem zusätzlichen Öl handelt es sich vor allem um Schieferöl aus Amerika. Dank des „Fracking“, einer Methode, bei der Gesteinsschichten mit einem Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien aufgesprengt werden und dadurch Öl gewonnen wird, sind die Vereinigten Staaten in den vergangenen fünf Jahren zum größten Ölproduzenten der Welt aufgestiegen.

          Saudi-Arabien ist weiter gegen Produktionskürzung

          Der Umstand, dass die Produktion stärker wächst als der Verbrauch, könnte Mitte kommenden Jahres dazu führen, dass einige Länder Schwierigkeiten mit der Lagerung der Rohölüberschüsse bekommen, heißt es in der Analyse der Energieagentur weiter.

          Die Revision ihrer Nachfrageschätzung begründet die IEA damit, dass die Förderländer von den fallenden Ölpreisen hart getroffen seien und deswegen weniger zum globalen Wachstum beitragen könnten. Vor allem die Verhältnisse in Russland, dessen Wirtschaft auch zusätzlich von Sanktionen gebremst wird, hätten dazu geführt, dass die Ölnachfrage 2015 nun geringer eingeschätzt werde.

          Bild: F.A.Z.

          Unterdessen ringen die Mitglieder der Opec darum, wie sie auf den Preisverfall reagieren. Länder wie Venezuela, Iran oder Algerien, deren Haushalte wegen mangelnder finanzieller Polster unter dem Einbruch der Einnahmen aus dem Ölexport besonders leiden, streben eine Drosselung der Förderquote an, um die Preise zu stabilisieren. Deswegen könnte es schon vor dem nächsten regulären Opec-Treffen im Juni kommenden Jahres zu einer Krisensitzung kommen, sagte der algerische Energieminister im Fernsehen seines Heimatlandes. Opec-Mitglied Saudi-Arabien lehnt eine Produktionskürzung hingegen weiterhin ab. Auf die Frage, ob es zu einer Rücknahme der Förderung vor der nächsten Sitzung komme, antwortete der saudische Ölminister mit einer Gegenfrage: „Warum sollen wir die Produktion kürzen?“

          Jetzt ist die beste Zeit, in den Energiemarkt zu investieren

          Es wird derweil immer offensichtlicher, dass Saudi-Arabien als größter Opec-Produzent mit seiner Taktik, dem Preisverfall tatenlos zuzusehen, das Ziel verfolgt, weniger widerstandsfähige Mitbewerber aus dem Markt zu drängen.

          Nach Ansicht von Analysten dürften sich viele andere Rohstoffe aufgrund sinkender Ölpreise auch verbilligen. Nach Einschätzung der Société Générale sollten Baumwolle um bis zu 6,5 Prozent, Gold um 5 Prozent und Mais um 3 Prozent günstiger werden. Der amerikanische Ökonom Nouriel Roubini rechnet mit einem Verfall des Eisenerzpreises im kommenden Jahr auf weniger als 60 Dollar je Tonne. Aktuell liegt er etwa 9 Dollar höher. Grund dafür sei vor allem das Überangebot am Markt. Schon im laufenden Jahr hatten die Preise vieler Rohstoffe deutlich nachgegeben. Der Bloomberg Commodity Index, der die Entwicklung hat 22 Rohstoffen abbildet, ist um 11 Prozent zurückgegangen. Besonders stark sind die Preise für Baumwolle gesunken, seit Jahresbeginn um knapp 30 Prozent auf aktuell etwa 60 Cent je Pfund. Eisenerz kostet nur noch halb so viel wie zu Jahresbeginn. Als Gründe nennen die Analysten unter anderem die gesunkenen Produktionskosten. Energie macht etwa die Hälfte der Kosten bei der Produktion von Metallen und Agrargütern aus. Eine sinkende Nachfrage und hohe Lagerbestände übten ohnehin schon Druck auf die Preise von Rohstoffen aus.

          Die schwachen Rohstoffpreise sollten Anleger nach Ansicht von Stephen Schwarzman, Chef der Investmentgesellschaft Blackstone, nutzen, um in den Energiemarkt zu investieren. Jetzt sei die beste Zeit für einen Einstieg in dieses Feld seit Jahren gekommen, sagte Schwarzman auf einer Konferenz in New York.

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