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Ölpreis : Mehr Spekulation als Knappheit?

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Der Ölpreis hat erstmals die Marke von 100 Dollar überschritten. Und es dürften wohl bald noch mehr sein. Doch scheint dies weit weniger an tatsächlichen Knappheiten zu liegen als vielfach behauptet wird. Viel mehr sucht auch zuviel spekulative Geld nach Rendite.

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          Für die meisten Beobachter war es nur eine Frage der Zeit, am Mittwochabend war es dann gleich zu Beginn des neuen Jahres soweit: Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl stieg zwischenzeitlich über die magische Marke von 100 Dollar. Damit ist der Ölpreis in den vergangenen zwölf Monaten, notiert in Dollar, um mehr als 57 Prozent gestiegen. Inflationsbereinigt bewegt sich der Ölpreis allerdings damit lediglich auf dem Niveau der frühen achtziger Jahre.

          Zwar konnte sich der Preis nicht im dreistelligen Bereich halten und schloss bei 99,62 Dollar, doch ist die Büchse der Pandora nun einmal geöffnet. Viele Fonds hätten ihre Long-Positionen ausgebaut, hieß es, erwarten also einen weiteren Preisanstieg.

          „100 Dollar sind erst der Anfang“

          Analysten erklärten, offenbar hätten neue Angriffe auf Förderanlagen in Nigeria den entscheidenden Ausschlag gegeben. Zu dem Anstieg trugen auch die Nachricht von der Schließung mehrerer mexikanischer Häfen wegen schlechten Wetters sowie ein Bericht der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) bei. Diese hatte erklärt, sie könne möglicherweise schon 2024 die weltweite Nachfrage nach Rohöl nicht mehr decken.

          Bild: Bloomberg

          „100 Dollar sind erst der Anfang“, sagte Händler Zachary Oxman von Wisdom Financial voraus. „2008 wird es große Bewegungen beim Preis für Rohöl und auch für Gold geben.“ Energieanalyst Kris Voorspools von der belgischen Bank Fortis sieht den Grund nicht in Spekulationen: „Es geht um das Fundamentale: Angebot und Nachfrage“, sagte er.

          Der Ölpreis wird seit Jahren vom steigenden weltweiten Verbrauch in die Höhe getrieben, vor allem der Boom in China sorgt dort für kräftigeren Öldurst. Gleichzeitig stützen viele geopolitische Sorgen auch außerhalb Nigerias den hohen Ölpreis: Vor allem die Spannungen zwischen dem Westen und dem Großförderer Iran und die fortwährenden Unruhen und Attentate im ölreichen Irak führen zu der grundsätzlichen Erwartung eines knappen Angebots und damit steigender Preise.

          In zehn Jahren 200 Dollar?

          Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), sonst nicht eben für Pessimismus bekannt, äußerte, dass man mit einer Verdoppelung des Ölpreises in zehn Jahren rechne. „Die Ölvorräte werden zunehmend knapp und das wird die Preise weiter hochtreiben“, sagte die DIW-Expertin Claudia Kemfert der „Berliner Zeitung“ (Donnerstagausgabe). „In fünf Jahren ist ein Ölpreis von 150 Dollar wahrscheinlich, in zehn Jahren sogar ein Preis von 200 Dollar.“

          Nichtsdestoweniger steckt in dem Preisanstieg auch ein Gutteil Spekulation. denn trotz aller Spannungen, Anschläge und bürgerkriegsähnlicher Zustände ist Rohöl bislang immer noch nicht in der Weise knapp geworden wie es stets befürchtet und an den Terminbörsen kolportiert wird. Zudem war das Handelsvolumen am ersten Arbeitstag 2008 nur halb so groß wie normal, so dass auch gezielte preisbeeinflussende Transaktionen nicht auszuschließen sind, obendrein wird spekuliert, dass die ohnehin niedrigen Lagerbestände in den Vereinigten Staaten die siebte Woche in Folge gesunken seien.

          Ein weiterer Faktor, der den Ölpreis treibt, ist zudem die amerikanische Konjunkturschwäche. Diese könnte zwar die Nachfrage aus den Vereinigten Staaten dämpfen, andererseits sorgte aber der überraschende Fall des ISM-Index im Dezember auf den mit 47,7 Punkten niedrigsten Stand seit 2003 dafür, dass die Rezessionsängste neue Nahrung erhielten.

          Oder weniger als 80 Dollar zum Jahresende?

          Dazu trug auch die Veröffentlichung des Protokolls der jüngsten Notenbankrat-Sitzung bei. Einige Mitglieder sahen die Gefahr einer Abwärtsspirale, die sowohl die Finanzmärkte als auch die Gesamtwirtschaft erfassen könnte. Zudem sehen die Währungshüter die Risiken für die amerikanische Wirtschaft offenbar eher in einer ausgeprägten Wirtschaftsschwäche und weniger der Inflation.

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