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Ölpreis im Keller : Tanken für einen Euro den Liter?

  • -Aktualisiert am

Benzin wird seit geraumer Zeit günstiger. Das freut nicht nur Reisende. Bild: dpa

Bald könnte ein Liter Benzin wieder nur einen Euro kosten. Die technische Analyse zeigt: Mit einer schwächelnden Weltkonjunktur muss das nicht unbedingt etwas zu tun haben.

          „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen!“, meinte einst Matthias Claudius. Er dürfte damit auch heute noch richtig liegen. Zurückkehrende vermitteln nur gar zu gern genau diesen Eindruck. Ob wir ihnen zuhören wollen, spielt dabei kaum eine Rolle. Wer erinnert sich nicht mit Schaudern an Diavorträge, 300 Dias von der Dominikanischen Republik, denen man sich nur um den Preis der Freundschaft entziehen konnte?

          Interessant wird die Umkehrung: Wenn also einer keine Reise macht, dann hat er scheinbar nichts zu erzählen. So gesehen, erklären sich viele Reisen von vielen Reisenden sehr schnell: Sie hätten uns sonst einfach nichts zu sagen. Aber selbst das, was sie danach erzählen beziehungsweise – Herr Claudius wäre sicher mit dieser neuzeitlichen Übersetzung einverstanden – twittern, tendiert langsam, aber sicher gen Diavortrag. Eine besondere Kategorie bilden noch diejenigen, die nicht reisen, aber uns dennoch jede Menge erzählen. Lassen wir es unkommentiert. Ich oute mich gern als Merkel-Fan: Viel reisen, viel machen, wenig erzählen, nichts twittern: Es braucht keine Worte, sondern Taten, um den einen oder anderen Neuling alt aussehen zu lassen.

          Ölpreis lange Zeit Barometer der Weltwirtschaft

          Nach dieser Einleitung liegt es nahe, einen Chart aus der Reisebranche zu besprechen oder sich wenigstens Artverwandtem zu widmen. Genau das will ich auch tun: Im Mittelpunkt steht heute das schwarze Gold – das immer noch wichtigste Schmier- und Antriebsmittel dieser Welt. Neben den vielen ohnmächtigen wären auch die mächtigsten Reisewilligen ohne Ölderivate völlig aufgeschmissen.

          BRENT

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          Der Ölpreis wurde lange Zeit auch als Konjunkturbarometer wahrgenommen. Je weiter er stieg, desto besser sollte die Weltwirtschaft brummen. Ob das wirklich immer stimmte, ist fraglich angesichts der vielen politischen Sonderfaktoren, die maßgeblich Einfluss auf den Preis hatten und haben. Insofern muss der jüngste Preisrückgang nicht überbewertet werden. Unabhängig davon, wie man diesem Energieträger gegenübersteht: Erst einmal wird der Weg zur Tankstelle nur begrenzte Schmerzen verursachen. Aber wird dies auch so bleiben?

          Preise fallen seit längerer Zeit

          Sehr langfristig betrachtet, wird das wohl so sein. Eine aus Öl gewonnene Kilowattstunde wird in erster Näherung immer nur genau soviel kosten wie beispielsweise eine aus Sonnenenergie gewonnene Kilowattstunde. Und deren Preise fallen seit geraumer Zeit und werden dies wohl auch weiter tun. Für die nächsten ein bis drei Jahre ergibt sich allerdings ein anderes Bild.

          Der abgebildete Chart zeigt die Entwicklung des Ölpreises der Sorte Brent („Nordseeöl“) in den letzten 15 Jahren. Mehr Auf und Ab in einer weiten Bandbreite war und ist wohl kaum vorstellbar. Analytisch interessant ist nun besonders, dass der Absturz in den Jahren 2014 und 2015 zwar das vorangegangene Tief aus dem Jahr 2008 bei 34 Dollar unterbot, der Ölpreis danach aber wieder sehr schnell auf Niveaus darüber zurückkehrte. Solche Entwicklungen markieren im Regelfall Übertreibungen, denen in der Mehrzahl der Fälle eine lang anhaltende und weitreichende Gegenbewegung nachfolgt.

          Kaum Anstieg in den nächsten Monaten

          Die entscheidende Frage ist nun, ob der Anstieg der vergangenen beiden Jahre bis zum Hoch bei rund 58 Dollar schon eine ausreichende Antwort auf den vorausgegangenen Absturz ist und damit der Forderung „lang anhaltend und weitreichend“ Genüge tut. Ich meine: wahrscheinlich nicht. Denn diese Gegenbewegungen folgen einem mal mehr, mal weniger wandelbaren Grundmuster von „rauf, runter, rauf“. Dieses erste „Rauf“, die erste Anstiegsbewegung, scheint nun hinter uns zu liegen und der Markt in eine sowohl vom zeitlichen als auch möglicherweise vom preislichen Ausmaß her in eine breit angelegte Konsolidierungsphase eingetreten zu sein.

          Wenigstens in den nächsten Monaten dürften wir demnach einen nachgebenden beziehungsweise zumindest nicht steigenden Ölpreis erleben – wilde Schwankungen inklusive. Ein Rückgang bis in Regionen um 43 Dollar scheint nach dem heutigen Stand der Analyse allemal gut möglich zu sein. Gepaart mit dem von mir ebenfalls erwarteten Anstieg des Euros, könnte an den Zapfsäulen der Republik bald wieder die Parität herrschen: Für einen Euro gibt es einen Liter Sprit. Ökologisch betrachtet, wird man deshalb wohl nicht gleich „Hosianna“ rufen müssen. Aber freuen ist erlaubt.

          Nachlassen der Weltkonjunktur unwahrscheinlich

          Bliebe die bereits eingangs thematisierte Konjunkturfrage: Bedeutet dieses Mal die Abschwächung des Ölpreises auch ein Nachlassen der Weltkonjunktur? Möglich wäre es – allerdings ist ein solches Szenario nicht in demselben Maße realistisch wie in der letzten „Ölkrise“ in den Jahren 2008 und 2009. Wahrscheinlich ist, dass die gute wirtschaftliche Phase der Weltkonjunktur, die wir gerade erleben, sich auch in den nächsten Monaten, wenn nicht sogar Jahren fortsetzen wird.

          Auf jeden Fall signalisieren dies die nach wie vor sehr stabil aussehenden Aufwärtstrends der Aktienmärkte in Europa, in den Vereinigten Staaten, aber auch in Fernost. Vielleicht wird der fallende Ölpreis zum Konjunkturmotor. Blicken wir noch mal kurz auf die Reisenden: Der Volksmund weiß, dass man Reisende nicht aufhalten soll. Dem ist nichts hinzuzufügen.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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