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Ölpreis : Analysten tun sich schwer mit Prognosen für den Ölpreis

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Vor einem Jahr noch schätzten Analysten den Rohölpreis für dieses Jahr auf 35 Dollar je Barrel. Dabei ignorierten sie einige Sonderfaktoren. Es gibt kaum einen Markt, auf dem sich die Analysten so schwertun wie auf dem für Rohöl.

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          Genau vor einem Jahr gab das Rohstoffteam von Lehman Brothers seine Schätzung des Ölpreises für 2005 bekannt: "Unsere Prognose für die Nordseesorte Brent liegt jetzt bei 35 Dollar." Die Deutsche Bank prognostizierte zur gleichen Zeit, der Ölpreis werde im Jahr 2005 sogar unter 35 Dollar fallen. Diese und die meisten anderen Prognosen waren falsch. Der Ölpreis ist heute fast doppelt so hoch. Auch die volkswirtschaftlichen Prognosen, die sich an diesen Schätzungen ausrichteten, erfüllten sich nicht.

          Warum verhauen sich die Finanzmärkte so bei ihren Prognosen des Ölpreises? Bei genauer Betrachtung zeigt sich, daß die Analysten meist die zum Zeitpunkt ihrer Prognose relevanten Faktoren wie Angebot und Nachfrage berücksichtigen und die bereits vorliegenden Trends fortschreiben. Sonderfaktoren wie zum Beispiel die explodierende Nachfrage in China, Naturkatastrophen oder politische Spannungen werden bei der Zukunftsbetrachtung in der Regel nicht berücksichtigt, weil sie offenbar als einmalig und mithin verzerrend gelten.

          Immer wieder China

          So betonten Analysten Mitte vergangenen Jahres zwar, daß die große Ölnachfrage Amerikas und Chinas die Märkte überrascht habe und daß ohne die Nachfrage Chinas der Ölpreis wohl nicht über 40 Dollar geklettert wäre. Es wurden auch Lieferschwierigkeiten in Nigeria und die Produktionsausfälle wegen der amerikanischen Wirbelstürme angeführt.

          Aber die Schlußfolgerung der Analysten Mitte vergangenen Jahres war, daß dies Sonderfaktoren seien. Daher kam die dominierende Ansicht auf den Finanzmärkten Mitte vergangenen Jahres, der Ölpreis werde 2005 wieder unter 40 oder sogar 35 Dollar sinken. Mehrere Faktoren wurden unterschätzt: Lehman Brothers sagt jetzt zum Beispiel, daß ein Faktor für den Ölpreisanstieg der "Nachfrageschock" von seiten Chinas sei.

          Traditionell befriedigt China einen erheblichen Teil seiner Energienachfrage mit eigener Kohle. Das Wirtschaftswachstum und die Energienachfrage Chinas sind aber so groß, daß die Kapazitäten der Kohlekraftwerke nicht ausreichen und daher um so mehr Energie in Form von Öl nachgefragt wird. Deshalb sei die Ölnachfrage Chinas plötzlich überproportional zu seinem Wirtschaftswachstum gestiegen, sagt Lehman Brothers. "Diese Stärke der Ölnachfrage und des Wirtschaftswachstums nach einem Ölpreis von 40 und 50 Dollar hat uns überrascht - vor allem in den Vereinigten Staaten und in China", räumte auch Goldman Sachs im Frühjahr ein.

          Geopolitik bleibt außen vor

          Ein wesentlicher Faktor, der in diesem Jahr zu dem anhaltenden Ölpreisanstieg beitrug und der zuvor nicht als so gravierend eingeschätzt wurde, waren die nachlassenden Investitionen Saudi-Arabiens in neue Produktionskapazitäten. Auch scheint im vergangenen Jahr nicht berücksichtigt worden zu sein, daß allein die Tatsache, daß die Raffinerien unter voller Kapazitätsauslastung arbeiten, Rückschläge birgt. Dies ist vor allem in Amerika der Fall, wo angesichts der Hochproduktion die Wartung der Raffinerien vernachlässigt wurde. Die dadurch bedingten Produktionsausfälle haben wiederum preistreibend gewirkt, was nicht vorhergesehen wurde.

          Obwohl geopolitische Spannungen erhebliche Auswirkungen auf den Ölpreis haben können, werden potentielle geopolitische Krisenherde von den Analysten in ihr Kalkül meist nicht einbezogen, vielleicht wegen ihrer Unwägbarkeit. Bereits im vergangenen Herbst war erkennbar, daß das Nuklearprogramm Irans den Vereinigten Staaten ein Dorn im Auge war. Äußerungen der amerikanischen Administration vom Herbst vergangenen Jahres deuteten bereits darauf hin, daß in Teheran ein neuer Krisenherd drohte. Das Thema wurde an den Finanzmärkten mehr als ein halbes Jahr lang ignoriert.

          Heute ist die Sorge, daß sogar Sanktionen oder militärische Schritte gegenüber dem wichtigen Mitglied der Opec, des Kartells der exportierenden Länder, drohen könnten, einer der Gründe für die Nervosität am Ölmarkt und den jüngsten Ölpreisanstieg.

          Zwei Prognosen sind besser als eine

          Bei der Ölpreisprognose scheint es den Analysten auch schwerzufallen, genau zu gewichten, welchen Einfluß die ökonomischen Faktoren auf die Preisbildung haben. Manche Marktteilnehmer glauben zum Beispiel, die gestiegene Zahl der Spekulanten am Ölmarkt habe zu dem Preisauftrieb beigetragen. Goldman Sachs hingegen meint, die Aktivitäten der Spekulanten am Ölmarkt seien für den Preisauftrieb irrelevant.

          Ähnlich unterschiedliche Einschätzungen gibt es bei der Bewertung der amerikanischen Vorräte von Ölprodukten. Diese sind derzeit relativ niedrig und werden daher oft als ein Grund für den Preisanstieg angeführt. "Wir glauben, daß die Analysten stur die alten Vorratspreismodelle der neunziger Jahre weiter anwenden und deshalb eine sogenannte Risikoprämie auf den Ölpreis berechnen, die unserer Meinung nicht gerechtfertigt ist", kritisiert Goldman Sachs.

          Aber auch dieser Bank scheint die Prognose des Ölpreises schwerzufallen. Goldman Sachs veröffentlichte sicherheitshalber im Frühjahr gleich zwei Prognosen: eine "normale" Vorhersage, nach der der Ölpreis in diesem und im nächstem Jahr bei 50 und 55 Dollar liegen wird; und eine "Super Spike"-Prognose, nach der der Ölpreis bis zum Jahr 2007 in einem Korridor von 50 bis zu 105 Dollar fluktuieren könnte. Mit diesen Schätzungen sind die Analysten von Goldman Sachs dann mit Sicherheit auf der richtigen Seite - egal, wie sich der Ölpreis entwickeln wird.

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