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Ölpreis : An der Tankstelle bleibt es erst mal günstig

Keine Bedrohung an der Zapfsäule Bild: dapd

Der Preis für Rohöl schwankt stark. Heizöl wird etwas teurer. Nur Benzin hält sich an der Tankstelle diesmal unter der Grenze von 1,30 Euro.

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          Autofahrer können sich im Augenblick freuen: Benzin, das Ende Oktober erstmals wieder bundesweit im Durchschnitt weniger als 1,30 Euro kostete, bleibt zunächst in dieser Größenordnung. Während der Preis für Rohöl der Sorte Brent bis zum Mittwochmittag gestiegen ist und auch die Händler von Heizöl im Schnitt nach Branchenangaben 1,5 Cent je Liter mehr verlangten, schlug der Preisanstieg aufs Benzin an der Zapfsäule erst gar nicht durch.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wir haben immer noch starke Schwankungen beim Benzinpreis“, sagte Steffen Bock, Geschäftsführer der Vergleichsplattform „Clever tanken“. Gleichwohl seien Benzin und Diesel seit dem Sommer deutlich billiger geworden, Benzin von fast 1,50 Euro je Liter auf zuletzt 1,296 Euro, Diesel von rund 1,25 Euro auf 1,118 Euro.

          Der Tiefstand des Dieselpreises von weniger als einem Euro komme dabei langsam wieder in den Blick, meint Bock. In anderen Jahren war Diesel oft mit dem Beginn der Heizperiode zusammen mit Heizöl teurer geworden - im Moment sei das Überangebot jedoch groß. „Die Unterschiede von Region zu Region sind hoch, auch im Tagesverlauf schwanken die Preise stark“. Am billigsten tanke man zwischen 17 und 18 Uhr, der Wochentag sei im Moment weniger entscheidend. In den Abendstunden gebe es starke Preisanhebungen an den Tankstellen, oft um 15, 16 oder sogar 17 Cent je Liter.

          Brent kurzzeitg wieder teurer als 50 Dollar

          Heizöl war in den Sommermonaten Juni, Juli und August deutlich billiger geworden. In den vergangenen Wochen gab es nach Angaben des Tankspezialisten Tecson mehr oder minder eine Seitwärtsbewegung. Im Bundesdurchschnitt liegt der Heizölpreis am Mittwoch bei 56,80 Euro je 100 Liter einschließlich Mehrwertsteuer. Am billigsten war Heizöl in anderen Jahren sogar oft im Winter, wenn die meisten Haushalte sich eingedeckt hatten und noch nicht wieder neues Öl bestellen.

          Für den anfänglichen Preisanstieg von Rohöl in dieser Woche macht Eugen Weinberg, Ölfachmann der Commerzbank, vor allem drei Faktoren verantwortlich: Nachrichten über eine fallende Ölproduktion in den Vereinigten Staaten, eine unerwartet hohe Nachfrage - vor allem aber eine Stimmung an den Märkten, die so negativ sei, dass der Ölpreis schon steige, wenn es dann doch nicht ganz so schlimm komme wie befürchtet.

          Am Mittwochnachmittag gab es dann aber eine rasche Kehrtwende. Mit Nachrichten über eine nachlassende Benzinnachfrage, geringere Ölimporte und höhere Lagerbestände fiel der Preis für die Nordseesorte Brent wieder unter 50 Dollar. Diese Marke hatte der Preis am Dienstag erstmals seit einem Monat überschritten. Auslöser dafür waren Weinberg zufolge in diesem Fall sogenannte „unplanmäßige Produktionsausfälle“: Seit Sonntag sind in Brasilien Arbeiter des staatlichen Ölunternehmens Petrobras im Ausstand. Nach Angaben der Gewerkschaft werden deshalb landesweit bis zu 500.000 Barrel Rohöl pro Tag weniger gefördert. Das Unternehmen selbst setzt die Ausfälle allerdings niedriger an.

          Zudem musste in Libyen der Ölhafen Zueitina wegen der angespannten Sicherheitslage wieder geschlossen werden, was den Ölexport aus dem ohnehin nur eingeschränkt produzierenden nordafrikanischen Opec-Land erschwere.

          Bald nur noch 20 Dollar?

          Aber auch wenn die außerplanmäßigen Ausfälle kurzfristig noch etwas weiter stiegen - sie lagen im September nach Schätzungen der amerikanischen Energy Information Administration (EIA) mit 3,7 Millionen Barrel auf dem höchsten Stand seit 2010 - bleibe die Versorgungslage am Ölmarkt mehr als reichlich, so die Einschätzung der Commerzbank.

          Wie es mit dem Ölpreis weitergeht, ist unter Analysten und Rohstoffexperten äußerst umstritten. Zu den größten „Bären“, also Pessimisten aus Sicht der Ölanbieter, zählt Jeff Currie, der leitende Rohstoffanalyst der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs: „Wir könnten die Marke von 20 Dollar je Fass durchbrechen“, glaubt Currie. Eine Kombination aus starkem Dollar, sinkenden Kosten und schwächelnder Nachfrage in den Schwellenländern werde auf mindestens fünf Jahre hinaus den Ölpreis drücken, erwartet der Amerikaner.

          Die Ölindustrie unterdessen hat mit massiven Kostensenkungen auf den Preisrutsch reagiert, der im Sommer 2014 begann und den kaum ein Ölmanager hat kommen sehen. Das renommierte Beratungshaus Wood Mackenzie schätzt, dass die Branche ihre Investitionen in neue Öl- und Gasquellen dieses und nächstes Jahr um insgesamt 220 Milliarden Dollar senken werde. In den Vereinigten Staaten und Kanada seien die Investitionen in neue Bohrlöcher bereits um drei Viertel gefallen, schätzt die Bank of America Merrill Lynch.

          Vor allem in der nordamerikanischen Schieferölförderung kann die Produktion sehr viel schneller gedrosselt und wieder hochgefahren werden als in anderen Ölförderregionen. Viele Ölkonzerne wurden von dem Schwächeanfall auf dem falschen Fuß erwischt: Weil einfach zugängliche Reserven immer knapper werden, haben sie in den vergangenen Jahren stark in neue Ölquellen investiert, deren Erschließung sich nur bei hohen Preisen rentiert. Jetzt treten sie zwar genauso stark auf die Bremse, aber wegen der langen Investitionszyklen in der Branche werden in den meisten Fällen Jahre vergehen, bevor die Kürzungen zu einem niedrigeren Ölangebot führen werden.

          Mit den niedrigen Preisen müssen alle Unternehmen leben - doch manche sind darauf besser vorbereitet als andere: Der französische Total-Konzern, der zum Kreis der fünf größten privaten Ölkonzerne der Welt, den sogenannten „Supermajors“, zählt, hat bereits vor dem Preisrutsch begonnen, seine Investitionen zu drosseln. Auch BP ist bereits in den vergangenen Jahren schlanker geworden, wenn auch unfreiwillig, denn das Unternehmen musste wegen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko das Geld zusammenhalten.

          Mit voller Wucht hat der Preisrutsch dagegen Shell getroffen. Der größte europäische Ölkonzern hat in den vergangenen Jahren massiv in teure neue Öl- und Gasquellen investiert und muss dafür nun bezahlen: Vergangene Woche gab das Unternehmen das schlechteste Quartalsergebnis seit mehr als anderthalb Jahrzehnten bekannt. Hohe Abschreibungen auf die mittlerweile eingestellte Ölsuche in der Arktis und auf ein großes Ölsandprojekt in Kanada trugen zum Milliardenverlust bei.

          Bei Total sind die Einbußen dagegen deutlich geringer. Auch die beiden amerikanischen Ölriesen Exxon-Mobil („Esso“) und Chevron („Texaco“) erwirtschafteten, trotz heftiger Einbußen, im dritten Quartal noch immer Milliardengewinne. Die Unterschiede spiegeln sich in der Börsenbewertung wider: Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, ist Shell das Schlusslicht unter den „Supermajors“, im Mittelfeld rangieren Total und BP, an der Spitze stehen Exxon-Mobil und Chevron.

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