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Ölmarkt : Regierungen nehmen Spekulanten ins Visier

  • -Aktualisiert am

Ein Ort auch für Spekulanten: die New York Mercantile Exchange Bild: REUTERS

Die amerikanische Terminbörsenaufsicht erwägt eine schärfere Regulierung der Rohölmärkte. Viele Händler und Analysten widersprechen aber der Ansicht, dass Spekulanten für die drastischen Preisschwankungen verantwortlich sind. Sie sprechen von einer Art „Hexenjagd“.

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          Aufsichtsbehörden in den Vereinigten Staaten und Regierungen in Europa schießen sich auf die Spekulanten an den Rohölmärkten ein. Die amerikanische Terminbörsenaufsicht CFTC erwägt Handelsbeschränkungen für Finanzinvestoren wie Hedge-Fonds oder Investmentbanken. Parallel dazu forderten der britische Premierminister Gordon Brown und der französische Präsident Nicolas Sarkozy in einem Meinungsbeitrag für das „Wall Street Journal“ Maßnahmen der Regierungen, um einen „gefährlich schwankenden“ Ölpreis zu zügeln. Die Staatschefs äußerten die Besorgnis, dass die Preisschwankungen das Vertrauen in eine wirtschaftliche Erholung untergraben könnten.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Der Ölpreis war jüngst von einem Tiefstand von 34 Dollar je Barrel (159 Liter) in diesem Jahr in der Spitze wieder auf 73 Dollar gestiegen. Aktuell notiert der Ölpreis um 62 Dollar. Im vergangenen Jahr war der Preis zeitweise bis auf 147 Dollar je Barrel geklettert. Die CFTC kündigte für Juli und August mehrere öffentliche Anhörungen an. Im ersten Hearing will die Aufsichtsbehörde erörtern, ob es Einschränkungen für Spekulanten beim Handel mit allen Rohstoffen geben soll, die begrenzte Vorräte haben. Besonders gelte das für Energierohstoffe wie Rohöl, Heizöl, Erdgas und Benzin, hieß es in einer Mitteilung des neuen CFTC-Vorsitzenden Gary Gensler. „Es ist meine feste Überzeugung, dass wir alle bestehenden Amtsbefugnisse aggressiv nutzen müssen, um die Integrität der Märkte sicherzustellen“, sagte Gensler, der die Behörde seit Mai führt.

          „Es ist eine Art Hexenjagd“

          Die scharfen Töne signalisieren eine Kehrtwende in der Haltung der Aufsichtsbehörde und unterstreichen den generellen Trend zu schärferer Regulierung unter Präsident Barack Obama. Viele Händler und Analysten an den Terminmärkten widersprechen aber der sich immer stärker durchsetzenden Ansicht, dass Spekulanten für die drastischen Preisschwankungen verantwortlich sind. „Es ist eine Art Hexenjagd“, sagte Phil Flynn, Analyst bei der Gesellschaft PFGBEST in Chicago.

          Einige Analysten begründen die aktuellen Schwankungen eher mit den unsicheren Aussichten für eine konjunkturelle Erholung. Der langfristige Anstieg der Rohstoffpreise gilt als Folge der Nachfrage aus Schwellenländern wie China oder Indien. Händler befürchten nun, dass eine verschärfte Regulierung den Handel beeinträchtigen und die Kosten erhöhen könnte. „Spekulanten spielen eine wichtige Rolle in den Terminmärkten, weil sie die Liquidität für Marktteilnehmer bereitstellen, die Absicherungsgeschäfte machen“, sagte Addison Armstrong vom Terminhändler TFS Energy Futures. Ölkonzerne oder Fluggesellschaften nutzen Terminkontrakte, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern. In den vergangenen Jahren hatten Finanzinvestoren zunehmend in Rohstoffmärkte investiert.

          Gesetzentwürfe gegen Spekulanten durchlaufen Kongress

          Im amerikanischen Kongress sind eine Reihe von Gesetzesentwürfen in Arbeit, die sich gegen Spekulanten richten. Senator Byron Dorgan aus North Dakota, der im vergangenen Jahr ein derartiges Vorhaben unterstützt hatte, begrüßte die jüngste Initiative der CFTC. Es sei ein positiver erster Schritt, um Ölspekulanten zu zügeln, die „einen schnellen Dollar auf Kosten der amerikanischen Verbraucher machen wollen“, sagte Dorgan. Er wolle aber erst abwarten, ob es tatsächlich zu einer schärferen Regulierung kommt. „Nur konkrete Taten werden beweisen, dass die CFTC endlich ein effektiver Polizist ist“, sagte der Senator.

          Dorgan hatte CFTC-Chef Gensler als einer von sechs Senatoren bei seiner Bestätigung im Senat die Zustimmung verweigert. Gensler hatte lange für die Investmentbank Goldman Sachs gearbeitet und bekleidete in der Regierung Clinton einen hochrangigen Posten im Finanzministerium. Damals gehörte Gensler zu den Leuten, die eine geforderte verstärkte Regulierung von Finanzderivaten, also von herkömmlichen Wertpapieren abgeleitete Finanzprodukte, verhindert hatten.

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