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Niedriger Ölpreis : Die Stunde der Mega-Ölkonzerne

  • -Aktualisiert am

Shell übernimmt für satte 64 Milliarden Euro für BG, das aus British Gas hervorgegangen ist. Bild: AFP

Der niedrige Ölpreis bringt die Ölgiganten in große Nöte. Zur Rettung schließen sie sich zusammen. Shell hat jetzt den Anfang gemacht. Weitere Fusionen werden folgen.

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          Stellen Sie sich vor, Sie sind der Chef eines milliardenschweren multinationalen Öl- und Gaskonzerns. Sie sitzen auf riesigen Rohstoffvorkommen, haben aber gerade nicht ausreichend Geld auf der Bank, um die Reserven anzuzapfen. Außerdem ist es sehr unsicher, ob sich die Förderung im Moment überhaupt lohnen würde, weil Sie für das Öl, das Sie auf dem Weltmarkt verkaufen, nur noch ungefähr halb so viel Geld bekommen wie noch vor ein paar Monaten. Und für das Gas auch viel weniger. Ihre laufenden Einnahmen sind im Keller, Sie schreiben Verluste, der alltägliche Betrieb wird zunehmend schwierig. Was tun Sie?

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der britische Gasförderer BG hat auf diese Frage am vergangenen Mittwoch eine originelle Antwort gefunden: Er lässt sich kaufen. Und zwar vom zweitgrößten privaten Öl- und Gasunternehmen der Welt. Shell bezahlt satte 64 Milliarden Euro für BG, das aus British Gas hervorgegangen ist. Es ist die größte Übernahme seit der bisher letzten Fusionswelle in der Branche Ende der neunziger Jahre. Die Führung von BG hat dem Angebot schon zugestimmt, eine Übernahmeschlacht scheint daher unwahrscheinlich. Shell bezahlt die Zustimmung teuer: Es bietet 50 Prozent mehr als den aktuellen BG-Kurs. Die Aktie schoss entsprechend in die Höhe.

          Dass Shell so viel auf den Tisch legt, liegt an den Entwicklungen seit dem vergangenen Herbst. Damals zeigte sich, dass der immer weiter fallende Öl- und mit ihm auch der Gaspreis wohl nicht nur eine kurzfristige Abweichung von der Norm war, sondern eher der Beginn eines längerfristigen Trends. Sein Auslöser sind drei sich gegenseitig verstärkende Entwicklungen. Einmal ist da der Boom in der amerikanischen Fracking-Industrie, die ihre Ölproduktion dank sprunghafter technischer Fortschritte enorm ausweitete, was das Ölangebot stark erhöhte. Das allein hätte aber in der Vergangenheit noch nicht unbedingt für einen Ölpreisverfall gesorgt: Meist schränkten die saudischen Ölscheichs, die auf den am leichtesten zu erschließenden Ölreserven sitzen, in solchen Fällen ihre Produktion ein, um dafür zu sorgen, dass der Preis nicht zu niedrig wird. Doch diesmal hatten die Saudis offenbar weniger Angst vor dem Ölpreisverfall als davor, ihre Marktanteile an die Fracker zu verlieren - sie drosselten ihre Produktion nicht, was das Überangebot weiter erhöhte. Und zu allem Überfluss drückte auch noch die lahmende Weltkonjunktur die Nachfrage nach unten - der Ölpreis fiel und fiel und fiel.

          Die Lösung, die ein Großteil der Ölfirmen bisher für dieses Problem gefunden hat, ist die gängige: sparen, dass es quietscht. Sie legen Bohrlöcher still, stoppen laufende Explorationsprojekte, erhöhen die Preise in der Betriebskantine, und weil das alles noch lange nicht reicht, entlassen sie Tausende von Mitarbeitern - rund 75.000 Menschen in der Industrie haben Schätzungen zufolge in den vergangenen Monaten ihre Arbeit verloren.

          Doch das reicht für viele Unternehmen nicht. Auch wenn sich die Energiepreise in den vergangenen Wochen etwas erholt haben, liegen sie immer noch weiter unter ihrem früheren Niveau. Daher rücken nun Fusionen und Übernahmen als eine neue Antwort in den Mittelpunkt. Für Aktionäre von Übernahmekandidaten in der Öl- und Gasbranche eröffnen sich dadurch attraktive Gewinnchancen, wie der Fall BG zeigt.

          Bild: F.A.Z.

          Die jüngste Übernahme hat historische Vorbilder. Als kurz vor der Jahrtausendwende die Energiepreise schon einmal sehr niedrig lagen und die Branche unter Druck setzten, gab es die bisher letzte Kaufwelle: Exxon übernahm Mobil und wurde zum größten privaten Öl- und Gaskonzern. BP kaufte die amerikanischen Rivalen Amoco und Arco, Chevron erwarb Texaco.

          Shell könnte Übernahmewelle auslösen

          Es ist auffällig, dass zwar alle Ölfirmen unter dem Ölpreisverfall leiden, aber einige sehr viel mehr als andere. Grob gilt: Je größer der Konzern und je größer die Bandbreite seiner Geschäftsaktivitäten, desto besser kommt die Firma bisher mit dem Ölpreisverfall zurecht und desto eher kann sie es sich leisten, mit Milliarden für die Zukunft vorzusorgen.

          Das hat Shell mit der Übernahme von BG, dem drittgrößten britischer Gasproduzenten, getan. Shell vergrößert so seine Rohstoffreserven um 25 Prozent. Und das in Bereichen mit hohem Wachstumspotential. Das ist zum einen das Geschäft mit Flüssiggas (LNG), das zunehmend gefragt ist, weil es unabhängiger von russischen Lieferungen durch Pipelines macht. LNG kann auf Tankern transportiert werden. Die Geschäfte von BG sind stark auf LNG konzentriert. Zudem kann Shell nun die Ausbeutung in der Tiefsee verstärken. Dort sollen besonders große Vorkommen lagern. BG hat etwa Felder vor Brasilien und Australien. Und schließlich will Shell durch die Übernahme auch viel Geld einsparen: Synergien sollen rund 3,4 Milliarden Euro bringen.

          Shell könnte mit dem Kauf von BG eine Übernahmewelle auslösen. Auch bei Marktführer Exxon Mobil wird vermutet, dass die Firma weiter zukaufen könnte. Exxon-Chef Rex Tillerson hat vor wenigen Wochen betont, dass er Appetit darauf habe. Kaufziele könnten sich auch im neu geformten Shell-Konzern finden. Shell will nach der BG-Übernahme bis 2018 Konzernteile im Wert von immerhin 28 Milliarden Euro verkaufen.

          Die vielen anderen Firmen haben hingegen kein Geld für große Käufe und könnten zu Übernahmezielen wie BG werden. So werden mit jedem Ölpreisfall die Ölkonzerne noch größer. Exxon Mobil hat schon jetzt einen Marktwert von 360 Milliarden Dollar und ist damit nach Apple und Google das drittgrößte börsennotierte Unternehmen der Welt. Shell kommt mit BG auf etwas mehr als die Hälfte. Und ist damit immer noch 50 Prozent größer als die größten deutschen Unternehmen Bayer und Volkswagen. Es ist die Stunde der Mega-Ölkonzerne.

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