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Öl und Immobilien : Moderater Anstieg der Inflationserwartung

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Inflationserwartungen in Europa und Amerika Bild: F.A.Z.

Die Märkte erwarten einen Inflationsansteig von 1,5 Prozent für Deutschland. Großanleger investieren mehr Kapital in Vermögensklassen wie Gold, Rohöl und Immobilien.

          Der Preis für Rohöl ist am Montag für die Sorte Nordsee-Brent auf 117 und für die Sorte amerikanisches WTI auf 99 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen. Seit die Notenbankpräsidenten der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank (EZB), Ben Bernanke und Mario Draghi, im Sommer neue Programme von Anleihenkäufen in Aussicht gestellt hatten, sind die Inflationserwartungen hüben und drüben des Atlantik wieder gestiegen. Großinvestoren schichten seitdem wieder vermehrt Kapital in Vermögensklassen um, deren Werte nicht – wie bei Anleihen – durch Inflation geschmälert werden, allen voran also in Gold, Rohöl, Metalle und Immobilien.

          Hedgefonds und andere spekulativ orientierten Anleger haben in den Vereinigten Staaten ihre Wetten auf höhere Rohstoffpreise (Netto-Long-Positionen) in der Woche bis zum 11. September so stark erhöht wie seit Mai 2011 nicht mehr. Dies geht aus Daten der Terminmarktaufsicht CFTC hervor.

          Inflationserwartungen verändern sich stark

          Über den Zeitraum der gesamten Finanz- und Schuldenkrise gesehen, hat sich der Effekt der Anleihenkäufe jedoch abgenutzt, haben die Preise an den Finanzmärkten jedes Mal weniger reagiert, sind die Inflationserwartungen jedes Mal in geringerem Umfang gestiegen. Berücksichtigt man die in den Termin-Swapsätzen einberechnete Risikoprämie, dann zeigen die Swapsätze und Break-even-Inflationsraten der Anleihemärkte eine gestiegene, aber immer noch moderate Inflationserwartung: Die Marktteilnehmer rechnen in der Währungsunion in fünf Jahren mit einer mittelfristigen Inflation von knapp 2 Prozent, in Deutschland von 1,5 Prozent und in den Vereinigten Staaten von 2,4 Prozent.

          Die Inflationserwartungen der Marktteilnehmer haben sich während der Finanz- und Schuldenkrise je nach Konjunktur und Krisenszenario stark verändert. Selbst in Deutschland haben die mittelfristigen Inflationserwartungen in diesem Jahr zwischen 1,8 und 0,6 Prozent geschwankt. „Die Daten zeigen, dass der Markt entweder der EZB zutraut, die Inflationsgefahren im Griff zu behalten. Die andere Erklärung ist, dass der Markt angesichts der schwachen Wirtschaftsentwicklung nicht an Inflation glaubt“, sagt Michael Schubert, Volkswirt bei der Commerzbank. JP Morgan rechnet damit, dass die Notenbanken darauf achten werden, dass sie bei drohender Inflation die Liquidität an den Märkten schnell wieder einsammeln. Schließlich drohen sonst steigende Refinanzierungskosten des Staates und der Unternehmen, die die bisherigen Bemühungen der Notenbanken sonst wieder zunichtemachen.

          Überhitzung am Ölmarkt

          Nicht jeder Marktteilnehmer hat dieses Zutrauen. Ralf Umlauf, Analyst der Landesbank Hessen-Thüringen, meint, die höheren Inflationserwartungen zeigten schon jetzt die Zweifel des Marktes, ob die EZB ihre Anleihenkäufe wirksam sterilisieren könne.

          Die Inflationserwartungen werden derzeit durch die gestiegenen Energiepreise und Meldungen über Dürreperioden in wichtigen Anbaugebieten von Nahrungsmitteln angeheizt. Der gestiegene Ölpreis hatte die Inflationsrate in Deutschland im August stärker als von den meisten Volkswirten prognostiziert von 1,7 auf 2,1 Prozent erhöht. Dies wird nach Einschätzung der Analysten der Commerzbank auch so bleiben. „Wir sehen zunehmend Risiken einer spekulativen Überhitzung am Ölmarkt“, heißt es bei den Rohstoffanalysten. „Betrachtet man die Übertreibungsphasen nach den vorherigen Runden der quantitativen Lockerung, dürfte sich der Preisanstieg noch fortsetzen.“ Inflationserwartungen, niedrige Zinsen und der Mangel an anderen Anlagemöglichkeiten beleben zudem das Geschäft mit deutschen Wohnimmobilien spürbar.

          Nach den Angaben des Immobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle (JLL) betrifft dies vor allem die deutschen Metropolen. So seien die Preise für Eigentumswohnungen im ersten Halbjahr 2012 gegenüber dem Vorjahreszeitraum in München um 20 Prozent gestiegen. In Berlin, Leipzig und Hamburg lagen die Zuwachsraten bei 15 bis 20 Prozent, in Köln bei 15 und in Frankfurt bei 10 Prozent. Nach den Erkenntnissen von JLL stiegen die Mieten deutlich langsamer: In Leipzig, München, Hamburg, Frankfurt und Düsseldorf kletterten sie nur halb so stark wie die Preise der Eigentumswohnungen.

          Weiterer Anstieg des Wohnungspreises

          Fachleute sehen darin aber noch keine gefährliche Blasenbildung. Erwartet wird zwar, dass sich der Anstieg der Wohnimmobilienpreise im weiteren Jahresverlauf fortsetzt. Angesichts der Anzeichen für eine Konjunkturabschwächung könnte sich die Dynamik der Preisentwicklung aber leicht abschwächen. Doch ist der Markt für Wohnimmobilien relativ konjunkturunabhängig.

          Allerdings weisen Beobachter darauf hin, dass die deutschen Wohnungspreise von Überhitzungen wie in manchen Lagen von London oder Paris noch weit entfernt sind. Erst in jüngerer Zeit haben sich die Preise in den Metropolen vom Rest des Landes teils deutlich nach oben abgesetzt. Zudem spiegeln die aktuellen Preisanstiege zum Teil noch einen Aufholprozess, da der Preisrückgang in einigen Regionen nach dem Platzen des Wiedervereinigungsbooms noch immer nicht aufgeholt wurde.

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