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Neuer Verdacht : Wie der Ölpreis manipuliert werden kann

Der Griff zum Zapfhahn könnte für Autofahrer teurer gewesen sein als nötig Bild: dpa

Drei große europäischen Mineralölkonzerne werden verdächtigt, den Ölpreis manipuliert zu haben. Autofahrer, Anleger und Besitzer von Ölheizungen könnten um Milliarden betrogen worden sein.

          Nahezu jeder Autofahrer hat das Phänomen schon beobachtet: Regelmäßig vor verlängerten Wochenenden wie etwa Pfingsten oder Ostern steigt der Benzin- und Dieselpreis um wenige Cent. Die Mineralölkonzerne haben noch im Vorjahr jede Schuld von sich gewiesen: „Entscheidend sind weder Feiertage noch Urlaubsbeginn, sondern die Entwicklung der Einkaufskosten für das Produkt Benzin oder Diesel“, sagte etwa eine Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverband. Aktuell wollte sich der Verband im Gespräch mit dieser Zeitung dazu nicht äußern.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Zweifel, ob die Benzinpreise bewusst manipuliert werden, bekommen nun durch Ermittlungen der Europäischen Kommission gegen drei große europäische Ölkonzerne neue Nahrung. Im Visier der Fahnder steht der britische Konzern BP, die niederländische Royal Dutch Shell und das norwegische Unternehmen Statoil.

          Konkret untersucht die Europäische Kommission, ob ein Referenzpreis für Öl manipuliert wurde. Die Konzerne brauchen einen Referenzpreis, der sich nicht sekündlich ändert und mit dem man handeln und untereinander Geschäfte abschließen kann. Preisagenturen wie Platts, Argus und ICIS ermitteln diese Referenzpreise, indem sie bei den Marktteilnehmern Daten zu getätigten Geschäften abfragen. „Aber bei manchen Ölprodukten findet nur alle paar Tage ein Handelsgeschäft statt“, sagte der Ölmarktexperte Steffen Bukold vom Hamburger Beratungsunternehmen Energycomment dieser Zeitung. „Deshalb sind bei der Preisermittlung auch Schätzungen notwendig“, sagt Bukold. Der Referenzpreis auf Öl wird bei Platts täglich um 17.30 Uhr bekannt gegeben. Sollte also ein Ölkonzern für seine Geschäfte einen leicht höheren Preis angegeben haben, könnten sie bis zur nächsten Preisbekanntgabe ihr Öl für einen höheren Preis handeln.

          Einmal täglich wird der Referenzpreis ermittelt

          Die Bedeutung von Preisagenturen ist enorm: Etwa 80 Prozent aller Ölgeschäfte basieren auf Referenzpreisen von denen wie Platt, lediglich 20 Prozent der Geschäfte werden auf Basis der Preises an den Börsen abgeschlossen. Platts hat dabei eine herausragende Rolle bei den Referenzpreisen — etwa 90 Prozent aller Ölgeschäfte basieren auf dem Preis von Platts. In einer Stellungnahme gegenüber der EU-Kommission schätzte Platts das Volumen der Öl-Finanzkontrakte, die auf Basis der eigenen Preisschätzungen gehandelt werden, in den ersten elf Monaten des Jahres 2012 auf 1,4 Billionen Dollar.
          Die von Platts ermittelten Preise dienen als Basis für hunderte von Finanzkontrakten auf Öl und Gas, die an den führenden Terminbörsen in Chicago und London gehandelt werden. Damit hat er weitreichende Auswirkungen auf den Markt und beeinflusst direkt etwa den Gewinn für Ölförderer, den Kurs ebendieser Derivate oder auch den Benzin- oder Heizölpreis. Die Kommission betonte, selbst kleine Abweichungen könnten eine „riesige Wirkung“ auf die Preise für Rohöl und raffiniertes Öl haben und die Verbraucher daher schädigen. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, könnte der Schaden für Anleger und Verbraucher in die Milliarden gehen, Autofahrer hätten über Jahre zuviel bezahlt.

          Den Benzinpreis zu manipulieren ist indes nicht sonderlich einfach, da die Mineralölkonzerne nach eigener Lesart nur auf 5,36 Prozent des Preises Zugriff haben, wie etwa Aral schreibt. Das sind bei einem Benzinpreis von 1,59 Euro etwa 0,08 Euro. Denn satte 57,33 Prozent oder 0,91 Euro gehen durch diverse Abgaben wie die Öko- oder die Mehrwertsteuer direkt an den Staat. Weitere 37,32 Prozent sind der Einkaufspreis, also die Kosten für das Rohöl und eventuelle Währungsschwankungen.

          Die mögliche Manipulation betrifft nun eben diese 37,32 Prozent des Preises. Würde etwa der Einkaufspreis künstlich nur 0,01 Euro höher je Liter gelegen haben, würden bei einem Jahresverbrauch von 66,5 Milliarden Liter Benzin und Diesel pro Jahr allein deutschen Autofahrern ein Schaden von rund 665 Millionen Euro pro Jahr entstanden sein. 

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