https://www.faz.net/-gv6-6yl68

Nahrungsmittel-Geschäft : Banken haben Ärger mit der Agrarspekulation

  • -Aktualisiert am

Weizen ist in manchen Ländern ein Luxusgut Bild: APN

Die Deutsche Bank will das Nahrungsmittel-Geschäft zurückfahren. Zuvor war sie von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch kritisiert worden - diese nennt die Ankündigung jetzt „eine PR-Wolke für Hochglanzbroschüren“.

          2 Min.

          Der Vorwurf an Investmentbanken, durch spekulative Geschäfte mit Nahrungsmittel-Rohstoffen die Preise zu treiben und deswegen mitverantwortlich für den Hunger in der Welt zu sein, ist nicht neu. Ungewöhnlich ist hingegen, dass die Deutsche Bank jetzt darauf reagiert hat und ankündigt, dieses Jahr keine neuen an der Börse gehandelten Produkte mehr aufzulegen, die auf Grundnahrungsmitteln basieren. Dies teilte Deutschlands größte Bank in ihrem „Bericht zur gesellschaftlichen Verantwortung“ mit.

          Judith Lembke
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, die vorher nicht nur die Deutsche Bank, sondern auch andere Anbieter wie Goldman Sachs kritisiert hatte, nannte die Ankündigung der Bank „eine PR-Wolke für Hochglanzbroschüren“. Schließlich bedeute sie im Umkehrschluss, dass sie die bestehenden Produkte fortführe. Das sei jedoch unverantwortlich, denn die Spekulation mit Agrarrohstoffen wie Weizen, Mais und Soja an den Rohstoffbörsen treibe Nahrungsmittelpreise in armen Ländern in die Höhe.

          Rolle der Agrarspekulation umstritten

          Als besonderen Preistreiber haben Nichtregierungsorganisationen wie Foodwatch die Indexfonds ausgemacht. Mit ihnen können Anleger auf steigende Rohstoffpreise wetten. Weil Indexfonds an der Börse immer nur als Käufer von Terminkontrakten auf Agrarrohstoffe auftreten würden, zögen sie die Preise nach oben, lautet die Kritik. Zwar ist umstritten, welche Rolle die Agrarspekulation auf die Nahrungsmittelpreise hat. Für jede wissenschaftliche Studie, die ihren Einfluss belegen soll, lassen sich mindestens ebenso viele finden, die das Gegenteil zu beweisen versuchen. Kritiker der Spekulationsthese sehen die Preissteigerungen als normale Reaktion auf eine steigende Nachfrage bei einem gleichbleibenden Angebot. Sie verneinen einen Einfluss des Geschehens am Terminmarkt, wo Erwartungen gehandelt werden, auf den Spotmarkt, wo reale Güter getauscht werden.

          Sicher ist, dass Rohstoffanalysten in den Banken nur noch ungern über das Thema reden möchten. Sie fürchten nicht nur den Druck von Verbraucherschützern, sie wollen mit ihren Aussagen auch ihre Kunden nicht verprellen, die solche Geschäfte tätigen. Dabei sind es nicht nur Großanleger wie Banken und Hedgefonds, die auf die Preisveränderungen am Rohstoffmarkt setzen. Auch Privatanleger kaufen Fonds und Zertifikate, welche die Preisentwicklung abbilden.

          Goldman Sachs will sich nicht äußern

          Die Deutsche Bank will allerdings nicht komplett auf den Handel mit Agrarrohstoffen verzichten. Schließlich ließen sich damit Preise absichern und Preisschwankungen würden gesenkt. Goldman Sachs wollte sich zu dem Thema nicht äußern. Eine große Auswirkung auf den Handel mit Agrarrohstoffen wird die Entscheidung der Deutschen Bank ohnehin nicht haben. Zum einen betrifft sie lediglich neue Produkte. Außerdem bieten sich für Banken andere Möglichkeiten des Rohstoffhandels. So sind manche Investmentbanken längst auch als physische Händler am Markt aktiv. Auf der anderen Seite sind große Händler, wie zum Beispiel Cargill, auch an der Spekulation beteiligt, so dass eine Unterscheidung zwischen Handels- und Bankhaus am Rohstoffmarkt immer schwieriger wird.

          Manche Rohstoffanalysten räumen zwar ein, dass spekulative Finanzanleger an den Rohstoffmärken einen Einfluss auf die Preise ausüben können. Sie weisen jedoch darauf hin, dass diese Anleger die Preise nicht nur in die Höhe treiben - im Gegenteil. Schließlich setzten Spekulanten ebenso häufig wie auf steigende auch auf fallende Preise.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rätselraten um Tennis-Star : Was ist mit Alexander Zverev los?

          Wie ein Stromausfall: Alexander Zverev scheidet bei den Australian Open bereits im Achtelfinale aus. Sein kraftloser Auftritt wirft Fragen auf, die auch er selbst nicht beantworten kann.
          „Eine Impfplicht für Risikogruppen wäre ein guter Kompromiss“: Cihan Çelik im September auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Es gibt kein Durchatmen“

          Cihan Çelik behandelt weiter Covid-Kranke – und hält mittlerweile eine Impfpflicht für Risikogruppen für einen guten Kompromiss. Ein Interview über Omikron, die Endemie und das Zögern der Ständigen Impfkommission.