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Nach der Franken-Aufwertung : Schweizer stellen sich auf Eurokursziel ein

  • -Aktualisiert am

Die Schweizer Nationalbank steht unter Druck Bild: AFP

Handlungsdruck: Die Schweizer Regierung kündigt ein Konjunkturpaket von über zwei Milliarden Franken an. Auch die Nationalbank muss ein Kursziel abgeben. Die Inflationsgefahr gilt dabei als zweitrangig.

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          Wegen der Aufwertung des Franken steht nicht nur die Regierung der Schweiz unter Handlungsdruck und hat als Reaktion am Mittwoch ein Konjunkturpaket über zwei Milliarden Franken angekündigt. Auch die Nationalbank (SNB) wird bedrängt: Hier geht es um ein mögliches Kursziel des - am Freitag zeitweise wieder erstarkenden - Franken gegenüber dem Euro.

          Auf einer Veranstaltung der Denkfabrik Avenir Suisse in Zürich hätte die SNB einen schweren Stand gehabt. Die dort anwesenden Vertreter aus Wissenschaft und Praxis forderten nämlich fast unisono eine solche Anbindung. Besonders deutlich wurde der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. „Ich habe Zweifel, ob die Nationalbank frech genug ist, um entschlossen in diese Richtung zu gehen“, sagte er. „Aber die Zeit drängt, die SNB kann nicht mehr drei bis vier Wochen warten, wenn sie glaubwürdig bleiben will.“ Nach Ansicht der Investmentbank Goldman Sachs ist der Franken historisch die am längsten überbewertete Devise der Welt. Als „sicherer Hafen“ macht sie dieses Jahr besonders von sich reden und ist gegenüber den meisten Währungen der Welt stärker geworden. Besonders wichtig ist das Verhältnis zum Euro, da zwei Drittel der Schweizer Exporte in die EU und die Euro-Länder gehen. Der Absturz der Gemeinschaftswährung auf die Parität zum Franken am 9. August sandte Schockwellen durch die Schweiz; am Tag danach startete die SNB ihre zweite Geldmarktausweitung, die bisher über die Geschäftsbanken läuft. Inzwischen liegt das angestrebte Volumen bei 200 Milliarden Franken verglichen mit 30 Milliarden Franken vor dem ersten Schritt am 3. August.

          Nur noch kleine Spielräume

          Avenir Suisse hatte schon im Februar in einer Studie die „temporäre Verfolgung eines Wechselkursziels“ gegenüber dem Euro für den Fall ins Spiel gebracht, dass der „singuläre Aufwertungsdruck“ auf den Franken weiter stark zunehmen sollte. Die Notenbank müsse in diesem Fall für begrenzte Zeit auf ihre geldpolitische Autonomie verzichten, argumentierte das Autorenkollektiv unter Alois Bischofberger, dem früheren Chefvolkswirt der Credit Suisse. Zuvor hatte die SNB bis Juni 2010 bei Franken-Kursen um 1,35 zum Euro direkt an den Märkten interveniert und riesige Bestände an Euro und Dollar angehäuft. Das war zu früh, zumal kein Ziel formuliert und nicht entschlossen genug vorgegangen wurde, urteilt der emeritierte Baseler Wirtschaftsprofessor Peter Bernholz. Er wünscht sich eine Grenze von deutlich über 1,15 Franken zum Euro mit einem nach oben offenen Ziel. Mit einer Hau-Ruck-Aktion müsse man die „Erwartungsorientierung“ der Märkte und insbesondere der Hedge-Fonds drehen, argumentiert er.

          Nach der Ansicht von Bernholz kann die Nationalbank gegenüber dem Euro schon seit längerem keine autonome Geldpolitik mehr verfolgen, sondern nur noch Spielräume nutzen. Klar ist, dass die Geldmengenausweitung, in welcher Form auch immer, in der Schweiz mittelfristig zu mehr Inflation führt. 2 bis 3 Prozent hält der Baseler Professor Peter Kugler für akzeptabel und unvermeidbar. Die SNB ging in ihrer letzten Lagebeurteilung Mitte Juni davon aus, dass die sensible Zwei-Prozent-Marke im vierten Quartal 2013 überschritten wird. Man darf gespannt sein, was hierzu nach den aktuellen Turbulenzen im nächsten Bericht Mitte September stehen wird.

          Notenbank schweigt sich aus

          Unabhängig von Avenir Suisse haben sich schon Ernst Baltensperger, der Doyen der Schweizer Volkswirte, sowie Jan-Egbert Sturm, der Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, jüngst für eine Obergrenze des Schweizer Franken gegenüber dem Euro ausgesprochen. Auch ein Vertreter der Praxis wie der Privatbankier Konrad Hummler von Wegelin & Co. kann dem Konzept viel abgewinnen, das jedoch einer hohen Glaubwürdigkeit der Notenbank im Markt bedürfe. Zugleich erwähnt Hummler in seinem jüngsten Anlagebrief einige der Risiken: „Zum einen stellen sich ... Fragen der (rechtzeitigen) Abschöpfung einer allfällig überschüssigen Geldmenge, zum anderen führt der eine, happige Markteingriff vermutlich zu einer Abfolge von weiteren notwendigen Eingriffen“, schreibt er. Im Blick auf eine „aktivistische Notenbankpolitik“ erinnert Hummler an eine ähnliche Aktion der SNB gegenüber D-Mark und Dollar im Jahr 1978. Danach habe sie nicht frühzeitig genug begonnen, die Geldschwemme wieder abzuschöpfen. Die Folge: Die Inflationsrate stieg in der Schweiz von einem Prozent 1978 auf 6,5 Prozent im Jahr 1981.

          Die Notenbank selbst schweigt sich über ein mögliches Euro-Kursziel aus. Für den Oltener Volkswirtschaftsprofessor Matthias Binswanger waren die bisherigen Interventionen in erster Linie psychologischer Natur, wie er in der „Neuen Zürcher Zeitung“ schreibt. Das zusätzliche Geld für die Banken müsse erst noch in den Wirtschaftskreislauf fließen. Die SNB hat bei der Formulierung eines Kursziels nur einen Schuss frei, lautet das einhellige Urteil der Beobachter in der Schweiz. In diesem Fall muss sie aus allen Rohren feuern, kräftig an den Devisenmärkten intervenieren und notfalls riesige Mengen an Franken drucken.

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