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Nach der Finanzkrise : Brauchen wir ein neues Geldsystem?

Seit der Krise erlebt daher die Idee des sogenannten Vollgeldes eine Renaissance. Der Kern der Idee: Um das Finanzsystem stabil und sicher zu machen, soll der Staat den Banken verbieten, im Zuge ihrer Kreditvergabe neues Geld in Umlauf zu bringen. Dazu könnte der Staat die Banken zwingen, für alle kurzfristigen Einlagen eine Mindestreserve von 100 Prozent zu halten - oder überhaupt nur der Zentralbank erlauben, Geld zu schöpfen und weiterzugeben.

In der Schweiz will der Verein „Monetäre Modernisierung“ um den Ökonomen Hans Christoph Binswanger, den Doktorvater des früheren Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann, eine Volksabstimmung über die Einführung eines solchen Modells durchsetzen. Und in Deutschland fordert eine Initiative namens „Monetative“ um den Wirtschaftssoziologen Joseph Huber von der Universität Halle ebenfalls: „Alles Geld soll ausschließlich von einer unabhängigen öffentlichen Stelle geschöpft werden - der Zentralbank.“ Es sei wichtig, die „Geldmengenkontrolle wiederzuerlangen“, meint Huber: „Sonst produzieren die Banken so lange Geld, bis das System zusammenbricht.“

Sollte die Zentralbank mehr oder weniger Macht und Kontrolle über die Geldschöpfung haben?

Die Auswirkungen einer solchen Umstellung des Geldsystems wären zweifellos gravierend. Auf der einen Seite ist nicht zu leugnen, dass für Bankkunden die Einlagen sicherer würden, wenn die Bank sie zu 100 Prozent bei der Zentralbank deponieren müsste. Selbst der Fall, dass alle Kunden einer Bank gleichzeitig ihre Girokonten plündern wollten, verlöre seinen Schrecken. Es ist auch nicht zu bestreiten, dass die Notenbank mehr Einfluss auf die Geldmenge hätte. „Wenn niemand anders als die Notenbank Geld schöpfen darf, kann sie die Geldmenge eins zu eins kontrollieren“, sagt Helge Peukert, Finanzwissenschaftler an der Universität Erfurt.

Die Befürworter des Vollgeldes führen als einen wichtigen Vorteil an, dass man die störenden Zyklen, in denen Geld geschöpft werde, dadurch stärker ausgleichen könnte. Das hätte auch Auswirkungen auf die Konjunkturzyklen insgesamt. Man könnte vermeiden, dass die Banken in guten Zeiten übertrieben viel Geld schöpfen, weil sie bei der Kreditvergabe sehr optimistisch sind, und in schlechten Zeiten zu wenig, weil sie zu ängstlich sind. Die Vollgeld-Befürworter meinen, so könne man spekulative Blasen vermeiden - eine Ursache von Finanzkrisen.

Allerdings muss man auch sagen, was der Preis dafür ist. „Bei 100 Prozent Mindestreserve stellt sich die Frage, warum Banken überhaupt noch Sichteinlagen annehmen sollten“, sagt der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Volker Wieland. Was sollten sie daran verdienen, wenn sie die kompletten kurzfristigen Einlagen als Reserve bei der Notenbank abliefern müssen? Eine Idee ist, dass die Bankkunden dann eine Gebühr dafür entrichten könnten, dass sie ihr Geld bei der Bank abliefern dürfen, wie bei einem Schließfach. Aber ob die Bankkunden das mitmachen würden?

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