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Nach der Finanzkrise : Brauchen wir ein neues Geldsystem?

Geld entsteht, wenn eine Bank einem Kunden einen Kredit gewährt

Das passiert, indem sie Kredite vergeben. Unser Geld ist heute überwiegend Kreditgeld. Das meiste entsteht nicht mehr durch die Bearbeitung von Edelmetallen wie noch in früheren Jahrhunderten. Aristoteles und Platon philosophierten zu ihrer Zeit noch darüber, ob der Wert des Geldes durch den Metallwert der Münzen (“physis“) entstehe oder durch den Nennwert, den der Staat qua Erlass festlegt (“nomos“). Heute entsteht Geld durch Verschuldung. Was ist auch Papiergeld anderes als eine Art Schuldschein der ausgebenden Stelle, der von dem Vertrauen lebt, dass er jederzeit weiterzugeben ist? Bei dem Geld, das die Banken schaffen, dem sogenannten „Buchgeld“ oder „Giralgeld“, ist es nicht viel anders.

Dieses Geld entsteht, wenn eine Bank einem Kunden einen Kredit gewährt und den Betrag auf dessen Konto gutschreibt. Der Kunde kann den Betrag wie Geld weiterverwenden. Eigentlich handelt es sich zwar technisch nur um eine Forderung, die auf Bargeld lautet. Er kann den Betrag aber an andere überweisen, ihn mit der EC-Karte zum Shoppen nutzen oder am Automaten bar abheben. „Aus der Sicht des Einlegers sind Sichteinlagen ,wie Geld’“, sagt der Ökonom Martin Hellwig. „Aus Sicht der Banken sind sie Schuldtitel.“ Um einem Kunden einen Kredit zu gewähren, braucht die Bank noch nicht einmal die Spareinlage eines anderen Kunden aus ihrem Tresor zu holen.

Allerdings: Die Bank muss im Gegenzug für die Einlage, die sie dem Kunden gutschreibt, Geld bei der Zentralbank deponieren: die Mindestreserve. Sie ist viel kleiner als Einlage und Kredit. Lange Zeit betrug der Mindestreservesatz zwei Prozent. Anfang 2012 wurde er auf ein Prozent gesenkt. Eine Bank, die einem Kunden einen Kredit über 10.000 Euro gewähren und als Einlage gutschreiben will, braucht also 100 Euro Mindestreserve.

Wenn das geborgte Geld früher oder später als Einlage bei einer anderen Bank landet, kann diese noch mehr Kredit vergeben: Das Bankensystem als Ganzes schafft so ein Vielfaches von dem Geld, das am Anfang stand. Ökonomen nennen das „multiple Geldschöpfung“.

So funktioniert die Geldschöpfung durch Geschäftsbanken

Reicher wird die Bank durch die Geldschöpfung allerdings nicht automatisch: In der Bilanz steht der Sichtverbindlichkeit gegen den Kreditnehmer eine Forderung auf Rückzahlung des Kredits in gleicher Höhe gegenüber. Reicher wird die Bank erst, wenn sie für den Kredit später Zinsen bekommt und er nicht ausfällt. Das Geldsystem, bei dem die Banken einen Teil ihrer Einlagen als Mindest- und Barreserven halten müssen, nennt man „fraktionales“ (unvollständiges) Reservesystem. An diesem System nun entzündet sich die Kritik der Mahner.

Dabei spielen die Erfahrungen aus der Finanzkrise eine Rolle. War es nicht die übermäßige Verschuldung der Privaten, der amerikanischen Hausbesitzer, vor allem aber der Banken, die uns in die Finanzkrise geführt hat? Wie stabil kann da ein Geldsystem sein, das auf einer Geldschöpfung der Banken durch Kredite beruht? Und ihnen somit einen Einfluss auf die Geldmenge gewährt?

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