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Milchpreiskrise : Die Milchbauern suchen den Rettungsring an der Börse

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Fast zwei Jahre fiel der Milchpreis. Jetzt steigt er wieder leicht an. Bild: dpa

Das Milchpreistief kostet Existenzen. Molkereien und Bauern könnten durch Warentermingeschäfte für sichere Preise sorgen. Der Bauernverband rät dazu.

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          Die Milchpreiskrise hat ihre Spuren auf dem Land hinterlassen. Mindestens 2000 Milchviehhalter haben ihre Ställe innerhalb eines Jahres geschlossen, zumeist wohl endgültig – so die letzten amtlichen Zahlen vom Mai. Der Preis, den die Bauern für ein Kilo Milch erhalten, ging fast zwei Jahre zurück, von fast 40 auf 22 Cent im Monatsmittel, und stieg laut neuesten Zahlen des Bundesagrarministeriums nun wieder leicht auf 24 Cent.

          Auch Hilfs- und Kreditprogramme von der EU und dem Bund, abgewickelt über die KfW- oder Landwirtschaftliche Rentenbank, änderten nichts an der Notlage vieler Bauern aus dem laufenden Geschäft. Jetzt hat der Deutsche Bauernverband eine neue Idee geäußert: Der Finanzmarkt soll es richten.

          Warentermingeschäfte bei Ackerbauern bereits Alltag

          Der Bauernverband setzt sich, wie Milchmarktreferent Ludwig Börger am Mittwoch bestätigte, für einen umfangreichen Handel von Kontrakten für Milchprodukte über Terminbörsen ein. Insbesondere die deutschen Molkereien seien hierbei gefordert, im Sinne der verbleibenden rund 70.000 Milchbauern, den Kontrakthandel auszuweiten. Nur wenige Dutzend Milchbauern sicherten künftige Verkaufspreise bisher an Warenterminbörsen ab. Dabei ist es an der wichtigsten Warenterminbörse Deutschlands, der EEX von Eurex in Leipzig, seit rund fünf Jahren möglich, sogenannte Futures für Magermilchpulver und Butter zu kaufen und zu verkaufen. Und anders als unter Milchbauern, sind solche Warentermingeschäfte unter den großen Ackerbauern seit Jahren gang und gäbe.

          Nun sollen Molkereien wie Müller-Milch, Friesland Campina oder Arla im Sinne ihrer Erzeuger aktiv werden. Deutsches Milchkontor (DMK) und Hochwald haben einen Anfang gemacht und wollen dem Vernehmen nach den Bauern vereinfachte, börsenbasierte Preisabsicherungen anbieten.

          Milchbauern könnten profitieren

          Denn das Geschäft an der Börse ist nicht einfach und verlangt schon zum Einstieg die Lektüre rechtlicher Hinweise in Buchdicke. Vorsichtigen Bauern könnte er trotzdem nützen, meint Eckhard Heuser, Hauptgeschäftsführer des Milchindustrieverbandes. Hätte sich ein Landwirt abgesichert, hätte er das letzte Preistief von 22 Cent mit Erlösen von rund 27 Cent je Kilo Milch durchwaten können. „Jetzt könnte er seine Milch zum Beispiel für das gesamte kommende Jahr für 31 Cent verkaufen“, meint Heuser. Aber: Schon zahlen erste Molkereien wie Berchtesgadener mehr als 37 Cent je Kilo.

          Verkaufen Landwirte die Milch auf dem Terminmarkt zu früh, entgehen ihnen womöglich die lukrativen Hochpreisphasen. „Im langen Schnitt nützt es dem Betrieb nichts“, meint Heuser, „und viele Landwirte sind liquide und durchstehen Tiefpreisphasen, sie besitzen etwa genügend Land, das sie beleihen lassen können.“

          Große Milchproduktehersteller bereits an der Terminbörse

          Der Deutsche Bauernverband hingegen sieht gute Chancen, dass Bauern Preiskrisen durch Börsenaktivität abschwächen können. Der deutsche Milchsektor hinke „im internationalen Vergleich in diesem Bereich hinterher“. Allerdings sagt auch Milchreferent Börger, Warentermingeschäfte seien „kein Allheilmittel“. Doch preisliche Sicherheit sei ein hohes Gut angesichts zunehmend schwankender Märkte. Ähnliche Absicherungen bieten Agrarhändler wie Agravis, Baywa oder Raiffeisen Getreidebauern an.

          Im Weltmaßstab führende Molkereien sind längst an den Terminbörsen aktiv. Dort sichern sie ihre Einkaufspreise ab. Die Weltmarktführer sind der Schweizer Konzern Nestlé, Lactalis und Danone aus Frankreich, Fonterra aus Neuseeland und Daily Farmers of America. „Futures sind ein guter, aber nicht der perfekte Weg, um mit Marktrisiken im Milchfettmarkt umzugehen“, heißt es dazu etwa bei Dairy Trading International B.V., dem Mutterkonzern großer niederländischer Milchproduktehersteller. Denn die Börsen brächten nötige Liquididät, ohne die es Preissicherheiten nicht gebe. „Mehr Liquidität wird einige der gegenwärtigen Schwierigkeiten lösen“, heißt es bei Dairy Trading.

          Keine Zockereien

          Ornua, die große irische Milchwirtschaftsholding („Kerrygold“) sieht das ähnlich. Bei 2,3 Miliarden Dollar Jahresumsatz und 90 Prozent Exportquote sei vermehrte Preisabsicherung im Milchsektor wichtig: „Es gibt ganz klar einen Bedarf nach neuen finanziellen Werkzeugen, um die Volatilität zu managen“, heißt es bei Ornua. Rice Dairy International, eine Großmolkerei aus Amerika, möchte dem Eindruck widersprechen, solche Börsenaktivität sei Zockerei. Europachef Robbie Turner sagte kürzlich: „Es ist eine defensive Sache, das Gegenteil von Zocken.“

          In größerem Maßstab als an der Tochtergesellschaft der Deutschen Börse Eurex findet der Milchrohstoffhandel in Chicago statt. Die CME Gruppe lässt dort Milch in Einheiten von rund 90 Tonnen handeln, Käse von neun Tonnen, Butter ebenso. Täglich gebe es laut CME etwa 2130 Termin- oder Spotmarktgeschäfte von Milch der häufigst nachgefragten Güteklasse. Auch Butter und Käse in Fässern und Blöcken oder fettarme Trockenmilch sind börsennotiert – in den Vereinigten Staaten schon seit rund 20 Jahren. Trotzdem sieht die CME „bedeutendes Wachstumspotential“ in diesem Segment.

          Moralische Bedenken

          Ob der Molkerei-Warenterminhandel in amerikanischer Größenordnung auch auf Europa, den immerhin größten Milcherzeugerkontinent weltweit, übertragbar wäre, fragen sich auch die Analysten der CME. Der Rohstoffanalyst der Commerzbank Eugen Weinberg würde es befürworten. „Auch wenn nur eine Handvoll Teilnehmer dabei ist, wäre das sinnvoll“, sagt er und meint die Molkereien. „Es würde Transparenz schaffen.“ Seiner Ansicht nach würden aber nur wenige einzelne Bauern in das Termingeschäft einsteigen.

          Doch seiner Zunft drohte womöglich, wenn die Weltmarktpreise wieder hoch stünden, die nächste Debatte über die Moral der Rohstoffspekulationen. Zuletzt waren deswegen 2014 infolge öffentlichen Drucks Deutsche Bank, Commerzbank, Deka, LBBW und die DZ Bank aus der Nahrungsmittelspekulation mit sogenannten ETF-Wertpapieren ausgestiegen.

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