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Klimaphänomen : El Niño wirbelt die Welt durcheinander

Komplett ausgetrocknete Böden auf den Philippinen. Bild: Reuters

Vor 17 Jahren starben durch El Niño 24.000 Menschen und es entstand ein Schaden von 34 Milliarden Dollar. Die diesjährigen Vorboten des Wetterphänomens haben wohl schon dutzende Menschen auf dem Gewissen. Nun könnten auch Lebensmittel teurer werden.

          Es sind Vorboten, doch was für gewaltige: In Texas trat der Fluss Blanco über die Ufer und riss Autos und Häuser mit. Der Notstand wurde verhängt, zwölf Menschen werden vermisst, fünf weitere sind bereits tot. 2000 Menschen mussten wegen der tsunami-artigen Flut ihre Häuser verlassen. Innerhalb von drei Stunden stieg der Blanco River um neun Meter an. Doch damit nicht genug: In Mexiko wurden bei einem Tornado mindestens 13 Menschen getötet, weitere 230 verletzt, und zwölf werden noch immer vermisst. Der Wirbelsturm beschädigte 750 Gebäude und zahlreiche Fahrzeuge, auch hier herrscht Notstand. Und in Indien sind wegen einer Hitzewelle schon mehr als 600 Menschen gestorben, es herrschen Temperaturen von fast 50 Grad Celsius.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          An solche und ähnliche Wettermeldungen muss man sich in den nächsten Monaten wohl leider gewöhnen. Der Grund für das extreme Wetter ist das Phänomen El Niño, welches das Wetter auf zwei Dritteln der Erde wesentlich beeinflusst. Der letzte verheerende El Niño wurde 1997/1998 registriert, als nach Angaben der amerikanischen Wetter- und Ozeanographiebehörde NOAA 24.000 Menschen starben und ein wirtschaftlicher Verlust von 34 Milliarden Dollar entstand. Das Christuskind, so die deutsche Übersetzung für El Niño, verschont meistens nur Europa. Hierzulande fiel zum Beispiel der Winter im Jahr 2010 etwas härter aus als üblich. El Niño tritt etwa alle vier Jahre auf, allerdings liegt der letzte nun schon in der Saison 2009/2010.

          Zur Weihnachtszeit erwärmt sich dann das Meer vor Brasilien. Es folgen  in Teilen der Vereinigten Staaten (siehe Karte) gewaltige Niederschläge, oftmals in Verbindung mit Überschwemmungen und Orkanen. In Mexiko entstehen oft verheerende Wirbelstürme und Orkane - wie beobachtet. Und in Südostasien herrscht brütende Hitze und Trockenheit - wie ebenso gerade erlebt. Auch der Pazifik insgesamt ist wärmer. Deshalb verwundert es bei den Anzeichen nicht, dass die Vereinigten Staaten, Japan und Australien davon ausgehen, dass El Niño nun auch da ist. So ganz eindeutig lässt sich das vorher stets nicht bestimmen, da es für Wetterphänomene auch andere Erklärungen wie den Klimawandel geben kann.

          Globale Auswirkungen des El Niño Phänomens von Dezember bis Februar

          Das diesjährige Phänomen hat schon erste Auswirkungen bei den Agrarrohstoffen. Besonders bei Reis, Kaffee, Zucker und Kakao werden teils drastische Preissprünge erwartet. Denn in den Anbaugebieten wird dann mit Dürren und Überschwemmungen gerechnet, welche die große Hitze des El Niño eben mitbringen. Insgesamt würden laut einer Studie des Internationalen Währungsfonds die Rohstoffpreise (außer Treibstoffe) um 5 Prozent steigen. In Brasilien könnten die Preise für Sojabohnen um bis zu 37 Prozent steigen, der Kaffeepreis könnte sich sogar verdoppeln. Starker Regenfall würde die Ernte erschweren. Auch Kakaobohnen sind sehr empfindlich und könnten hart getroffen werden: Zwei Drittel werden in Westafrika angepflanzt, wo eine Dürre droht. Und Reis könnte sich um etwa 14 Prozent verteuern, weil Indien bereits jetzt schon mit Hitze kämpft und diese sich noch verschlimmern dürfte. Zum Beispiel hatte El Niño im Jahr 2002 die Regenfälle um 40 Prozent reduziert und so etwa 15 Milliarden Dollar an Ernten vernichtet.

          Tritt El Niño dieses Jahr ein, wird es nicht nur in Indien, sondern auch in Australien trockener als sonst. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es weniger Weizen und Zuckerrohr gibt, als der Kontinent sonst bereitstellt. Dagegen bringt El Niño in Brasilien und im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten mehr Feuchtigkeit und Kühle mit. Das ist für Baumwolle in den Vereinigten Staaten schlecht. Diese kann zwar noch geerntet werden. Regnet es jedoch mehr, wird die Qualität schlechter. Ähnlich sieht es bei Zucker aus. In Mittelamerika, welches dank El Niño trockener wird, werden die Plantagen weniger Kaffee produzieren. Auch in Asien und Afrika wird mit einer signifikant niedrigeren Produktion gerechnet.

          Manche Bauern spüren die Folgen schon jetzt, wie die Finanzagentur Bloomberg berichtet, zum Beispiel auf den Philippinen. Dort hat die Regierung angeboten, Rattenschwänze gegen Reis zu tauschen. Daher jagen dort Bauern nachts Ratten, die in den Feldern bis zu ein Kilogramm schwer werden sollen. Das Fleisch verzehren sie dann, und zehn Rattenschwänze tauschen sie zu einem Kilogramm Reis ein - beide Seiten gewinnen.

          Globale Auswirkungen des El Niño Phänomens von Juni bis August

          Noch gibt es laut Adam Scaife vom nationalen britischen Wetterdienst eine Chance von 70 Prozent, dass El Niño moderater ausfällt. Das sehen die australischen Kollegen aber anders, die sagen, dass es einige starke Signale für einen kräftigen El Niño gibt.

          Bei all diesen Negativnachrichten verwundert eine etwas ältere Studie aus Japan. Denn diese besagt, dass El Niño die globale Ernte stärker fördert, als er sie beeinträchtigt. Konkret hat ein Forschungsteam rund um Toshichika Iizumi vom nationalen Institut für Umwelt- und Agrarforschung herausgefunden, dass es bei 22 bis 24 Prozent der Agrargebiete negative Effekte gibt. Dafür gibt es bei 30 bis 36 Prozent positive Auswirkungen und die Ernteerträge steigen. Dazu untersuchten die Forscher die Ernten zwischen 1984 und 2004. Demnach haben El-Niño-Ereignisse beispielsweise negative Folgen auf den Maisanbau im Südosten der Vereinigten Staaten, in China, im Osten und Westen Afrikas und in Indonesien gehabt. Auch die Erträge bei Sojabohnen in Indien und Teilen Chinas leiden darunter. Dagegen fahren zum Beispiel Maisbauern in Brasilien und Argentinien höhere Ernten durch El Niño ein.

          Die Forscher haben jedoch nicht den Einfluss von El Niño auf die genaue Höhe der Ernteerträge ermittelt. Denn wenn manche Regionen profitieren, in denen die Agrarwirtschaft nicht sonderlich modernisiert ist, und dafür hochtechnisierte Agrarländer verlieren, könnten die gesamten Ernteerträge doch sinken. Weiterhin werde die globale Nachfrage nach Mais, Reis, Weizen und Sojabohnen sich bis ins Jahr 2050 verdoppeln. Damit ist auch weiterhin mit Preissteigerungen bei den Agrarrohstoffen zu rechnen. Um das auszugleichen, müsste die Produktion in den kommenden vier Jahrzehnten um bis zu 2,4 Prozent je Jahr zulegen, so die Forscher. Die Forscher empfehlen daher, das El-Niño-Phänomen auszunutzen. So könnten beispielsweise der Zeitpunkt der Aussaat oder die Art des angebauten Getreides entsprechend angepasst werden.

          Bei La Niña, der kleinen Tochter des Wetterphänomens, verschlechtern sich dagegen die Ernten. Dieses Phänomen tritt im Anschluss an El Niño auf. Dann verschlechtern sich für 9 bis 13 Prozent der Agrarflächen die Bedingungen, und nur bei 2 bis 4 Prozent werden sie besser.

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