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Kanada : Starker Dollar überdeckt Risiken

  • Aktualisiert am

.... mehr wert als der amerikanische Dollar Bild: REUTERS

Der kanadische Dollar wertet wegen des Wirtschaftsoptimismus, der Rohstoffeuphorie und Zinserwartungen auf. Dabei sind kanadische Konsumenten und Gebietskörperschaften stark verschuldet und die kanadischen Banken nur optisch solide.

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          Der kanadische Dollar ist stark. Nach einem deutlichen Kursrückschlag im Jahr 2008 wertete er danach gegen den Euro knapp 30 Prozent auf auf zuletzt 74,75 europäische Cents je Dollar beziehungsweise auf 1,3380 kanadische Dollar je Euro. Auch gegen den amerikanischen Dollar zeigt er sich stark. In den vergangenen Tagen hat der Wechselkurs erneut die Parität überwunden und liegt am Mittwoch bei 99,86 kanadischen Cents je amerikanischem Dollar.

          Nach einer massiven Aufwertung der Jahre 2003 bis 2007 im Rahmen des allgemeinen Rohstoffbooms hatte die Krise zunächst zu einem massiven Kursrückschlag geführt. Ende Dezember des Jahres 2008 waren sogar knapp 1,3 kanadische Dollar nötig gewesen, um eine Einheit der amerikanischen Währung erwerben zu können.

          Zinserwartungen leiten sich aus einem scheinbar robusten Wachstum und der Rohstoffeuphorie ab

          Nun deutet der in vergangenen Monaten etablierte Trend zusammen mit dem allgemeinen Konjunkturoptimismus und den inzwischen wieder deutlich gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen auf eine weitere Aufwertung der kanadischen Währung hin. Der Kurs des Währung des rohstoffreichen Landes wird zudem getrieben von Zinserwartungen, die wiederum auf eine robuste wirtschaftliche Entwicklung zurückzuführen ist. Nach drei Quartalen mit negativen Wachstumsraten hat sich die kanadische Konjunktur schon im dritten und vierten Quartal des vergangenen Jahres positiv entwickelt. Im letzten Quartal des Jahres 2009 lag die annualisierte Wachstumsrate bei 5,02 Prozent oder bei 1,25 Prozent im Quartalsvergleich. Im Januar nahm das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich mit dem Vormonat sogar um 0,6 Prozent zu.

          Bild: FAZ.NET

          Die kanadische Arbeitslosenquote war zwar von 5,9 Prozent im September des Jahres 2007 auf bis zu 8,7 Prozent gestiegen im August des vergangenen Jahres. Seitdem hat sich die Lage am Arbeitsmarkt allerdings etwas entspannt: Ende Februar des laufenden Jahres lag die Arbeitslosenquote noch bei 8,2 Prozent, nachdem netto knapp 21.000 neue Jobs geschaffen worden waren. Die Kapazitätsauslastung der kanadischen Industrie nimmt langsam wieder zu, wenn auch auf tiefem Niveau.

          Robust zeigt sich auch der Immobilienmarkt des Landes. Anfang März wurde der Baubeginn von knapp 200.000 Häusern gemeldet. Damit hat der Markt nach einem vorübergehenden Rückgang beinahe wieder das Boomniveau Jahre 2003 bis 2008 erreicht, in denen pro Jahr durchschnittlich zwischen 200.000 und 250.000 Häuer zu bauen begonnen wurden. Selbst die Hauspreise ziehen auf hohem Niveau weiter an. Im Januar legte der Preisindex für neue Wohnungen im Vergleich mit dem Vormonat um knapp 0,4 Prozent zu.

          Allerdings zeigt auch die Konsumentenpreisentwicklung eine gewisse Dynamik. Im Februar lag die Kerninflationsrate, die volatile Elmente erst gar nicht beinhaltet, bei 2,1 Prozent und damit deutlich über dem Leitzins von gerade einmal 0,25 Prozent und leicht über dem Inflationsziel der Bank of Canada von zwei Prozent. Anziehende Groß- und Einzelhandelsumsätze deuten auf eine wirtschaftliche Eigendynamik hin. Auf der anderen Seite betont die kanadische Zentralbank, die Wirtschaft der Landes verfüge noch über deutliche freie Kapazitäten und dämpfende Effekte gingen alleine schon von der starken Währung und geringen Aufträgen aus den Vereinigten Staaten aus.

          Kanadische Konsumenten sind stark verschuldet - Banken sehen solider aus, als sie sind

          Das alles klingt vergleichsweise positiv. Allerdings kann der „zweite Blick“ Anlass zu einer gewissen Skepsis geben. Denn im Unterschied zu anderen Märkten haben die Hauspreise in Kanada bisher nicht korrigiert und befinden sich auf sehr hohem Niveau. Jüngste Umfragen zeigen zudem, dass 65 Prozent der Kanadier schlaflose Nächte haben wegen ihrer Finanzlage und hoher Schulden, die zu einem großen Teil in Form von Hypotheken bestehen.

          Zudem ist die finanzielle Lage der Gebietskörperschaften angespannt bis prekär. Kanadas Budgetdefizit soll im Jahr 2010 bei mehr als 20 Milliarden Dollar liegen. Die Provinz Ontario ist mit Verbindlichkeiten von 1,840 amerikanischen Dollar pro Kopf (absolut 220 Milliarden kanadische Dollar) doppelt so stark verschuldet wie Kalifornien und Kalifornien ist Pleite.

          Auch die Lage der kanadischen Banken ist weitaus kritischer als gemeinhin angenommen. Denn erstens arbeiten sie in einem oligopolistischen Umfeld mit großem „Leverage“, allen voran die Royal Bank of Canada. Zweitens profitieren sie ähnlich wie Freddie Mac und Fannie Mae von einer impliziten Staatsgarantie. Sie ergibt sich aus der Möglichkeit, riskante Hypotheken günstig durch die Canadian Mortgage and Housing Corporation garantieren zu lassen. Kritischer Marktteilnehmer erklären, die kanadischen Banken seien nicht solider als andere, sondern sie hätten lediglich das Glück gehabt, dass die Hauspreisblase in Kanada bisher nicht geplatzt sei. Was nicht sei, werde allerdings noch kommen.

          In diesem Sinne mag es zwar kurzfristig reizvoll sein, auf eine weitere Aufwertung des kanadischen Dollars zu wetten. Allerdings nehmen die Korrekturrisiken immer weiter zu. Sollte es zu einem länger andauernden Dämpfer für die allgemeine Rohstoffeuphorie kommen, scheinen in Kanada kritische Überraschungen nicht ausgeschlossen zu sein.

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