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Kampf gegen den Hunger : Mit Essen spielt man nicht

  • -Aktualisiert am

Amerikanischer Weizen wird in großen Mengen auch nach Japan verschifft. Doch wer bewegt wie die Getreidepreise? Bild: Reuters

In der Schweiz wollen Linke und Grüne den Handel mit Agrarrohstoffen einschränken um den Welthunger zu bekämpfen. Doch wie groß ist eigentlich der Einfluss der Spekulanten?

          3 Min.

          Mit Essen spielt man nicht! Mit diesem Aufruf trommelt ein Bündnis aus Linken und Grünen in der Schweiz für eine Volksinitiative unter dem Titel „Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln“. Am 28. Februar stimmen die Eidgenossen darüber ab. Nach der jüngsten Umfrage haben die Befürworter die Nase vorn. Allerdings kann sich das Blatt noch wenden, denn noch sind sehr viele Schweizer unentschlossen. So plakativ und einfach die Vorlage auf den ersten Blick daherkommt, so komplex ist das Thema, wenn man es sich genauer anschaut.

          Die Initianten verfolgen ein hehres Ziel. Sie wollen den Hunger in der Welt bekämpfen. Sie verlangen, Finanzspekulationen auf Lebensmittelpreise zu verbieten, denn diese könnte hohe Preisausschläge verursachen. Dies gelte insbesondere für Agrarrohstoffe wie Weizen und Mais. Hier trieben Banken mit ihren Wetten die Preise in die Höhe und seien somit mitschuldig am Hunger in der Welt. Die Initianten geben zwar zu, dass es vielerlei Gründe für Hungersnöte in Entwicklungsländern geben könne wie zum Beispiel Missernten, Kriege und Naturkatastrophen. Aber derlei Einflüsse könnten die zum Teil extremen Preisausschläge nicht erklären. Daher soll in der Schweizer Bundesverfassung fortan festgeschrieben werden, dass Banken und andere Anleger nicht in Finanzinstrumente investieren dürfen, die sich auf Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel beziehen. Weiterhin zulässig sollen all jene Verträge sein, mit denen sich Bauern und Lebensmittelhändler gegen saisonale Preisschwankungen absichern.

          Kampagne gegen den Konzern

          Auch in Deutschland tobt seit einigen Jahren ein regelrechter Deutungskampf zu dem Thema. Nichtregierungsorganisationen wie Foodwatch oder Oxfam kritisieren Finanzkonzerne wie die Allianz und die Deutsche Bank dafür, dass sie sich an Rohstoffspekulationen beteiligen. Seit 2012 haben sich verschiedene Banken aus Investments in Rohstofffonds verabschiedet – darunter die LBBW, die Deka-Bank und die Bayern LB. Die Commerzbank nutzte ihren Ausstieg für einen viel beachteten öffentlichen Auftritt. Allerdings dürften bei diesen Entscheidungen auch Kostengründe eine wesentliche Rolle gespielt haben. Die Deutsche Bank gab im Dezember 2013 bekannt, sie werde sich auf den Handel mit Agrarprodukten zurückziehen. Allerdings werde sie weiter an den Terminbörsen aktiv bleiben und weiterhin Indexfonds auf Rohstoffe anbieten.

          Die Allianz hat im Oktober 2013 einen offenen Brief an ihre Kritiker von Oxfam geschickt. „Einen konkreten Verdacht oder Beleg, ob und wie wir tatsächlich für Preisschwankungen sorgen könnten, haben sie nicht vorgelegt“, schrieb Vorstandsmitglied Jay Ralph. Entscheidende Einflussgrößen für Nahrungsmittelpreise seien Angebot und Nachfrage, Produktions- und Transportkosten, Zölle und Margen. Zudem sei zweifelhaft, ob der Handel an Warenterminbörsen auf Preise im physischen Handel auf den Spotmärkten einwirke. Oxfam fahre eine Kampagne gegen den Konzern, dessen Kunden an einem dauerhaften und stabilen Investment in Rohstoffmärkten interessiert seien.

          Kampf gegen den Hunger

          Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, welchen Einfluss Spekulanten auf die Preise nehmen können. Foodwatch bezeichnet Wissenschaftler wie den Agrarökonomen Harald von Witzke, die einen geringen Einfluss sehen, als „realitätsferne Lehrbuchökonomen“. In einem Streitgespräch mit Foodwatch-Chef Thilo Bode in dieser Zeitung sagte dieser: „Die Märkte folgen nicht den Spekulanten, sondern die Spekulanten folgen den Märkten.“ So gebe es etwa eine enge Korrelation der Preise für Mais und Weizen mit dem Ölpreis. Tatsächlich folgten diese Preise dem rapiden Ölpreisverfall seit Mitte 2014 mit einer kleinen Verzögerung. Der Weizenpreis fiel seither von knapp 770 auf zuletzt 480 Dollar je Scheffel, der Maispreis sank von mehr als 500 auf zuletzt 368 Dollar je Scheffel.

          Die Schweizer Regierung und die Parteien aus dem bürgerlichen Lager lehnen die Initiative ab. Auch der Unternehmensdachverband Economiesuisse und die Bankiervereinigung warnen vor einer Annahme des Vorschlags. Nach Ansicht des Schweizer Wirtschaftsministers Johann Schneider-Ammann (FDP) hält die Initiative nicht, was sie verspricht. Ein Spekulationsverbot wäre im Kampf gegen den Hunger wirkungslos, würde der Schweizer Wirtschaft aber Schaden zufügen, sagt Schneider-Ammann.

          Die weiteren Gegenargumente des Wirtschaftsministers und der Regierung lauten wie folgt: Rund um den Globus wird mit Agrarderivaten gehandelt. Die betroffenen Marktteilnehmer könnten ein Handelsverbot, das nur für die Schweiz gelte, also leicht umgehen und die Transaktionen im Ausland abwickeln. Außerdem verursache ein Verbot Kosten: Die vielen Schweizer Unternehmen, Versicherer, Banken und Pensionskassen, die mit Agrarrohstoffen oder -derivaten handelten, müssten aufwendig daraufhin kontrolliert werden, ob diese Geschäfte spekulativen Zwecken dienten. Schneider-Ammann fürchtet, dass der Wirtschaftsstandort Schweiz durch eine Annahme dieser Initiative in Mitleidenschaft gezogen werden würde. „Dies in einer Zeit, in welcher die Schweizer Wirtschaft aufgrund des starken Frankens bereits stark belastet ist.“ Auch Economiesuisse warnt eindringlich vor einer weiteren Beschneidung der Wirtschaftsfreiheit.

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