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Ölpreis : Konflikt im Jemen dreht den Ölmarkt

Houthi-Rebellen in Sanaa nach den von Saudi-Arabien angeführten Luftschlägen. Bild: dpa

Politische Konflikte interessierten den Ölpreis in jüngster Zeit nicht. Mit den Luftangriffen im Jemen ist die Geopolitik auf den Ölmarkt zurückgekehrt.

          Die Zuspitzung der Krise im Jemen hat die Ölpreise am Donnerstag deutlich steigen lassen. Im frühen Handel stieg der Preis der Nordseesorte Brent um fast 6 Prozent auf knapp 60 Dollar je Barrel (159 Liter). Am Abend lag der Ölpreis noch um 4,3 Prozent im Plus bei etwa 59 Dollar je Barrel. Eine von Saudi-Arabien angeführte Koalition, zu der unter anderem auch die ölproduzierenden Länder Kuweit, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate gehören, hatte Stellungen der schiitischen Houthi-Rebellen im Jemen bombardiert. Zwar ist die Ölförderung im Jemen mit nur noch 100000 Barrel pro Tag schon seit mehreren Jahren recht gering. Sorge bereitet den Investoren eher die Eskalation des Konflikts zwischen dem sunnitisch geprägten Saudi-Arabien und Iran, das schiitisch geprägt ist. Beobachter fürchten, der Konflikt im Jemen könnte sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den beiden verfeindeten Staaten ausweiten.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Marktbeobachter kommentierten den Preissprung als eine Rückkehr der Geopolitik auf den Ölmarkt. „Geopolitische Risiken sind zuletzt ausgeblendet worden, da sich die Marktteilnehmer auf das globale Überangebot konzentriert haben“, sagte Ole Hansen, Rohstoffanalyst der Saxobank. Im vergangenen Dreivierteljahr waren die – durchaus vorhandenen – geopolitischen Konflikte bei der Ölpreisbildung hingegen ausgeblendet worden. Weder der Vormarsch der Truppen des sogenannten Islamischen Staates im Irak und in Syrien noch der Ukraine-Konflikt oder die instabile Lage in Libyen konnten den Ölpreisverfall seit Juni vergangenen Jahres stoppen.

          Entscheidender Knotenpunkt für den Öltransport

          Der Markt schien allein die Ölschwemme im Blick zu haben sowie die Weigerung des Ölkartells Opec, dem Absturz durch Drosselung der Förderung Einhalt zu gebieten. „Je höher das Überangebot in den vergangenen Monaten gestiegen ist, desto mehr wurden geopolitische Risiken ausgeblendet“, schreibt die Commerzbank in einem Marktkommentar.

          Die militärische Intervention Saudi-Arabiens habe das Blatt nun jedoch gewendet: Denn nach Angaben der amerikanischen Energiebehörde ist die Meerenge Bab el-Manded, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet, ein entscheidender Knotenpunkt für den Öltransport. Täglich passierten etwa 2,8 Millionen Barrel Rohöl oder Ölprodukte diese Meeresstraße, zu deren Anrainerstaaten der Jemen gehört. Eine Verschlechterung der Sicherheitslage würde den Transport deutlich verlängern – auch wenn die Gefährdung der Transportschiffe im Moment nur sehr hypothetisch ist.

          Steffen Bukold von der Beratungsgesellschaft Energycomment hält den Preisausschlag aufgrund der Luftangriffe auch eher für ein Strohfeuer als für einen Faktor, der den Ölmarkt längerfristig beeinflussen könnte. „Allein die Wörter Saudi-Arabien und Truppen sind Reizwörter, die bei amerikanischen Händlern Kaufimpulse auslösen“, sagt Bukold. Schließlich ist Saudi-Arabien der größte Ölexporteur der Welt. Zudem sei der Markt in den vergangenen Wochen orientierungslos gewesen. „In solchen Situationen können Impulse vom Finanzmarkt den Ölpreis sehr schnell beeinflussen – manchmal binnen weniger Minuten“, so Bukold. Er selbst hält den großen Ausschlag von immerhin 8 Prozent innerhalb von 24 Stunden jedoch für übertrieben, da sich aus den Angriffen noch keine direkte Bedrohung für die Ölproduktion im Nahen Osten ableiten lasse.

          Trendwende bei der Förderung in den Vereinigten Staaten

          Allerdings würden auch fundamentale Gründe auf eine Bodenbildung des Ölpreises sprechen. „Ein Ende der Ölschwemme in den Vereinigten Staaten zeichnet sich ab“, sagt Bukold. Es scheint, als würde der Rückgang der aktiven Bohrlöcher in Amerika langsam auch Spuren bei der Produktion hinterlassen. Die letzten Daten weisen auf eine Stagnation bei der Förderung hin. Das wäre das erste Mal seit fast einer halben Dekade – und käme damit einer Trendwende gleich.

          Was sich jedoch nicht so schnell wieder abschmelzen lässt wie eine Risikoprämie auf den Ölpreis, sind die rekordhohen Lagerbestände in den Vereinigten Staaten. Sie stammen jedoch nicht nur aus amerikanischer Produktion, da auch viele andere Förderer ihre Ölvorräte in Amerika aufbewahren. Erst in der vergangenen Woche hatten die Bestände mit einem Plus von 8 Millionen Barrel so stark zugenommen wie seit mindestens 80 Jahren nicht mehr, teilte das amerikanische Energieministerium mit.

          Die Aufwärtsbewegung des Ölpreises hatte auf die Börsen den gegenteiligen Effekt: Im frühen Handel fielen der deutsche Aktienindex Dax sowie der Auswahlindex des Euroraums, der Euro Stoxx 50, deutlich. Auch die Wall Street eröffnete im Minus. Im Laufe des Tages verringerten sich die Verluste wieder etwas. Auftrieb hatten hingegen Aktien der Ölbranche. Zeitweilig führten die Titel der italienischen Ölgesellschaft Eni und seines französischen Wettbewerbers Total die Gewinnerliste im Euro Stoxx 50 an.

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