https://www.faz.net/-gv6-7t9ip

Islamischer Staat : Die Ölgeschäfte der IS-Terroristen

  • Aktualisiert am

Bomben und Terror sind sichtbar: Aber wo ist das Geld des IS? Bild: REUTERS

So reiche Extremisten gab es nie zuvor: Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ verdient jeden Tag Millionen - mit Erdöl, aber auch Erpressung und Schmuggel. Wie lassen sich die Dschihadisten finanziell austrocknen?

          3 Min.

          Mit ihrer Schreckensherrschaft über eine große Bevölkerung und der Möglichkeit zur Eigenfinanzierung ähnelt die Extremistengruppe, die den amerikanischen Journalisten James Foley enthauptet hat, den Taliban. Anders als diese verfügt „IS“ über lukrative Ölquellen. Das erschwert den Kampf gegen die Terrorfinanzierung. Der „Islamische Staat“, kurz IS, kontrolliert mittlerweile schon ein Gebiet im Irak und Syrien, das größer als Großbritannien ist. Seine Einnahmen dürften sich auf mehr als 2 Millionen Dollar am Tag belaufen, schätzen amerikanische Geheimdienstmitarbeiter und Experten für Terrorfinanzierungen. Die Gelder stammen ihrer Einschätzung nach aus Ölverkäufen, aus Erpressung, Steuern und Schmuggelgeschäften.

          Im Gegensatz zu anderen Extremistengruppen ist der IS nicht von Geldspenden aus dem Ausland abhängig, die durch Sanktionen, Diplomatie und Strafverfolgung bekämpft werden können, sondern finanziert sich vorwiegend aus lokalen Einkommensquellen. Das stellt die Regierungen vor eine einmalige Herausforderung. Sie suchen nach Wegen, den Vormarsch der IS-Milizen zu stoppen und der Gruppe ihre finanziellen Möglichkeiten zur Ausübung von Terroranschlägen zu nehmen. Zu einem späteren Zeitpunkt könnten diese gegen die Vereinigten Staaten und Europa gerichtet sein.

          „Der Islamische Staat ist wahrscheinlich die vermögendste Terrorgruppe, die wir je gesehen haben“, sagt Matthew Levitt, Direktor des Programms für Terrorismusbekämpfung und Nachrichtendienst der Denkfabrik Washington Institute for Near East Policy und ehemaliger amerikanischer Geheimdienstmitarbeiter. „Sie sind nicht so stark in das internationale Finanzsystem integriert und daher nicht angreifbar“ auf dem Weg von Sanktionen, Geldwäschebekämpfungs-Gesetzen und Bankenregulierung.

          Eigenfinanzierung militanter Gruppen ist nicht neu

          Im Gegensatz dazu stammte der mittlerweile getötete Al-Qaida-Chef Usama Bin Ladin aus einer reichen Familie und baute auf ein Netzwerk ausländischer Unterstützer. Seine Einnahmequellen konnten von Geheimdienstlern ausgedünnt werden. Doch der IS „holt sich sein Geld primär, wenn nicht gänzlich, vor Ort“, sagt Patrick Johnston, ein Terrorismusbekämpfungsexperte der amerikanischen Denkfabrik Rand Corp.

          Auch wenn Al Qaida und andere Organisationen, die von den Vereinigten Staaten wie Hizbullah und Hamas als Terroristen eingestuft werden, hauptsächlich und lange Zeit von den finanziellen Zuwendungen der Sympathisanten und auch von wohlwollenden Staaten, darunter Libyen und Iran, abhängig sind, ist eine Eigenfinanzierung militanter Gruppen nichts Neues. Die Taliban in Afghanistan schmuggelten Opium, Erze und Holz, die marxistische Guerillagruppe FARC aus Kolumbien exportierte Kokain, und Ableger von Al Qaida im Jemen und Nordafrika haben Millionen durch Lösegelderpressungen eingenommen.

          Doch die Einnahmen des IS durch die Kontrolle eines ölreichen Gebiets und den Zugang zu lokalen Steuern stellt die Einkommen anderer Terrorgruppen klar in den Schatten. IS kontrolliert sieben Ölfelder und zwei Raffinerien im Nordirak sowie sechs der zehn Ölfelder in Ostsyrien. Das Regime verkauft das Rohöl zwischen 25 Dollar und 60 Dollar je Barrel, sagt Luay al-Khatteeb, Gastwissenschaftler am Doha Center der Brookings Institution in Qatar. Das ist ein hoher Abschlag gegenüber dem Marktpreis aufgrund der Risiken für die Mittelsmänner, die das Öl schmuggeln und vertreiben. Zum Vergleich: Der Oktober-Kontrakt für Brent-Öl kostete an der Warenterminbörse ICE in London zuletzt 102,28 Dollar je Barrel.

          IS besteuert Einwohner in dichtbesiedelten Gebieten

          Basierend auf Angaben von al-Khatteebs Kontakten im Irak beläuft sich die Produktionskapazität der von IS kontrollierten irakischen Ölfelder auf 80.000 Barrel am Tag, wovon derzeit die Hälfte gefördert wird. Der IS, sagt er, dürfte mit den Ölverkäufen etwa 2 Millionen Dollar am Tag verdienen. Bezahlt wird in bar oder durch Warentausch, wenn das Öl in die irakische Kurdenregion, Syrien, die Türkei und Jordanien geliefert wird.

          Außerdem besteuert IS die Einwohner dichtbesiedelter Gebiete. Das geschieht beispielsweise in Mossul, das in einem von der Terrormiliz beherrschten Gebiet liegt. Auch Getreidespeicher und andere wichtige Rohstoffe werden hier kontrolliert. Hinzu kommen Gelder aus kriminellen Aktivitäten innerhalb der besetzten Gebiete, wie Raubüberfälle auf Banken und Juweliere, Erpressung, Schmuggel und Entführungen zur Lösegelderpressung. In den vergangenen Jahren dürfte IS durch Lösegeldzahlungen mindestens 10 Millionen Dollar eingenommen haben, sagt ein amerikanischer Offizieller, der um Anonymität bat.

          Die Mittel von ausländischen Geldgebern seien im Vergleich zu der Selbstfinanzierung moderat, erfuhr Bloomberg. Außerdem würden gemeinnützige Stiftungsnetzwerke unter dem Deckmantel humanitärer Hilfen Kapital einsammeln, das dann an die Extremisten gehe, sagen Personen aus dem Umfeld des Finanzministeriums und des Innenministeriums der Vereinigten Staaten.

          All das behindert das Austrocknen der Finanzierungsquellen der Terrormiliz. Während das Militär der Vereinigten Staaten die Luftangriffe gegen die IS-Miliz im Irak fortsetzt – auch um amerikanische Waffen in den Händen von Extremisten zu zerstören, die die irakischen Streitkräfte zurückgelassen haben – denken andere Behörden darüber nach, wie der IS-Staatssäckel geschröpft werden könnte. Dazu gehören auch Anstrengungen, die Vertriebsnetze der Mittelsmänner auszuschalten, die Öl aus dem „Islamischen Staat“ verkaufen, die Gesetze zur Bekämpfung von Geldwäsche zu stärken und die Finanzermittlungen zu verbessern. Die Behörden dürften auch den Großteil der IS-Kapitalrücklagen ins Auge fassen. „Es ist nicht völlig klar, wo sie all das Geld haben, aber es dürfte viele Wege geben, das ins Visier zu nehmen“, sagt Fishman, ehemals Direktor des Combating Terrorism Center der amerikanischen Militärakademie West Point im Bundesstaat New York. Ob auf einem Konto oder nicht, „irgendwo muss man es aufbewahren“.

          Weitere Themen

          Cherry muss kleinere Törtchen backen

          Börsengänge : Cherry muss kleinere Törtchen backen

          Auch wenn der Börsengang des Computerzubehör-Herstellers Cherry nicht ganz die Kirsche auf der Torte war, ist er gelungen. Auch sonst gibt es einiges an Neuigkeiten aus dem Geschäft.

          Topmeldungen

          Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

          Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

          In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.

          Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

          Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.