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Irland : Schrumpfende Wirtschaft lässt Bedenken zurückkehren

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Bild: FAZ.NET

Ungeachtet jüngster „Boommeldungen“ deuten vorlaufende Indikatoren in Europa auf eine abnehmende wirtschaftliche Dynamik. Irlands Wirtschaft ist im zweiten Quartal geschrumpft. Die Kreditrisiken nehmen zu und belasten den Euro.

          Boom- und Krisenszenarien sind im Medienbereich beliebt. Schließlich sorgen extreme, überzeichnende Schlagzeilen für Auflage. Die wiederum führt zumindest in guten Zeiten für nette Werbeeinnahmen und für die Refinanzierung des Geschäfts. Sie läuft parallel zur politischen Eigenart, „Erfolge“ zu feiern und Misserfolge möglichst unter den Teppich zu kehren.

          Auf dieser Basis konnten in den vergangenen Monaten in Europa die Meldungen nicht verwundern, die über die wirtschaftliche Entwicklung in den Kernstaaten verbreitet wurden. Vor allem die Konjunkturentwicklung in Deutschland wurde gefeiert. Dabei besteht sie zu einem großen Teil aus simplen statistischen Basiseffekten. Der Vergleich mit einem sehr schwachen Vorjahr führt zumindest auf dem Papier zu wunderbaren Wachstumsraten.

          Vorlaufende Indikatoren geben zu denken

          Dabei sind die absoluten Zahlen deutlich ernüchternder, zumal sie auf gewaltige, globale geld- und fiskalpolitischen Impulse - zu einem großen Teil auf Pump - zurückgehen. Sie führen zu massiven strukturellen Verzerrungen und ob sie mittel- und längerfristig etwas bringen außer hohen Schulden, lässt sich bezweifeln. Schließlich folgen auf kurzfristig induzierten Nachfrageimpulse solcher Art nicht selten Nachfragelöcher.

          Während die Wirtschaft der Vereinigten Staaten - abgesehen von offiziellen Behauptungen - nie wirklich aus der Rezession herausgekommen ist, erhöhte die EU-Kommission noch vor wenigen Tagen die Wachstumsprognose für Deutschland und Europa. Auf Basis solcher Argumente gaben sich zumindest verkaufsorientierte Anlageberater und Strategen optimistisch. Dem stand jedoch die jüngste Veröffentlichung der vorlaufenden Wirtschaftsindikatoren der OECD, also der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, entgegen. Die Konjunkturaussichten hätten sich im Juli erneut leicht eingetrübt, erklärte sie.

          Auch am Donnerstag geben vorlaufende Indikatoren zu denken. Denn die Einkaufsmagerindizes sowohl für Europa als auch für Deutschland deuten auf eine Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik hin. Die Wachstumsraten der Auftragseingänge der deutschen Industrie haben ihr Hoch längst überschritten und tendieren nach unten. Sie lassen Zweifel an allzu optimistischen Wachstums- und Gewinnprognosen aufkommen.

          Irland ist die erste Volkswirtschaft, die wieder in die Rezession zurückgefallen zu sein scheint. Das Bruttoinlandsprodukt des Landes schrumpfte von März bis Juni des laufenden Jahres im Vergleich mit der Vorjahresperiode um 1,8 Prozent, während Experten gemeinhin von einem Zuwachs von 0,4 Prozent ausgegangen waren. Im Vergleich mit dem Vorquartal, das sich noch durch ein Plus von 2,2 Prozent ausgezeichnet hatte, ging das Wachstum um 1,2 Prozent zurück. Zudem blieb die Leistungsbilanz tief im Minus.

          Irlands Wirtschaft schrumpft wieder - Kreditrisiken nehmen zu

          Irland steht finanziell mit den Rücken zur Wand. Denn es muss die massiven Strukturdefizite verdauen, in die eine nicht verhinderte Immobilienkrise führte. Ähnlich wie Griechenland hat Irland große Mühe, mit den Schuldenbergen fertig zu werden, die die inzwischen verstaatlichten Großbanken angehäuft hatten. Drastische Sparmaßnahmen bremsen die Binnenwirtschaft und können im Extremfall zu einer negativen Wachstumsspirale führen.

          Auf dieser Basis kann kaum verwundern, dass die Kurse der Staatsanleihen des Landes am Donnerstag unter Druck stehen. Der Kurs der Papiere mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren und einem Kupon von 4,5 Prozent fällt um 1,26 Prozent auf 86,3 Prozent. Die Rendite liegt mit 6,46 Prozent praktisch auf dem höchsten Stand seit dem EU-Beitritt. Die Prämie, die für den Abschluss einer Kreditausfallversicherung mit einer Laufzeit von fünf Jahren fällig wäre, liegt bei 462 Basispunkten. Nur die Kursversicherung von Papieren der Ukraine, Argentiniens, Griechenlands und Venezuelas ist noch teurer.

          Diese Entwicklung hält auch den Kurs des Euro gegen den Dollar in Schach, nachdem er nach der Ankündigung der amerikanischen Zentralbank, die Geldpolitik in nächster Zeit mit großer Wahrscheinlichkeit weiter zu lockern, zunächst ebenso gestiegen war, die die Kurse qualitativ hochwertiger Staatsanleihen. Die Entwicklung in Irland jedoch zeigt, dass die Verschuldungskrise in Europa noch lange nicht gelöst ist. Sie wird mit einer großer Wahrscheinlichkeit zu weiteren Turbulenzen führen und sowohl die Kurse des Euro als auch der Anleihen schwacher Staaten belasten können.

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