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EU-Referendum : Brexit-Angst lässt den Pfundkurs taumeln

Ökonomen warnen vor dem wirtschaftlichen Schaden eines Brexit. Bild: dpa

Anderthalb Wochen vor dem britischen EU-Referendum stoßen Investoren die Währung ab. Ein Brexit könnte zu einem massiven Wertverlust des Pfunds führen und die Inflation nach oben treiben.

          Was haben die Randale britischer Fußballfans bei der Europameisterschaft in Frankreich mit dem Wechselkurs des britischen Pfunds zu tun? Womöglich eine ganze Menge, so befürchten Analysten: Sollte der Europäische Fußballverband seine Drohung wahr machen und die englische Nationalmannschaft vom Turnier ausschließen, würde dies womöglich die Anti-EU-Stimmung auf der Insel anheizen und den Brexit wahrscheinlicher machen. Davor warnt jedenfalls Holger Schmieding, Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Furcht vor dem EU-Ausstieg der Briten lässt schon jetzt den Wechselkurs der britischen Währung sinken. Einschätzungen wie die von Berenberg zeigen, wie nervös die Stimmung an den Finanzmärkten anderthalb Wochen vor dem britischen Referendum über den Ausstieg des Landes aus der EU ist: Am 23. Juni wird abgestimmt und die Furcht, dass durch ein unerwartetes Ereignis die öffentliche Meinung auf der Insel gegenüber dem europäischen Staatenbund vollends kippt, wächst immer mehr. Zwei Ende vergangener Woche veröffentlichte Umfragen ergaben, dass das Lager der EU-Gegner in der Gunst der Wähler vor den Proeuropäern liegt. Der Brexit scheint also möglich.

          Hedgefonds wetten auf Ausstieg der Briten

          Am Devisenmarkt wetten Hedgefonds im großen Stil auf den Ausstieg der Briten: Der Wechselkurs des Pfunds fiel am Montag um weitere 1,5 Prozent bis auf 1,2520 Euro, erholte sich im Tagesverlauf aber wieder. Im April war das Pfund mit 1,2320 Euro noch weniger wert gewesen, Mitte November hatte es aber noch bis zu 1,43 Euro gekostet. Auch gegenüber dem Dollar fiel die britische Währung am Montag auf den niedrigsten Stand seit acht Wochen. Der Preis für Absicherungsgeschäfte gegen kurzfristige Wertschwankungen des Pfunds ist so hoch wie seit der Finanzkrise vor acht Jahren nicht mehr. Der Yen wiederum stieg am Montag, was Analysten darauf zurückführten, dass die Anleger aus Furcht vor dem Brexit Geld in die japanische Währung umschichteten.

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          Immer stärker beschäftigt die Finanzmärkte auch die Frage, welche Auswirkungen ein britischer Austritt aus der EU auf den Staatenbund insgesamt hätte. Am Montag sagte die schwedische Außenministerin Margot Wallström, der Brexit könnte zum Zerfall der EU führen. Vergangenen Freitag hatte schon der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem solchen Dominoeffekt gewarnt. „Wie würden zum Beispiel die Niederlande reagieren, die traditionell sehr eng mit Großbritannien verbunden sind?“, fragte Schäuble. In Frankreich wiederum wirbt der rechte Front National offen für den EU-Ausstieg. Analysten sehen das größte Risiko in Italien, wo, Umfragen zufolge, mehr als die Hälfte der Wähler euroskeptische Parteien unterstützt.

          „Unabhängig vom Brexit ist die Büchse der Pandora geöffnet. Berlin, Paris und Brüssel müssen handeln, um den Zusammenhalt zu sichern“, kommentierten die Analysten der schwedischen Bank SEB am Montag. Der Wechselkurs des Euros gegenüber dem Dollar hat seit Donnerstag um rund 1,5 Prozent abgewertet, machte allerdings am Montag einen Teil dieser Einbußen wieder wett.

          Brexit könnte Finanzzentrum Großbritannien schwächen

          Der Ausgang des britischen Referendums steht noch immer auf Messers Schneide. Anders als die Meinungsumfragen, deuten die Wettquoten britischer Buchmacher zwar weiter auf eine klare Mehrheit für den Verbleib in der EU hin. Die aus den Quoten ableitbare implizite Wahrscheinlichkeit für den Brexit ist aber seit Ende Mai von 20 Prozent auf rund ein Drittel gestiegen. Ein Austritt würde wohl zu einer Regierungskrise und zum Rücktritt des proeuropäischen Regierungschefs David Cameron führen.

          Die große Mehrheit der Ökonomen warnt vor dem wirtschaftlichen Schaden eines Brexit. In den vergangenen Monaten haben unter anderem der Internationale Währungsfonds, die OECD und die Welthandelsorganisation auf die Risiken eines Alleingangs hingewiesen. Die Europäische Zentralbank und die Bank von England haben Großbanken aufgefordert, gegenüber den Aufsichtsbehörden darzulegen, wie sie sich für den Brexit-Fall rüsten. Ein EU-Austritt könnte die Position Großbritanniens als führendes europäisches Finanzzentrum schwächen.

          Nach einem Votum für den Brexit würde wohl ein Ausverkauf des Pfunds einsetzen. Nach einer am Montag veröffentlichten Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg prognostizieren Analysten in diesem Fall im Schnitt einen unmittelbaren Wertverlust gegenüber dem Dollar um rund 8 Prozent auf Kurse zwischen 1,35 bis 1,30 Dollar. Der Wertverlust würde damit sogar die Einbußen des „Schwarzen Mittwoch“ im September 1992 übertreffen, als das Pfund aus dem damaligen Europäischen Währungssystem ausschied. Eine solche scharfe Abwertung würde die britische Inflation nach oben treiben und könnte schlimmstenfalls zu einer Zahlungsbilanzkrise führen.

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