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Interview : Yuan-Aufwertung führt zu tektonischer Verschiebung

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Hans Redeker, Währungsstratege der BNP Paribas Bild: Hans Redeker

Die erste Aufwertung des Yuan gegen den Dollar ist vorbei. Die Konsequenzen sind umstritten. Manche reden von einem „Non-Event“, andere sehen mehr dahinter. Zum Beispiel Hans Redeker, Chef-Währungsstratege von BNP Paribas in London.

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          Die erste, wenn auch bisher kleine Aufwertung des Yuan gegen den Dollar seit langem ist zwar vielfach erwartet worden. Der gewählte Zeitpunkt, der Donnerstag der laufenden Woche, kam jedoch trotzdem etwas überraschend.

          Die Konsequenzen sind unter den Experten umstritten. Manche reden von einem „Non-Event“ andere sehen mehr dahinter. Zum Beispiel Hans Redeker, Chef-Währungsstratege der französischen Großbank BNP Paribas in London im folgenden Interview.

          Die erste Aufwertung des Yuan nach einem Jahrzehnt wird unterschiedlich bewertet. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

          Die Aufwertung ist ein zweischneidiges Schwert. Man muß bei der Auslegung differenzieren. Wir haben in Asien einen Überschuß an Ersparnissen, der weltweit zu niedrigen Renditen an den Kapitalmärkten geführt hat. Wenn es nun zu einer Anpassung dieses globalen Ungleichgewichtes kommen wird, wofür die Wechselkursanpassung vom Donnerstag der erste Schritt war, dann wird es in Asien zu einer geringeren Ersparnisbildung kommen. Das wiederum ist eine schlechte Nachricht für die globalen Rentenmärkte. Werden die Ungleichgewichte nun adressiert, so kommt es dort zu Bremsspuren.

          Mit welcher Konsequenz?

          Die niedrigen Renditen haben zu einer Hausse im Immobilienbereich der angelsächsischen Staaten geführt und auf diese Weise den Konsumenten geholfen. Denn sie konnten bei steigenden Immobilienpreisen Liquidität herausziehen, was den Konsum gestützt hat. Nun wird eine neue Zeit eingeläutet.

          Mit welcher Folge?

          Die Renten an den Rentenmärkten werden steigen und die „Immobilienblase“ wird in die Zange genommen werden. Die so genannte „Affordability“, also die finanzielle Tragbarkeit von Immobilien, befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 1982 (siehe Graphik). Und das nur auf Grund der steigenden Hauspreise, nicht etwa wegen stagnierenden Einkommen oder steigenden Hypothekenzinsen. Nachteilige Nachrichten von dieser Seite kommen erst noch. In Großbritannien kann man sehen, wie es sich weiterentwickeln könnte: Der Hausmarkt ist regelrecht „gegen die Wand gefahren“ und der Konsum in der Folge regelrecht „abgesoffen“ - und das innerhalb eines Jahres. Das ist so etwas wie ein Vorfilm von dem, was wir in den Vereinigten Staaten erleben dürften.

          Was bedeutet die Aufwertung für die Börsen?

          Einerseits gibt es Argumente, die für Aktien sprechen. Zum Beispiel für europäische Exportwerte, die auf Grund der Yuan-Aufwertung wettbewerbsfähiger werden. Oder für lokale Unternehmen in Asien, die auf diese Weise für ausländische Anleger mehr wert werden. Allerdings muß man das große Bild sehen: China will seine überhitzte Volkswirtschaft durch Marktmechanismen zügeln.

          So sehen Sie die Wechselkursanpassung in Zusammenhang mit der überraschenden Zinserhöhung im vergangenen Jahr und das ist erst der erste Schritt von mehreren folgenden?

          Ja, das ist in diesem Zusammenhang zu sehen. China betreibt eine kontraktive Geldpolitik. Man hat nach der Zinserhöhung im vergangenen Jahr versucht, die Investitionstätigkeit durch administrative Maßnahmen zu beschränken. Das ist nicht gelungen und nun besinnt man sich auf die Marktkräfte. Sie werden wirken und zu einer wirtschaftlichen Abkühlung führen. Wenn sich nun die beiden „Wachstumsmaschinen“ China und Amerika abkühlen, dürfte sich das entsprechend in der Weltwirtschaft bemerkbar machen. Das sind keine sonderlich guten Nachrichten für die Börsen. Die gegenwärtige Rally kann zwar noch eine Zeit lang weiterlaufen, aber sobald die Bremsspuren bemerkt werden, dürften sie den Rückwärtsgang einlegen.

          Gilt das auch für die Währungsseite?

          Viele Anleger gehen im Moment von der besten aller Welten aus: Die Defizite gehen zurück, es gibt ein schönes Wachstum und die Kerninflation fällt. Auf der Budgetseite gab es jedoch keine strukturellen Änderungen. Die kurzfristig hohen Einnahmen sind abhängig vom Wachstum und wenn das sich abflacht, steht das Budget auf tönernen Füßen. Gleichzeitig ist das Leistungsbilanzdefizit aus dem Fokus geraten. Die Anleger scheinen davon auszugehen, daß es sich ohne weiteres finanzieren läßt. Dabei ist und war auch hier China ein Teil des Systems.

          Was machen denn die Chinesen mit ihren gigantischen Währungsreserven, nachdem sie begonnen haben, an der Währungsschraube zu drehen?

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