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Interview : „In Euro-Yen sind Interventionen wahrscheinlich“

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Hans Redeker, Währungsstratege der BNP Paribas Bild: Hans Redeker

Nach einer längeren Seitwärtsbewegung ist der amerikanische Dollar in die Defensive geraten. Hans Redeker, Währungsstratege von BNP Paribas, rechnet mit einem anhaltend schwachen Dollar und mit Interventionen in Euro-Yen im kommenden Quartal.

          Nach einer längeren Seitwärtsbewegung ist der amerikanische Dollar in den vergangenen Tagen wieder deutlich in die Defensive geraten. Gegen den Euro hat er innerhalb kurzer Zeit die wichtige Marke von 1,30 Dollar herausgenommen und inzwischen sogar Kurse von bis zu 1,3178 Dollar erreicht. Gegen die japanische Währung ist er von 119,76 Yen noch im Oktober auf zuletzt 116,11 Yen gefallen.

          Stellt sich die Frage, wie es weitergehen wird. Wir haben sie an Hans Redeker, den Chef-Währungsstratege der französischen Großbank BNP Paribas in London, gerichtet.

          Am Devisenmarkt ist es in den vergangenen Tagen turbulenter geworden als in den Wochen zuvor. Was bewegt den Markt?

          Zum Ausbruch des Dollar hat sicherlich beigetragen, daß sich das Meinungsbild bezüglich der konjunkturellen Entwicklung in den Vereinigten Staaten gedreht hat. Während der Aktienmarkt immer noch auf die Möglichkeit eines „Soft Landings“ setzt, hat sich der Devisenmarkt inzwischen dem Rentenmarkt angeschlossen, der schon seit längerem eine signifikante Abschwächung der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung vorwegnimmt. Aus technischer Sicht hat der Ausbruch über die doch signifikante 1,30er-Marke sicherlich die Mehrzahl der Marktteilnehmer überrascht, sowohl vom Zeitpunkt her als auch mit Blick auf die Geschwindigkeit.

          Was bedeutet die Kursbewegung?

          Ich denke, viele international tätige europäische Unternehmen geraten nun zunehmend in eine Bredouille. Sie haben vielfach an eine Fortsetzung der bisherigen Handelsspanne geglaubt und aus diesem Grund in Verbindung mit hohen Kurzfristzinsen in Amerika ihre Exportrisiken nur auf das Notwendigste abgesichert. Da die Währung nun ausgebrochen ist und sich das Ende der Bilanzsaison nähert, dürften sie rasch auf weitere Absicherungen drängen, um später unangenehmen Fragen auf der Bilanzpressekonferenz ausweichen zu können. Diese Entwicklung kann zu einer gewissen Eigendynamik führen.

          Gilt das nur für die internationalen Unternehmen?

          Nein, denn auch viele Finanzmanager - also Pensionskassen- oder Hedge-Fonds-Manager - sind ebenfalls nicht von einem schwächeren Dollar ausgegangen. Diese Investoren werden bei Gelegenheit weitere Euro kaufen - und das macht den Ausbruch nachhaltig. Bis Ende Dezember ist keine Umkehrung zu erkennen.

          Wo wird das hinführen?

          Das kann dazu führen, daß Asien politisch in die Zange genommen wird. Die Amerikaner haben jüngst neue Repräsentanten und Senatoren gewählt, darunter sind einige Leute, die sich für Protektionismus ausgesprochen haben. So wird von amerikanischer Seite der Druck zunehmen, von europäischer Seite auch, wenn ich mir Euro-Yen als Indikator dafür ansehe. Das wird das Thema der kommenden Quartale sein. Asiatische Währungen werden ab dem ersten Quartal besser laufen als europäische, die Dollarschwäche wird jedoch das dominierende Thema bleiben.

          Wenn man darüber hinausschaut, so glauben wir, daß die Vereinigten Staaten auf ein „Hard Landing“ zulaufen, daß die Fed Funds im ersten Quartal um 50 Basispunkte gesenkt werden, im zweiten um 100, im dritten um weitere 50 und im vierten noch einmal um 25 Basispunkte. So wird der amerikanische Leitzins zum Ende des kommenden Jahres bei drei Prozent liegen.

          Das würde ebenfalls bedeuten, daß zum Ende des kommenden Jahres die europäischen Leitzinsen höher stehen könnten als die amerikanischen. In einem Umfeld mit einem starken Leistungsbilanzdefizit werden die Amerikaner eine schwächere Währung zeigen müssen, um überhaupt Kapital zur Finanzierung anziehen zu können. Das wird sehr wahrscheinlich das Thema des kommenden Jahres werden.

          Welche Rolle spielen die so genannten „Carry Trades“?

          Sie sind bisher noch nicht das Thema, das erkennen sie an der Entwicklung des Euro gegen den Yen, denn dann befände sich die europäische Einheitswährung auf niedrigerem Niveau gegen die japanische Währung. Im ersten Quartal des kommenden Jahres dürfte sich das jedoch ändern. Dann werden japanische Unternehmen mit Blick auf das Ende des Fiskaljahres ihre Hedging-Aktivitäten verstärken, dann werden die Zinsdifferentiale aufgrund amerikanischer Zinssenkungen zurückkommen und zu einer Normalisierung der amerikanischen Zinsstrukturkurve führen.

          Welche Schlüsse sollte der Anleger daraus ziehen?

          Sobald die so Carry Trades im ersten Quartal unter Druck geraten, müssen sie sich von den Währungen verabschieden, die in der Vergangenheit von den Mittelzuflüssen profitiert haben. Dazu zählen neben dem amerikanischen Dollar die Währungen Neuseelands, Australiens und die Währungen der Emerging Markets.

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