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Interview : Die amerikanische Zentralbank bewertet die Lage falsch

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Hans Redeker, Währungsstratege der BNP Paribas Bild: Hans Redeker

Sieht es an den internationalen Börsen fragil aus, so gilt das erst recht für den Devisenmarkt. Denn der Dollar markiert gegen den Euro neue Rekordtiefs. Währungsstratege Hans Redeker von BNP Paribas wagt im Interview einen Ausblick.

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          Sieht es an den internationalen Börsen trotz einer überraschenden und einer überraschend starken Leitzinssenkungen in den Vereinigten Staaten weiterhin fragil aus, so gilt das erst recht für den Devisenmarkt.

          Denn der Dollar setzt seinen Abwertungstrend fort und markiert gegen den Euro neue Rekordtiefs. Am Mittwoch erreichte er im Tagesverlauf Kurse von bis zu 1,4731 Dollar je Euro. So schwach war die amerikanische Währung noch nie.

          Ein Gespräch mit dem Währungsstrategen Hans Redeker von BNP Paribas in London gibt einen Einblick in die Verhältnisse an den Märkten und die weiteren Entwicklungen.

          Das Thema des Tages ist der Dollar. Er hat gegen den Euro ein Allzeittief erreicht und die Abwertungsbewegung scheint in den vergangenen Tagen dynamischer geworden zu sein. Wieso?

          Ich denke, dass die amerikanische Zentralbank am vergangenen Mittwoch einen markanten Fehler gemacht hat, indem sie ihre Zinssätze „auf neutral“ gestellt hat. Nicht die Zinssenkung um einen Viertelprozentpunkt hat die Krise ausgelöst. Sondern die Märkte realisieren, dass die Zentralbank die Lage falsch bewertet.

          Was heißt das konkret?

          In ihrem Statement geht sie davon aus, dass sich die amerikanische Konjunktur nach einem so genannten „Dip“ wieder erholen wird. Aus diesem Grund möchte sie weitere Daten abwarten und entsprechend handeln. Gleichzeitig schwächt sich der amerikanische Finanzsektor jedoch drastisch ab, was Wirkungen in anderen Teilen der Volkswirtschaft hat.

          Welche?

          Sie zeigen sich in Form von restriktiveren Kreditbedingungen, die die amerikanische Konjunktur mit großer Wahrscheinlichkeit an den Rand einer Rezession treiben werden, wenn die Zentralbank (FED) nicht beherzt eingreift. Kaum hatte die FED ihr Statement ausgegeben, so „versteilte“ sich die amerikanische Zinsstrukturkurve. Das ist ein Zeichen dafür, dass der Markt der FED kein Wort glaubt.

          Und - liegt der damit richtig?

          Ja. Denn das, was wir in den vergangenen Tagen aus der amerikanischen Finanzindustrie gehört haben, ist schlimm. Nehmen wir nur das Beispiel der Citigroup. Unser Credit Research geht davon aus, dass das Unternehmen alleine in den SIVs, also den außerbilanziellen Anlagevehikeln, eine Schieflage zwischen 16 und 24 Milliarden Dollar hat. Im Vergleich damit sehen die bisherigen Kapitalspritzen recht bescheiden aus. Der Asset Backed Commercial Paper Market ist in sich zusammengebrochen. Das heißt, diese Refinanzierungsart steht nicht mehr zur Verfügung. Aus diesem Grund sind SIVs an sich mit Risiko behaftet.

          Mit welchen Folgen?

          Ich könnte mir vorstellen, dass diese SIVs ihre Vermögenswerte im Markt werden verkaufen müssen. Genau das wollte man noch vor vier Wochen mit der Einrichtung eines „Superfonds“ verhindern. Diesen Fonds hat jedoch mittlerweile den plötzlichen Tod ereilt, weil die Banken, die die 75 Milliarden Dollar stellen wollten, mittlerweile mit den Aufräumarbeiten beschäftigt sind und die Mittel möglicherweise überhaupt nicht mehr zusammen bringen. Außerdem hat sich keiner außerhalb Amerikas dazu bereit erklärt, in diesen Superfonds einzusteigen. Damit ist die Idee tot.

          Was bedeutet das für die Banken?

          Sie müssen ihre Geschäftsmodelle ändern. Damit wird generell weniger Liquidität als bisher bereitgestellt, was die Volkswirtschaft in Richtung Rezession treiben kann.

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